Russische Sportler kehren weiter zu internationalen Wettkämpfen zurück. Die Skiläufer Sawelij Korostelew und Darja Neprjajewa haben beispielsweise erstmals in ihrer Karriere an einer Weltcup-Etappe teilgenommen und Olympia-Quoten erhalten, d. h., sie haben Ergebnisse demonstriert, die sie für eine Teilnahme an den kommenden Olympischen Winterspielen in Italien gleich in mehreren Disziplinen qualifizieren. Zuvor hatte Russland ein Verfahren im Internationalen Sportgerichtshof (CAS) gegen den internationalen Verband für Ski- und Snowboardsport (FIS) gewonnen. Das Schiedsgericht qualifizierte die Nichtzulassung russischer Athleten zu Wettbewerben als eine widerrechtliche, und die FIS hat ihnen erlaubt, an Wettbewerben in einem neutralen Status teilzunehmen. Es macht Sinn zu präzisieren: Sie genehmigte es jenen, die nicht mit den „bewaffneten Strukturen“ verbunden sind. Solcher gibt es unter den russischen Skiläufern wenige. Dies betrifft vor allem sehr junge Sportler.
Gleichfalls hat das IOC empfohlen, russische Junioren zu allen internationalen Turnieren in allen Sportarten – sowohl individuellen als auch Mannschaftssportarten – zuzulassen. Dieser Empfehlung haben nicht alle sofort Gehör geschenkt. Die UEFA, der Europäische Fußballverband, lässt beispielsweise vorerst keine Junioren aus der Russischen Föderation zu Wettbewerben zu. Jedoch hat sich natürlich eine positive Perspektive für den russischen Sport aufgetan. Allem nach zu urteilen, wird man den Para-Athleten erlauben, zu ihren Paralympischen Spiele sogar mit der russischen Flagge und Hymne zu fahren. Zur Winterolympiade in Mailand und Cortina d’Ampezzo (sie findet im kommenden Februar statt) werden in einem neutralen Status die Eiskunstläufer Adelia Petrosjan und Pjotr Gumennik reisen. Sie haben bereits eine Einladung des IOC bekommen. Die Skiläufer, die die entsprechenden Quoten erlangten, wie auch die Eisschnellläuferinnen Ksenia Korschowa und Anastasia Semjonowa warten noch auf solche Einladungen. Einen neutralen Status erhielt die alpine Skiläufer Nikita Filippow (und er war gezwungen gewesen, dafür sogar zu bezahlen). Die Liste der russischen Olympiade-Teilnehmer wird sicher noch länger werden.
Parallel geht die Geschichte mit den Gerichtsprozessen weiter. Russland gewinnt konsequent Klagen vor dem CAS gegen internationale Verbände. Im Herbst wurden Sperren für die Bobsportler, Rennrodler und Skeleton-Athleten aufgehoben, jetzt für Skiläufer. Im zu Ende gehenden Dezember befasste man sich intensiv mit dem Biathlon. Es gibt bereits Zulassungen russischer Athleten zu Turnieren in Mannschaftssportarten. Dies betrifft unter anderem den Wasserball. Urteilt man anhand einiger indirekter Anzeichen (laut Informationen aus weißrussischen Quellen), ist im kommenden Jahr eine Rückkehr der Handballer aus Russland und Weißrussland wahrscheinlich. Alles kommt langsam voran. Es gibt aber eine Bewegung an sich, sie ist offensichtlich.
Das IOC ist für seine Turniere (Olympiaden) verantwortlich. Und den internationalen Verbänden kann es nur Empfehlungen, aber keine Anweisungen geben. Dabei spürt man aber in solchen Hyperstrukturen wie das IOC, die FIFA oder die UEFA stets gut, wie der politische Wind weht. Im Jahr 2022 wehte dieser Wind in die Richtung von Verboten und Sanktionen. Und wenige gingen in die entgegengesetzte Richtung (obgleich sich solche mutigen oder einfach prinzipienfeste Verbände gefunden hatten). Jetzt ändert sich das Bild. Und überdies ist es auch für das IOC einfacher zu erklären, dass es sich an eine politische Neutralität und an die olympischen Prinzipien halte. Zumal es problemloser geworden ist, dies zu tun, da der bisherige deutsche IOC-Chef Thomas Bach von der früheren Schwimmerin Kirsty Coventry aus Simbabwe abgelöst wurde.
Der Mechanismus für Anrufungen im CAS vereinfach das Leben auch für einzelne Verbände, die ebenfalls russische Athleten ausgeschlossen hatten. Da zu viel getan und gesagt wurde, ist es schwer, alles mit einem Schlag wiederherzustellen. Gebraucht wird ein Anlass, und am besten eine Entscheidung einer anderen Struktur, eines anderen Gremiums, der sich der jeweilige Verband unterordnen muss. Das gleiche können auch einzelne Sportler oder nationale Verbände sagen. Sie wollen keine Athleten aus Russland bei Wettkämpfen sehen, doch sie müssen es tun.
Dies ist ein langer Prozess. Alles kaputtzumachen, war weitaus schneller möglich. Heute muss man einen neutralen Status erhalten, muss man eine Qualifikation schaffen, muss man es bewerkstelligen, zu Wettkämpfen anzureisen und ein Visum zu erlangen (und den russischen Sportlern stellt man nur kurzzeitige Visa aus). Die Zeit der Hoffnungen für den russischen Sport ist die Zeit einer beinahe 24-Stunden-Arbeit für Juristen und Administratoren, die die vorerst politischen Zwischenerfolge bei nach wie vor ungünstigen Umständen festzurren müssen.