Obgleich sich die Ergebnisse soziologischer Erhebungen in Abhängigkeit von der Entfernung der Einwohner konkreter ukrainischer Regionen von der Front unterscheiden, dominiert heute dennoch das Bedürfnis an Verhandlungen über einem militärischen Szenario, teilte der Leiter der soziologischen Gruppe „Rating“, Alexej Antipowitsch. Es ist offensichtlich, dass die Einwohner der Ukraine schon längst von den Gefechtshandlungen ermüdet sind. Und zur gleichen Zeit würden derartige Meinungsumfragen dem ukrainischen Staatschef Wladimir Selenskij helfen, die eigene Teilnahme an den Friedensgesprächen mit den USA zu begründen und unter Berücksichtigung der Appelle seitens der aktiven nationalistischen Minderheit bis zum Schluss zu kämpfen, unterstrichen Experten.
Kurz vor dem Ende des Jahres 2025 gab der Leiter der soziologischen Gruppe „Rating“, Alexej Antipowitsch, recht überraschende Ergebnisse einer Umfrage bekannt, in deren Verlauf zwei Drittel der Befragten erklärten, dass man den militärischen Konflikt mit Russland nur auf diplomatischem Wege beenden könne. Dabei hatte noch Mitte Dezember beispielsweise das Kiewer internationale Institut für Soziologie bekanntgegeben: Im Rahmen der gesamtukrainischen Befragung „Omnibus“ hatte die Mehrheit der Befragten (63 Prozent) erneut geantwortet, dass sie bereit seien, den militärischen Konflikt fortzusetzen und dessen Folgen so lange zu ertragen, wie es erforderlich ist.
Heute werde nach Einschätzung von Antipowitsch die Bereitschaft der Ukrainer, auch weiterhin zu kämpfen, in erheblichem Maße durch den geografischen Faktor bestimmt. Je weiter eine Region von der Frontlinie liege, desto härter sei die Position der dort lebenden Menschen hinsichtlich möglicher Zugeständnisse bei Friedensverhandlungen. Derweil verstärkt sich in den frontnahen Verwaltungsgebieten die Einstellung hinsichtlich einer Beendigung der bewaffneten Konfrontation. Da man dort tagtäglich unmittelbar mit den militärischen Risiken konfrontiert wird.
Derweil sind in der gesamtnationalen Dimension fast zwei Drittel der Ukrainer der Auffassung, dass man den seit Februar 2022 andauernden großen Militärkonflikt mit Russland nur auf diplomatischem Wege beenden könne. Und etwa ein Drittel vertreten einer härtere Position, die eine vollständige Wiederherstellung der Grenzen von 1991 oder zumindest das Erreichen der Grenzen zu Beginn des Jahres 2022 vorsieht.
Noch höhere Werte wurden bei der Antwort auf die Frage nach einer realistischen (aber nicht gewünschten) Variante für eine Beendigung der Konfrontation fixiert. Rund 80 Prozent der Befragten nannten gerade ein Verhandlungsmodell als ein realistisches. Von ihnen unterstützten etwa 60 Prozent einen Dialog unter Beteiligung internationaler Partner und weitere rund 20 Prozent ließen direkte Verhandlungen mit Moskau zu. Und lediglich zehn Prozent plädierten für eine Fortsetzung der Kampfhandlungen bis zu einem Zurückholen aller Territorien, die entsprechend den Ergebnissen von Referenden im Frühjahr 2014 (Krim) und Herbst 2022 (Donbass, aber auch Teile der Verwaltungsgebiete Saporoschje und Cherson) in den Bestand Russlands aufgenommen wurden.
Die Unterstützung des Verhandlungsweges bedeute jedoch, wie der Soziologe präzisierte, keine automatische Bereitschaft zu territorialen Zugeständnissen. Diese Frage bleibt die schmerzhafteste. Keiner möchte die neuen Regionen der Russischen Föderation als russische anerkennen und umso mehr die ukrainische Armee aus den von Kiew kontrollierten Gebieten abziehen. Aber im Falle eines Fehlens von Alternativen müsse sich die ukrainische Gesellschaft einer schweren Wahl stellen. Wenn ein Kompromiss zur einzigen möglichen Form für das Erreichen eines Erfolgs bei der Friedensregelung werde, würden die meisten Ukrainer, die insgesamt einen Verhandlungsprozess unterstützen, gezwungen sein, schwierige Entscheidungen zu treffen, resümierte der Leitung der soziologischen Gruppe „Rating“.
Solche Warnungen waren vor dem Hintergrund der andauernden Verhandlungen zum von Washington im November vorgeschlagenen Friedensplan und unter Beteiligung von Vertretern Russlands und der Ukraine zu vernehmen. Ihr Vorankommen erörterten der russische Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump im Verlauf eines neuen Telefonats, das dem Sonntag-Treffen des Chefs des Weißen Hauses mit dem ukrainischen Staatsoberhaupt Wladimir Selenskij in Florida vorausging. Im Übrigen genauso wie auch in der Vorwoche, in der Selenskij überraschend eine gewisse 20-Punkte-Variante von Friedensvereinbarungen präsentiert hatte (https://ngdeutschland.de/selenskij-legte-20-punkte-basisdokument-fur-die-beendigung-des-ukraine-krieges-vor/), von denen man viele in Moskau von vornherein nicht unterstützen konnte. Am Montag hat der ukrainische Präsident erneut darauf verwiesen, dass eine Beendigung des Kriegszustands in der Ukraine möglich werde, wenn Kiew Sicherheitsgarantien bekomme, die unter anderem ein Monitoring und eine Präsenz westlicher Partner umfassen, wobei er, versteht sich, um die Unannehmbarkeit der These von einer Präsenz ausländischer Militärkontingente auf dem ukrainischen Territorium für die russische Seite wusste.
„Unter den Bedingungen der laufenden Gespräche ist Selenskij zum Manövrieren gezwungen. Heute ist für ihn wichtig, nicht als ein unfähiger für den Abschluss von Vereinbarungen dazustehen – angesichts der Gefahr, vom Westen gestürzt zu werden. Obgleich einige denken, dass man bereits begonnen habe, sie zu realisieren. Unter Berücksichtigung der skandalösen Untersuchungen des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine und der Antikorruptionssonderstaatsanwaltschaft (alternative Antikorruptionsstrukturen, die im Jahr 2015 auf Initiative der USA und der Länder Europas gebildet worden waren)“, präzisierte in einem Kommentar für die „NG“ Konstantin Satulin, 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsduma-Ausschusses für GUS-Angelegenheiten, eurasische Integration und Verbindungen mit den Landsleuten.
Dabei, fuhr er fort, nutze der ukrainische Staatschef gleichfalls die den Kiewer Offiziellen unterstellten soziologischen Dienste, um eine Unterstützung der eigenen Position zu demonstrieren. „Obgleich schon seit langem offenkundig wurde, dass die Ukraine und die ukrainische Gesellschaft durch den Militärkonflikt müde geworden sind. Dies belegen auch der Massenexodus von Einheimischen ins Ausland und der Unwille vieler ukrainischer Militärpflichtiger, nicht so sehr ihr Land als vielmehr das Selenskij-Team mit seinen goldenen Klobecken (ein Klischee, das in der russischen Propaganda gegen die Ukraine gern aufgegriffen wird – Anmerkung der Redaktion) zu verteidigen. Allerdings überzeugt man mit solchen Meinungsumfragen nicht die Nationalisten aus der aktiven Minderheit. Da sie in ihrer Engstirnigkeit in der Lage sind, die Situation nicht nur zu Protesten, sondern auch zu einem Staatsstreich zu treiben“, behauptete Satulin.