Im (Ökumenischen) Patriarchat von Konstantinopel hat man auf die Anschuldigungen reagiert, die in einer Publikation des Pressebüros des Dienstes für Auslandsaufklärung Russlands formuliert worden waren. Die Pressemitteilung der russischen Institution wurde am 12. Januar veröffentlicht, und die Antwort Konstantinopels einen Tag später. Die russische Auslandsaufklärung hatte gewarnt, dass der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I. Pläne hege, die orthodoxen Kirchen Lettlands, Litauens und Estlands vom Moskauer Patriarchat loszulösen. Bartholomäus I. verdächtigt man gleichfalls der Absichten, Wirren auf dem Balkan auszulösen, indem die orthodoxe Kirche von Montenegro anerkannt wird, die versucht, einen kanonischen Status zu erlangen. Dagegen wendet sich natürlich die Serbische (orthodoxe) Kirche, die eine Metropolie in Montenegro hat.
Bei der Erörterung dieser Kollision im öffentlichen Raum wurde der stilistische extravagante Charakter der Publikation auf der Internetseite des Dienstes für Auslandsaufklärung hervorgehoben. Bartholomäus I. bezeichnete man da als „leibhaftigen Teufel“ und „Antichrist“. Wenn man sich jedoch andere Mitteilungen des Pressebüros anschaut, so entsprechen auch sie nicht sehr einem strengen sachlichen Stil, obgleich sie verschiedenen internationalen Problemen gewidmet sind. Die Veröffentlichung zur Kirchenfrage schert da nicht allzu sehr aus dieser Reihe aus, wenn man die spezifische Lexik außer Acht lässt, die polemischen Äußerungen im klerikalen Umfeld und nicht den Sprechern einer staatlichen Einrichtung eigen sind.
„Laut den Dienst für Auslandsaufklärung erreichenden Informationen, setzt der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., der die orthodoxe Ukraine zerstückelte, seine Spaltungstätigkeit im christlich-orthodoxen Kirchenraum fort. Jetzt hat er sein schwarzes Auge auf die Länder des Baltikums gerichtet“, heißt es in der Mitteilung des Pressebüros. „Dabei unterstützen ihn auf jegliche Weise die britischen Geheimdienste, die die russophoben Einstellungen in den Ländern Europas aktiv nähren“, setzen die Autoren des Textes fort. „Mit deren Zuspiel hat der sich durch die Todsünde einer Spaltung beschmutzte Bartholomäus eine gemeinsame Sprache mit den Herrschenden der baltischen Staaten in dem Bestreben gefunden, Wirren in die russische orthodoxe Welt zu bringen. Sich auf ideelle Verbündete in Gestalt einheimischer Nationalisten und Neonazis stützend, versucht er, die Litauische, die Lettische und die Estnische orthodoxe Kirche vom Moskauer Patriarchat durch ein Abwerben deren Geistlichen und der Gemeinde in Richtung der von Konstantinopel künstlich geschaffenen religiösen Marionetten-Strukturen loszureißen“.
„Die Mutterkirche von Konstantinopel – die gleichfalls Mutterkirche auch für die Russische Kirche ist – bekundet tiefste Trübsal aufgrund der neuen Attacke Russlands gegen die Person“ von Bartholomäus I., heißt es in einer Antworterklärung des Ökumenischen Patriarchats, die auf der Internetseite dieser religiösen Organisation veröffentlicht wurde. „Seit 2018, als das Ökumenische Patriarchat die Entscheidung über die Gewährung eines autokephalen Status für die Kirche der Ukraine fällte, hat die Mutterkirche Kommentare bezüglich der zahllosen ähnlichen Attacken vermieden, die sowohl von kirchlichen als auch von politischen Zentren und einzelnen Personen in Russland ausgingen. Heute handelt sie ebenso. Die erfundenen Szenarios, Fake-News, Beleidigungen und fabrizierten Informationen, die von allen möglichen Propagandisten verbreitet werden, halten das Ökumenische Patriarchat nicht in dem Streben auf, seine globale Mission fortzusetzen“, lesen wir in dem Text.
Es ablehnend, vom Wesen her die Beanstandungen des russischen Dienstes für Auslandsaufklärung zu kommentieren, vermittelt Konstantinopel dennoch einige Signale. Nicht zufällig ist von der „Mutterkirche“ in Bezug auf das Moskauer Patriarchat die Rede. Was will man damit sagen? Möglicherweise ist das ein Verweis darauf, dass die harte Kritik, die auch noch in solchen kategorischen Tönen gehalten ist, dem ganzen System der orthodoxen Kirchen einen Schaden zufügen könne. Der Flecken auf dem Patriarchat von Konstantinopel werde sich scheinbar auch auf die Russische Kirche als eine der Erbinnen des Byzantinismus legen. Die Erschütterungen in einem Glied können die ganze Traditionskette des östlichen Christentums zerstören. Möglicherweise will man gerade dies im Ökumenischen Patriarchat sagen.
Einige Beobachter haben auch ganz und gar in den Worten über die „Mutterkirche“ eine Androhung ausgemacht. Die Russische Kirche hatte von Konstantinopel die Autokephalie erhalten. Und in einigen Kreisen ist davon die Rede, dass das Ökumenische Patriarchat einen Schlag schon nicht gegen die Peripherie der Russischen orthodoxen Kirche führen könne, sondern unmittelbar gegen deren Herz.
Geäußert werden die Vermutungen, dass Konstantinopel auf die Möglichkeit eines Zurückziehens der Anerkennung des Patriarchen-Status der Kirche in der Rus, die 1589 erhalten wurde, anspiele.
Jedoch gibt es hinsichtlich solch einer Wende der Ereignisse große Zweifel. Selbst der Beginn der russischen kirchlichen Eigenständigkeit war von einer Konfrontation mit Konstantinopel geprägt worden. Faktisch war die Autokephalie 1448 durch ein Konzil von Bischöfen in Moskau und entgegen dem Willen der „Mutterkirche“ proklamiert worden. Das Patriarchat von Konstantinopel hatte damals eine „Unie“ (Vereinigung) mit Rom besiegelt. In der Rus hatte man diesen Versuch einer Vereinigung des östlichen und des westlichen Christentums zurückgewiesen. So war die Russische Kirche de facto zu einer selbständigen geworden. Und erst ein Jahrhundert später war dieser Umstand von der „Mutterkirche“ de jure akzeptiert worden.
Heute ähnelt die Situation jenen historischen Ereignissen. Die konservativen Kreise Russlands sehen die engen Kontakte von Patriarch Bartholomäus I. mit den römischen Päpsten Franziskus und Leo XIV. als verwerfliche an. Die kürzlichen Feierlichkeiten in der Türkei aus Anlass des 1700. Jahrestages des Ökumenischen Konzils von Nicäa, als Bartholomäus und Leo gemeinsam eine Zeremonie zelebrierten, unterzogen die russischen Ökumenismus-Gegner einer harschen Kritik.
Die 500jährige Geschichte des eigenständigen Existierens und der Entwicklung der Russischen Kirche hat sie allzu sehr von den Ursprüngen entfernt, um die Zeit umkehren und Moskau die Autokephalie „wegnehmen“ zu können. Bei der Schaffung der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), wegen der es auch zu einem Bruch zwischen Moskau und Konstantinopel kam, appellierte Patriarch Bartholomäus gerade an die wirre Geschichte der Unterstellung der Kirchen. Doch auch das Ergebnis hat sich als ein mehr als bescheidenes erwiesen: Die OKU existiert an der Peripherie der christlich-orthodoxen Welt. Und es gelingt nicht, selbst mittels eines überaus mächtigen administrativen Drucks der Herrschenden in Kiew mit der Ukrainischen orthodoxen Kirche fertig zu werden.
Was die für eine staatliche Institution etwas ungewöhnliche eschatologische (d. h. apokalyptische) Rhetorik des Pressebüros des russischen Dienstes für Auslandsaufklärung angeht, so werden diesbezüglich ebenfalls Versionen vorgebracht. Zum Beispiel ist der Gleichklang dieses Textes mit den Auftritten der ultrakonservativen Herrscher der Hirne in den USA hervorgehoben worden, die der Bewegung MAGA (Make America Great Again) nahestehen, die den Kern der innenpolitischen Unterstützung für Donald Trump bildet. Der russische Philosoph und Traditionalist Alexander Dugin erzählte, dass im vergangenen Herbst der deutschstämmige milliardenschwere Unternehmer und in Personalunion konservative Publizist Peter Thiel einen Zyklus von Vorträgen unter dem Gesamttitel „Der Antichrist“ gehalten habe. Die eschatologischen Erwartungen von Thiel hängen mit der liberalen Globalisierung zusammen. Und gegen die „Kräfte des Bösen“ würden entsprechend dem Gedanken des Unternehmers die Vereinigten Staaten vorgehen, deren geheimen Werte die Bewegung MAGA zum Ausdruck bringe.
In diesem Sinne kann man die Veröffentlichung der russischen Auslandsaufklärung als einen Fingerzeig für die amerikanischen Partner bezüglich einer konservativen Agenda ansehen – eine Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Patriarchat ist nicht wünschenswert. Es sei daran erinnert, dass Patriarch Bartholomäus I. am 15. September 2025 in den USA weilte und im Weißen Haus von Trump empfangen wurde. Bartholomäus sprach bei dieser Begegnung die Themen der Ukraine und Russlands an. Zur gleichen Zeit werden seitens Moskaus Versuche unternommen, einen Dialog mit einzelnen Politikern und politischen Gruppen in den USA anzubahnen, die den Kampf der Kiewer Offiziellen gegen die Ukrainische orthodoxe Kirche verurteilen.
Dass die Veröffentlichung des Dienstes der Auslandsaufklärung gerade jetzt erschien, hat keine klare Erklärung, nur wenn man nicht die besondere Kompetenz des Aufklärungsdienstes beachtet. An der Oberfläche aber sind keinerlei bedeutsame Veränderungen in der Lage der russischen Metropolien in den Ländern des Baltikums auszumachen. Die Hauptereignisse erfolgten in den vorangegangenen Jahren. Tatsächlich war es zu Unannehmlichkeiten für die mit dem Moskauer Patriarchat verbundenen Metropolien vor dem Hintergrund der Aktivitäten von Patriarch Bartholomäus im Baltikum gekommen. Das religiöse Oberhaupt besuchte im März 2023 Litauen, ein halbes Jahr später weilte er in Estland. Und im September vergangenen Jahres – in Lettland.
Zu Beginn dieses Jahres hat sich zumindest auf einen ersten oberflächlichen Blick hier kein sehr stabiles, dennoch aber ein Gleichgewicht herausgebildet. Die Metropolien in Vilnius, Riga und Tallinn demonstrieren eine auffällige Distanzierung vom Moskauer Patriarchat und Loyalität gegenüber ihren Staaten. Aber vollkommen mit der russischen Tradition zu brechen, lehnen sie ab. Die religiösen Organisationen mussten sich auf Zugeständnisse einlassen und Verbote seitens der Herrschenden erdulden. Die Estnische (orthodoxe) Kirche leitet beispielsweise ein Metropolit, der des Landes verwiesen wurde. Und sie musste den Namen unter dem Druck der politischen Führung ändern. Und in Lettland hat man, nachdem durch das Parlament ein Gesetz über die Autokephalie der Kirchenorganisation verabschiedet worden war, einen Bischof ohne die Billigung Moskaus geweiht usw. Aber sie alle wirken mehr oder weniger frei.
Bisher hat sich nicht ein Land des Baltikums entschlossen, Kongregationen zu liquidieren, die mit der russischen geistlichen Tradition verbunden sind, obgleich solche Pläne existieren. Anfang Februar wird in Tallinn das Kollegium für Verfassungsaufsicht des Staatsgerichts den Antrag von Estlands Präsidenten Alar Karis auf Anerkennung der Änderungen am Gesetz über Kirchen und (Kirchen-) Gemeinden, die am 18. Juni 2025 durch das estnische Parlament (Riigikogu) verabschiedet worden waren, als verfassungswidrige behandeln. Das Dokument, dem das Staatsoberhaupt dreimal eine Unterzeichnung verweigerte, sieht ein faktisches Verbot für die Tätigkeit der Estnischen christlich-orthodoxen Kirche vor. Die Parlamentarier weigern sich, das Gesetz zu ändern oder zurückzuziehen.