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Baku und Jerewan verstricken sich in einen kartografischen Krieg


An der armenisch-aserbaidschanischen Grenze und in Bergkarabach ist es erneut unruhig. Obgleich es auch keine intensiven Schusswechsel gibt, wecken regelmäßige vereinzelte Schüsse keinen Optimismus. Daneben beginnen die Konfliktparteien einen Toponymie-Krieg.

Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev verlangte von den Massenmedien seines Landes, die aserbaidschanischen Namen geografischer Objekte Armeniens zu verwenden. So ordnete er an, den Kreis Wardenis als Basarkeçer-Kreis zu bezeichnen. Dabei erklärte Aliyev erneut, dass dies alles alte aserbaidschanische Gebiete seien und ihre absolute Bevölkerungsmehrheit Aserbaidschaner bilden würden.

Während man sich in Baku auf das Drucken von Landkarten vorbereitet, auf denen man den Sewan-See als Göyçə gölü bezeichnen wird, wird die armenische Seite wahrscheinlich symmetrisch antworten. Auf den Erzeugnissen der einheimischen Landkarten-Druckereien wird die Stadt Gandscha in Aserbaidschan allem Anschein nach Gandzak heißen.

Akademiemitglied Dr. sc. hist. Aschot Melkonjan antwortete Ilham Aliyev auf dessen Erklärungen über die „historischen aserbaidschanischen Gebiete“. Nach Aussagen des Historikers seien die Erwähnungen über jegliches türkische Element in dieser Region bis zum 9. Jahrhundert sinnlos. „Das erste Auftauchen von Türken wurde im 9. Jahrhundert als Söldner, die in der arabischen Armee kämpfen, festgehalten. Insgesamt aber hat der Prozess der Türkisierung Ostarmeniens und des Östlichen Transkaukasus im 14.-15. Jahrhundert begonnen“, erklärte Melkonjan. Nach Aussagen des Wissenschaftlers erfolgte die Türkisierung der Toponyme banal, im typischen Stil der Nomaden. Sie bezeichneten den einen oder anderen Ort so, wie sie es sahen. „Ich hoffe, dass der Großteil der zivilisierten Welt, Europa, die USA und Russland mit ihren Intellektuellen-Kreisen und professionellen Gemeinschaften gut die reale Geschichte kennen“, erklärte er.

Eine Reihe von Vertretern der armenischen Öffentlichkeit sind der Auffassung, dass solch eine Lage, in der die gegnerische Seite die Geschichte mit der Geografie nach ihren Bedürfnissen ummodele, aufgrund der passiven Politik der armenischen Offiziellen möglich geworden sei. Sie werfen der Führung der Republik vor, dass die „Armenien-Frage“ dem Selbstlauf überlassen worden sei. Die meisten kulturell-propagandistischen Veranstaltungen und Maßnahmen hätten einen formalen Charakter getragen, während die Opponenten methodisch eine Linie zur Gestaltung ihrer uralten Geschichte von der Identifizierung mit dem Königreich Albania gefahren hätte, was nach ihrer Meinung die Ansprüche auf Bergkarabach untermauert und argumentiert hätte.

Der Außenminister der nichtanerkannten Republik Bergkarabach, David Babajan, sagt, dass „Baku gegen die Karabach-Armenier nicht nur einen Krieg zur physischen Vernichtung führt, sondern auch eine Politik des kulturellen Genozids verfolgt“. Nach seinen Worten habe Baku beispielsweise die Notwendigkeit signalisiert und erklärt, der Stadt Şuşa (aserbaidschanisch, armenisch: Schuschi, auch Schuscha) ihr historisches Antlitz zurückzugeben. Unter dem erklärten hehren Ziel würden sich die Absichten verbergen, den Großteil des „armenischen Teils der Architektur von Schuschi“ endgültig zu vernichten. „Direkt dies zu tun, ist sehr schwierig, da sich die Stadt in der einen oder anderen Weise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit befindet. Und es mit jener Leichtigkeit zu tun, mit der Denkmäler der armenischen Kultur in abgelegenen Regionen, die unter die Kontrolle Aserbaidschans geraten sind, zerstört werden, wird in Schuschi nicht gelingen. Unter anderem deshalb wurde auch ein Plan für eine generelle Rekonstruktion der Festungsstadt bekanntgegeben. Und was für eine Perspektive die armenischen Kirchen von Schuschi haben, ist bereits anhand der entfernten Kreuze und abgerissenen Kuppeln klar“, erklärte David Babajan.

Wenn die armenisch-aserbaidschanischen Streitgespräche zum Thema, wer älter ist, auch bei Rundtischdiskussionen geführte werden würden, wäre dies bemerkenswert. Doch die verbale Polemik wird durch Schusswechsel an der gesamten Berührungslinie beider Völker befeuert. Glücklicherweise sind sie keine solchen wie vor ein Paar Wochen. Es gibt jedoch keinerlei Garantien dafür, dass sich die Intensität der Feuerduelle nicht wieder verstärkt.

Jerewan signalisiert immer häufiger die Absicht, gewaltsam die aserbaidschanischen Einheiten aus dem Kreis Gegharkunik Armeniens zu vertreiben, wohin sie bereits Mitte Mai vorgedrungen waren. Wie der stellvertretende Generalstabschef der Streitkräfte Armeniens, Generalmajor Eduard Asrjan, sagte, würden jegliche Worte und Handlungen des Gegners nur die Wachsamkeit erhöhen. „Wir sind bereit, jeglichen organisierten provokativen Handlungen eine Abfuhr zu erteilen“. Asrjan erzählte Journalisten, dass er bei einer Tagung in der Nationalversammlung (im Parlament) Armeniens hinter verschlossenen Türen die aktuelle Situation in den grenznahen Zonen vorgestellt hätte. „Unsere Streitkräfte nehmen ihre Positionen ein, wobei sie würdig auf die Provokationen des Gegners antworten. Wenn man in unserer Gesellschaft sagt, dass wir Verluste erleiden würden und der Gegner nicht, so ist dies nicht wahr. Sie erleiden auch Verluste an Menschen. Wir kontrollieren unsere Grenzen und erfüllen die Aufgabe, die vor unseren Streitkräften steht“, sagte er.

Der General betonte, dass Aserbaidschan versuche, auf unterschiedliche Art und Weise Druck auszuüben. Unter anderem habe es versucht, sich den armenischen Positionen südlichen des Schwarzen Sees (Sev-See) zu nähern. Aber erfolglos. „Unsere Militärs haben in der Nacht den Gegner entdeckt und ihr durch einen Beschuss gezwungen zurückzuweichen“, erklärte Asrjan.