In Kirgisien wird ein Resetting des Fernsehens erwartet. Bis März soll der Umfang des Contents in kirgisischer Sprache in den Sendungen 60 Prozent erreichen. Um die Forderungen der Gesetzgebung zu erfüllen, integrieren die Fernsehgesellschaften Produkte der nationalen Studios in ihre Programme. Die Initiative zielt auf eine Popularisierung der kirgisischen Sprache und auf eine größere Erfassung von Zuschauern durch jene, die es vorziehen, Informationen in der Staatssprache zu erhalten, ab. Dabei soll eine Balance bewahrt werden: Die Entwicklung des nationalen TV-Sendebetriebs soll ohne eine Beeinträchtigung für den offiziellen Status der russischen Sprache erfolgen.
Die Warnung des stellvertretenden Ministers für Kultur, Informationen, Sport und Jugendpolitik der Republik Kirgisistan, Marat Tagajew, wonach ab kommenden März die Fernsehkanäle eine strengen Prüfung hinsichtlich der Einhaltung der Sprach-Normen unterzogen werden, hat sofort eine neue Welle von Streits ausgelöst.
In Kirgisistan hat man begonnen, von einer forcierten Verdrängung der russischen Sprache zu sprechen, was traditionell als ein Indikator für nahende politische Stürme dient. Das nächste große politische Ereignisse, die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2027, wirft bereits (wie unter anderem auch mögliche vorgezogene Szenarios) einen Schatten auf die aktuelle Tagesordnung.
Das Gesetz „Über die Staatssprache“, das im vergangenen Sommer verabschiedet wurde und dazu berufen ist, zum Fundament für die nationale Entwicklung zu werden, hat tatsächlich tiefe Risse in der gesellschaftlichen Eintracht offenbart. Das Aufeinanderprallen von Interessen verwandelte den Sprachbereich in eine Konfliktzone: Während die Anhänger einer Stärkung der kirgisischen Sprache für die Souveränität kämpfen, sehen die russischsprachigen Bürger der mittelasiatischen Republik darin den Versuch einer Demontage ihrer gewohnten Kulturwelt. Die Polarisierung der Gesellschaft hat einen Punkt erreicht, an dem die Frage „In welcher Sprache spricht man?“ zu einer Frage nach dem politischen Status und der Loyalität wird.
Zumal die Entwicklung der Staatssprache in Kirgisien eine mächtige Unterstützung durch den Film erhalten hat: das Land ist weltweit als einer der fünf Spitzenreiter hinsichtlich der Produktion von Filmen pro Kopf der Bevölkerung anerkannt worden. „In der Republik werden alljährlich 80 bis 100 Filme produziert, die sowohl durch staatliche Einrichtungen als auch private Studios gedreht werden“, teilte Marat Tagajew am 19. Januar bei einer Sitzung des Parlamentsausschusses für Wissenschaft, Bildung und Kultur mit. Nach seinen Worten bestätige die Einmaligkeit der Situation auch ein Zuschauer-Phänomen: Im Unterschied zu den Nachbarn in der Region ziehen die Einwohner Kirgisistans einheimische Streifen den ausländischen vor. Um diesen Erfolg zu untermauern, hat das Kulturministerium die Schaffung einer entsprechenden technologischen Basis initiiert. Bis Ende dieses Jahres werden im Land ein eigener Film-Pavillon und ein professionelles Tonstudio geschaffen.
Der Generaldirektor des in Bischkek ansässigen analytischen Zentrums „Strategie Ost-West“, Dmitrij Orlow, äußerte in einem Gespräch mit der „NG“ die Vermutung, dass die neue Norm vor allem auf die Bürger der Titel-Nation ausgerichtet sei, die die Muttersprache nicht perfekt beherrschen. „Traditionell unterscheidet man bei uns „Kirgisen“ und „Kyrgysen“. Die Wurzeln dieses Problems reichen weit in die Geschichte zurück“, betonte der Experte. „Nach dem Zerfall der UdSSR hat sich eine paradoxe Situation ergeben: Die kirgisische Sprache wurde zur Staatssprache, obgleich sie ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht beherrschte. Heute ist es üblich geworden, das alles der Sowjetordnung anzulasten, obgleich historische Fakten das Gegenteil belegen. Wenige erinnern sich daran, dass Kirgisisch bis 1955 in den Schulen im gleichen Umfang wie Russisch unterrichtet wurde. Mehr noch, während der Ersten Dekade der kirgisischen Kunst hatte 1939 Iosif Stalin persönlich den 1. Sekretär des ZK der KP Kirgisiens, Alexej Wagow, aufgrund der schlechten Kenntnis der kirgisischen Sprache gerügt. Folglich war gerade Stalin der hauptsächliche „kirgisische Nationalist“, während die Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen, mit den übereilten Reformen von Chruschtschow begannen“.
Nach Meinung des Experten stelle die Vergrößerung des Anteils der kirgisisch-sprachigen Inhalte im Fernsehen keine Gefahr für den durch die Verfassung verankerten Status der russischen Sprache dar. Es gehe auch nicht um eine Verringerung des Sendebetriebs russischer Kanäle. „Ein Problem als solches existiert nicht, genauso wie es auch keine zielgerichtete staatliche Politik zur Verdrängung der russischen Sprache gibt. Wir sehen eher Mängel in der Führungsarbeit. Die Offiziellen verabschieden Gesetze, nehmen aber keine notwendige erläuternde Arbeit vor“, unterstrich der Experte. „Gerade dies passierte auch mit den Sprach-Änderungen. In Kirgisien ist verfassungsmäßig das Prinzip einer vernünftigen Koexistenz der zwei Sprachen verankert worden. Und jegliche Veränderungen in diesem Bereich verlangten eine vorherigen Vorbereitung der öffentlichen Meinung. Im Endergebnis hat sich aufgrund eines Mangels an Kommunikation ein Missverständnis ergeben“.
Dabei konstatierte Orlow den anhaltenden Exodus der russischsprachigen Bevölkerung, wobei er eine Tendenz hervorhob: „Die frei gewordenen Nischen nimmt bei weitem nicht immer die kirgisische Sprache ein. Das entstandene Vakuum wird oft durch die englische, chinesische, türkische oder arabische Sprache ausgefüllt“.
Im Verlauf des letzten Jahrhunderts habe sich zwischen der kirgisischen und der russischen Sprache eine einmalige Symbiose herausgebildet: Heute sei die Entwicklung der einen ohne die andere praktisch undenkbar, nimmt der Experte an. „In diesem kulturellen Öko-System ist alles tief miteinander verbunden. Nicht zufällig hatte der große Tschingis Aitmatow (kirgisischer Schriftsteller der im Juni 2008 im Alter von 79 Jahren in Nürnberg verstarb und dessen Werke in der einstigen DDR umfangreich übersetzt wurden – Anmerkung der Redaktion) die zwei Sprachen mit den „zwei Flügeln eines Vogels“ verglichen. Gerade dank der russischen Sprache erhielten die Schätze der kirgisischen Literatur weltweite Anerkennung. Und Aitmatow selbst, der ein wahrer Klassiker und bilingualer Autor gewesen war, schuf seine Werke in beiden Sprachen, womit er deren unlösbare Einheit bewies“, resümierte Orlow.
Zur gleichen Zeit macht es Sinn zu betonen, dass sich die Sprachen-Frage in Kirgisien heute in ein gefährliches Instrument einer Destabilisierung verwandelt. Die aggressive Polemik in den sozialen Netzwerken belegt eine tiefe Polarisierung der Gesellschaft. In diesem „Streit“ ist unerwartet auch der Name von Tschingis Aitmatow zu einer Zielscheibe von Angriffen geworden. Seine Verwandten sind mit einem offenen Brief aufgetreten, in dem sie unterstreichen, dass die „Figur Aitmatows über Jahrzehnte einen Dialog, eine Zweisprachigkeit und gesunden Menschenverstand symbolisierte“. „Ist dies ein Zufall, oder beobachten wir wieder das bekannte Szenario „teile und herrsche“, bei dem über die Sprache das Land hochgeschaukelt wird, indem mit der Identität, mit Emotionen und den historischen Erinnerung gespielt wird?“, schrieb die Autorin des Briefes, Dshamila Aitmatowa. Sie erinnerte daran, dass die Geschichte des postsowjetischen Raums zeige: Gerade mit linguistischen Streits beginnen oft große Krisen, die zu einer politischen Spaltung im Land führen.