In einem Jahr, am 31. Dezember 2026 enden die Vollmachten des amtierenden Generalsekretärs der UNO, des Portugiesen António Guterres. Aber schon jetzt erfolgt eine aktive Suche nach Anwärtern für sein Amt, die nach einer Erhöhung der Effektivität und des Ansehens der Weltorganisation aus sind. Schließlich hält man der UNO einer übermäßige Bürokratisierung, einen Parallelismus der Anstrengungen und ein unrationelles Ausgeben der Mittel vor. Mitunter geht es sogar bis zu den Aufrufen, „die Tür zuzuknallen“ und zu anderen multilateralen Formaten überzugehen.
Wie in einem an alle Mitgliedsländer gesandten Schreiben des Sicherheitsrates und der UNO-Vollversammlung mit dem Appell, Kandidaten für das Amt des Generalsekretärs zu benennen, erklärt wird, sollen diese über Führungsqualitäten und professionelle Fertigkeiten auf dem Gebiet der Diplomatie und Kommunikation verfügen, mehrere Sprachen beherrschen und solide Erfahrungen aus der Arbeit im Bereich der internationalen Beziehungen besitzen. Dabei wird mit Bedauern betont, dass in der gesamten 80jährigen Geschichte des Bestehens der UNO keine Frau zu ihrem Leiter ernannt wurde. Daher „wird den Mitgliedsländern empfohlen, ernsthaft die Nominierung von Frauen als Kandidaten zu erwägen“.
Entsprechend der sich herausgebildeten Tradition nehmen die Vertreter Russlands, Großbritanniens, Chinas, der USA und Frankreichs als ständige Mitglieder des Sicherheitsrates nicht am Kampf um den Sessel des Generalsekretärs teil. Bei dessen Wahl bemüht man sich in der UNO, sich an das Rotationsprinzip hinsichtlich der Regionen zu halten, obgleich es auch nicht immer eingehalten wurde. Und jetzt ist eigentlich Lateinamerika an der Reihe.
Der Chef der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), der Argentinier Rafael Grossi, dessen Kandidatur vor einigen Tagen in Buenos Aires vorgestellt wurde, entspricht dieser Bedingung. In Bezug auf die beruflichen Qualitäten und Erfahrungen ist er ebenfalls durchaus geeignet. Früher war Grossi der Vertreter Argentiniens bei der NATO und UNO sowie Chef der diplomatischen Mission in Belgien und Luxemburg gewesen und arbeitete in der Organisation für das C-Waffenverbot in Den Haag.
Nach Beginn der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine vor fast vier Jahren führte Grossi Verhandlungen mit Vertretern der Konfliktparteien über nukleare Sicherheit, besonders vor dem Hintergrund des systematischen Beschusses des AKW Saporoschje seitens der Streitkräfte der Ukraine. Er traf sich mehrfach mit den Präsidenten Wladimir Putin und Wladimir Selenskij und vermochte, im Westen Vertrauen zu gewinnen. Heute ist der 64jährige Grossi davon überzeugt, dass die UNO in unzureichendem Maße die Anbahnung eines Dialogs zwischen Venezuela und den USA fördere. „Daher ist eine neue Führung der UNO wichtig, die diesen Dialog stimulieren kann“, sagte er.
Allerdings können sich die Verdienste Grossis als unzureichend erweisen, wenn in der UNO der Gedanke dominiert, sich an eine Gendervielfalt zu halten. Wie der Vertreter Chiles erklärte, sei die Zeit gekommen, dass eine Frau die UNO leitet, „eine Frau, die dank ihrer Führungskraft und Sichtweise dem multilateralen System jenen Grad an Vertrauen verleihen kann, der für eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit notwendig ist“. Es geht da wohl offenkundig um Michelle Bachelet, die Ex-Präsidentin Chiles und frühere Hohe Kommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen.
Ihre Absicht, die Leitung der Weltorganisation zu übernehmen, signalisierte auch die Generalsekretärin der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) Rebeca Grynspan, die in den 1990er Jahren Vizepräsidentin von Costa Rica gewesen war. Auf den Listen der Anwärter, die von Journalisten erstellt wurden, steht gleichfalls Mia Amor Mottley, die Premierministerin von Barbados. Sie ist dadurch bekannt, dass sie aktiv für eine Verstärkung des Kampfes gegen die Klimaveränderung eintritt. Mottley hat die sogenannte Bridgetown Initiative gestartet, einen Aktionsplan, der auf eine Reformierung des internationalen Finanzsystems zwecks einer effizienteren Gewährung von Hilfe für die Entwicklungsländer abzielt.
Wenn aber der Wunsch, eine Frau als UN-Generalsekretär zu wählen, das Prinzip der geografischen Rotation übertrumpft, so können als Anwärterinnen für dieses Amt ebenfalls die Ex-Regierungschefin von Neuseeland, Jacinda Ardern, und die 1. Stellvertreterin des UNO-Generalsekretärs, Amina J. Mohammed, antreten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist jedoch keiner von ihnen bisher offiziell nominiert worden.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen ist stets eine Kompromissfigur. Es müssen mehrere Auswahletappen durchlaufen werden bevor die Zeit der Abstimmung im Sicherheitsrat der UNO kommt. Im kommenden Juli müssen seine Mitglieder eine Kandidatur billigen, die allen recht ist, wonach sie die Vollversammlung bestätigen wird. Folglich wird man bei der Wahl des UN-Generalsekretärs in keiner Weise nicht um Russland herumkommen.
Die Herangehensweise Moskaus an diese Frage besteht darin, dass zum neuen Generalsekretär der Kandidat werden soll, der auf eine Einhaltung der UN-Charta ausgerichtet und bereit ist, sich gegenüber allen Seiten unabhängig zu verhalten und die entsprechenden Anweisungen an seine Unterstellten zu geben. Alle übrigen Momente inklusive das Geschlecht des künftigen Generalsekretärs sind für die Russische Föderation sekundär.
Recht aktuell ist heute die Aussage des einstigen Generalsekretärs, des Schweden Dag Hammarskjöld: „Die UNO ist nicht dafür geschaffen worden, um die Menschheit ins Paradies zu führen, sondern um sie vor der Hölle zu retten“.