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Über das Porträt des wünschenswerten Wählers 


 

 

Das Allrussische Zentrum zur Erforschung der öffentlichen Meinung (VTsIOM) hat Ergebnisse einer Umfrage vorgelegt, die dem Stolz von Russlands Bürgern auf ihr Land gewidmet war. Laut diesen Angaben haben in den letzten Monaten 62 Prozent der Befragten begonnen, mehr auf Russland stolz zu sein. Unter den populärsten Antworten auf die Frage „Was löst bei Ihnen gerade dieses Gefühl aus?“ waren: „das Volk, die Menschen“ (14 Prozent), „die Einheit und Geschlossenheit“ (8 Prozent), „wir siegen stets, wir ergeben uns nicht“ (8 Prozent), die „Landesgeschichte“ (8 Prozent) und der „Status in der internationalen Arena“ (8 Prozent). Es lohnt zu betonen, dass die Antwort „die militärische Sonderoperation“ den Befragten häufiger als der „Sieg im Großen Vaterländischen Krieg“ in den Sinn kam (4 Prozent gegenüber 2 Prozent).

Von den Ereignissen der letzten zehn-fünfzehn Jahre, die Stolz auslösen, nannten die vom VTsIOM Befragten meistens die Anerkennung und die Verteidigung der Donbass-Republiken DVR und LVR (17 Prozent), die Wiedervereinigung der Krim mit Russland (17 Prozent) und die Siege russischer Sportler (11 Prozent). Der sportlichen Spitzenleistungen erinnerten sich vor einem Jahr bei der gleichen Frage lediglich acht Prozent. Nunmehr sind acht Prozent Stolz auf die Winterolympiade in Sotschi (vor einem Jahr – drei Prozent). Dies ist bemerkenswert, denn seit dem Frühjahr vergangenen Jahres sind die russischen Sportler von den meisten internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen worden. Und die Durchführung neuer internationaler Sportwettkämpfe in der Russischen Föderation ist in der überschaubaren Zukunft nicht abzusehen.

Es macht keinen Sinn, über die Intentionen des staatlichen VTsIOM herumzurätseln. Wenn aber die russischen Offiziellen gern ein Wunschbild von den öffentlichen bzw. gesellschaftlichen Geisteshaltungen erhalten wollten, so haben sie es auch gerade erhalten. Man kann sogar sagen, dass das Porträt eines wünschenswerten Wählers skizziert wurde. 37 Prozent taten sich schwer, auf die Frage zu antworten, welche Ereignisse bei ihnen ein Gefühl von Stolz auf das Land auslösen. Dabei hatten lediglich 23 Prozent erklärt, dass man im vergangenen Jahr begonnen habe, weniger auf Russland stolz zu sein. Anders gesagt: Man kann annehmen, dass ein erheblicher Teil der Befragten versteht, was für eine Antwort man von ihnen hören wollte. Daher erklären sie, dass sie mehr stolz seien. Sich aber konkreter zu äußern, fällt ihnen schwer. Die Mehrheit aber deklariert ein Gefühl von Stolz und akzeptiert die neuesten patriotischen Symbole.

In den Null- und 2010er Jahren hatte man viel von einem indirekten Vertrag der Herrschenden mit der Gesellschaft geschrieben und gesprochen, dem zufolge die Bürger einen Teil der Freiheiten stillschweigend als Gegenleistung für ein materielles Wohlergehen (das im Vergleich zu den 90ern spürbar war) opfern konnten. Die neue VTsIOM-Umfrage beschreibt bereits ein neues Elektorat der Herrschenden. Von irgendeinem Austausch, einem Vertrag ist jetzt, wie es scheint, keine Rede, obgleich die Offiziellen — der letzten Jahresbotschaft des Präsidenten an die Föderale Versammlung nach zu urteilen – die sozialen Pflichten verstärken. Heutzutage wird der Akzent schon nicht auf das Wohlergehen, sondern auf einen Zusammenschluss um die Führung angesichts der äußeren Bedrohung sowie auf eine Verteidigung der erklärten Interessen des Staates und der Nation gesetzt. Die Aufgabe solch einer Position bedeutet eine stille oder öffentliche Marginalisierung. Die Spielregeln sind weitaus strenger geworden.

Was aber tun mit fast einem Viertel der Befragten, für die es im vergangenen Jahr weniger Anlässe gegeben hat, auf das Land stolz zu sein? Aus elektoraler Sicht werden sie die Herrschenden wahrscheinlich ignorieren. Die mobilisieren (nicht im militärischen Sinne) ihre Wähler. Und die meisten Unzufrieden werden einfach nicht zur Abstimmung kommen. So ist es auch früher getan worden. Nunmehr ist es scheinbar noch einfacher geworden, dies vorzunehmen. Im Übrigen wird die Antwort auf die Frage „Was tun?“ vom Verhalten jener abhängen, die nicht stolz sind. Ein offenes Deklarieren der eigenen Position – in den sozialen Netzwerken, in jeglichem öffentlichen Raum – birgt die Gefahr einer Bestrafung in sich. Ein Schweigen erlaubt, unbemerkt zu bleiben.

Es versteht sich: Die vom VTsIOM gewonnenen Prozentzahlen sind vage. Viele Nichteinverstandene beantworten die Fragen von Soziologen nicht. Viele haben ganz und gar das Land verlassen. Daher ist es überhaupt nicht schwierig, ein Porträt des erwünschten Wählers, eines Patrioten zu zeichnen, die im vergangenen Jahr in ihrem Gefühl nur bestärkt wurden. Dafür sind keine Manipulationen mit den Fragen oder ein „Türken“ der Antworten nötig. Eine andere Sache ist, dass solch ein Umfeld für die Untersuchungen hindert, sich sowohl über das Wesen der Antworten „ja“ als auch – was nicht weniger ist – als auch über das Wesen der Antworten „nein“ klar zu werden.