Laut einer Mitteilung der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS könne das Bildungsministerium Russlands die Anzahl der Unterrichtsstunden für ein Erlernen von Fremdsprachen in den Klassen 5 bis 7 bis auf zwei in der Woche bereits im laufenden Jahr reduzieren. Entsprechende Normen seien im Entwurf einer Anweisung des Ministeriums enthalten.
Gemäß dem Dokument kann die Anzahl der Unterrichtsstunden für ein Erlernen von Englisch, Spanisch, Chinesisch, Französisch und Deutsch bis auf 408 im Unterrichtsjahr 2026 verringert werden. So wird die Gesamtzahl in der 5. Klasse 68 Stunden (zwei Stunden in der Woche), in der 6. Klasse – 68 Stunden (zwei Stunden in der Woche) und in der 7. Klasse 68 Stunden (zwei Stunden wöchentlich) betragen.
Früher machte die Gesamtzahl der Unterrichtsstunden, die für ein Erlernen von Fremdsprachen in den Schulen empfohlen wurden, 510 Stunden aus: in der 5. Klasse 102 Stunden (drei Stunden in der Woche), in der 6. Klasse 102 Stunden (drei Stunden wöchentlich), in der 7. Klasse 102 Stunden (drei Stunden in der Woche), in der 8. Klasse 102 Stunden (drei Stunden wöchentlich) und in der 9. Klasse 102 Stunden (drei Stunden in der Woche).
Der Verdiente Lehrer der Russischen Föderation und das Korrespondierende Mitglied der Russischen Akademie für Bildungswesen Jewgenij Jamburg erklärte gegenüber der Agentur, dass sich die geplante Maßnahme des Bildungsministeriums negativ auf das russische Bildungssystem auswirken könne. „Wir sind nicht allein in der Welt. Und einst hatte Tschechow, dem die Sprachen schwer gefallen waren, drei Jahre im Gymnasium gesessen und dann doch gelernt: „Du bist so oft ein Mensch, so viel du Fremdsprachen beherrschst“. Je mehr die Menschen Fremdsprachen beherrschen, desto weiter ist ihr Denken und tiefer. Ich unterstütze diese Initiative nicht“, zitierte die Nachrichtenagentur TASS die Worte Jamburgs.
Was aber den Standpunkt von Fachleuten-Sprachwissenschaftlern zum Problem der notwendigen Anzahl von Unterrichtsstunden für Fremdsprachen angeht, so liegt hier die Sache nicht einmal in der Anzahl der Unterrichtsstunden als solche. Wie der Leiter der Hochschule für Übersetzung an der Moskauer staatlichen M.-W.-Lomonossow-Universität, Nikolaj Garbowskij, meint, müsse man zuerst begreifen, mit welchem Ziel man heute den Kindern eine Fremdsprache vermittelt.
Bei einem Gespräch mit der Präsidentin der Russischen Akademie für Bildungswesen und Ex-Bildungsministerin Olga Wassiljewa zu diesem Thema nannte er vier Ziele für das Unterrichten von Sprachen. Üblicherweise erlernt man eine Sprache für eine eigene Vervollkommnung (für eine Entwicklung des Denkens), für das Erlangen neuer Kenntnisse (im Original zu lesen ist interessanter), für ein Kommunizieren mit Ausländern außerhalb des Landes und für ein Kommunizieren in einer Fremdsprache mit Bürgern ihrer Nation auf dem Territorium ihres Landes. Zumindest hatte so der Klassiker der Pädagogik Lew Wygotskij diese Ziele formuliert. Das letzte Ziel ist der Zeit geschuldet, in der er lebte. In jenen fernen Zeiten hatte sich der Adel mit ihm gleichgestellten ausschließlich in Französisch unterhalten. Allerdings, geben Sie zu, sind auch heute Fremdsprachenkenntnisse oft ein Privileg materiell gutgestellter Menschen.
Was aber die Anzahl der Stunden angeht, die für das Vermitteln einer Fremdsprache heute vorgesehen sind, so beklagen sich die Lehrer, dass man im Schneckentempo bei der Realisierung des ihnen gestellten Ziels – die Beherrschung von 1500 Lexik-Einheiten durch die Schüler bis zum Schulabschluss – vorgehe. Die Sache ist die, dass bei dem heute vorgegebenen Tempo die Kinder am Tag nur ein Wort in der jeweiligen Fremdsprache erlernen. Und dies klingt natürlich wie ein (Todes-) Urteil für das System des Fremdsprachenunterrichts.
Wozu die Vermittlung einer Fremdsprache über zehn Jahre in die Länge ziehen, wundert sich Nikolaj Garbowskij, wo doch weitaus effektiver Modelle für einen Intensivunterricht funktionieren. Ihnen entsprechend vermittelt man ein Modul innerhalb einer kurzen Zeitspanne, wobei man die Lernenden stark in den Lernprozess hineinzieht. Und da macht es auch keinen Sinn, im frühen Schulalter eine Fremdsprache zu erlernen. In der sowjetische Schule hatte man in der 5. Klasse begonnen, eine Fremdsprache zu erlernen. Und die Kenntnisse waren genau solche wie heute. Allerdings hatte es zu Sowjetzeiten viele Lehrer-Enthusiasten gegeben. Sie ermittelten die an einer Fremdsprache interessierten und fähigen Kinder und beschäftigten sich mit ihnen zusätzlich. Heute sind leider wenige solcher Lehrer übriggeblieben.
Im Großen und Ganzen gebe es, so Nikolaj Garbowskij, ganze zwei Methoden für ein Vermitteln einer Sprache – die zeichengebundene und die kognitive. Die erste bedeutet, dass man die Wörter einfach einpauken muss. Die zweite funktioniert gut mit assoziativen Verbindungen. Es ist klar, dass die Schüler nur dann pauken und gar Assoziationen suchen können, wenn sie ausreichend motiviert sind. Und dies bedeutet, dass sie entweder eine Notwendigkeit dafür sehen (um für ein Hochschulstudium immatrikuliert zu werden), oder dass ein Interesse für das Erlernen besteht.
Wissenschaftler konstatieren, dass es heute besonders schlecht um die Motivation der Schüler bestellt sei. Schuld daran hat nicht zuletzt die künstliche Intelligenz. Viele Schüler nutzen aktiv ihre Hinweise, ohne sich mit der Studienarbeit zu belasten. Aber die ältere Generation erinnert sich gut daran, wie sie in der Schule die Grammatik der jeweiligen Fremdsprache erlernte und kannte, sie kannten ihre schwierigen Konstruktionen. Doch dabei hatten sie nicht in dieser Sprache gesprochen.
Heute sprechen die Kinder mehr als sie lernen. Die Sache ist die, dass sich seit den 1990er Jahren die Prioritäten veränderten: In der Schule dominiert die kommunikative Herangehensweise an das Erlernen einer Fremdsprache. Daher spricht auch der Lehrer im Verlauf der gesamten Unterrichtsstunde nur in englischer Sprache mit den Kindern. Aber die Kinder verstehen dabei doch nichts…
Sollte man da vielleicht nicht doch die vergleichende Herangehensweise beim Erlernen einer Fremdsprache zurückholen? Natürlich, das kann man. Doch dann muss man auch das Ziel des Erlernens ändern. Lassen Sie die Kinder ein Denken erlernen. Übrigens, wenn der Schüler Wörter und Redewendungen aus seiner Sprache mit ausländischen Begriffen vergleicht, beginnt er bewusster sie zu erlernen.
Folglich geht es nicht um die Anzahl der Unterrichtsstunden. Man muss das System umgestalten, wobei man mit dem Festlegen des Ziels beginnt. Worin besteht heute in der Schule das Ziel der Vermittlung von Fremdsprachen? Und der Mathematik? Heute ist dies überhaupt die Hauptfrage der Ausbildung – was soll die Schule lehren bzw. vermitteln?
Alle Veränderungen der letzten Jahre lösen die Assoziation mit einer Leinwand aus, die voller Löcher ist. Doch versucht man, sie hartnäckig zu stopfen. Nicht umsonst hat man im Verlauf der ganzen Geschichte in schwierigen Zeiten stets Philosophen an die Spitze von Bildungs- und Kulturministerien gestellt.