Es ist ein seltener Fall: Im Verlauf eines ganzen Monats ist zum Lieferanten der spektakulärsten außenpolitischen Neuigkeiten ein einziger Mann geworden. Es versteht sich, dass Donald Trump gemeint ist. Im Januar stellte er sich scheinbar das Ziel (oder hatte er sich möglicherweise dies wirklich gestellt?), es so zu bewerkstelligen, dass nicht eine Ausgabe von Fernsehnachrichten oder nicht ein Leitartikel von Zeitungen nicht ohne die Erwähnung seines Namens ausgekommen ist. Mal droht Trump an, Grönland und Kanada einzuverleiben, ein anderes Mal greift er sich ohne Androhungen den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, mal verzankt er sich mit den europäischen Verbündeten, und ein anderes Mal macht er noch irgendetwas, was jene umhaut und in Angst versetzt, die ihn zu den Freunden oder zu den Feinden gezählt hatten.
In diesem Monat haben sich besonders nach dem skandalösen (anders kann es nicht gesagt werden) Forum in Davos die Starken dieser Welt scheinbar endgültig damit abgefunden, dass man den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten nicht in das für die gesamte Welt gewohnte System der außenpolitischen Koordinaten einpassen kann. Es gibt keine offenkundigen und unbestrittenen Antworten auf die einfachen Fragen: Trump, für wen und für was ist er überhaupt? Ist der Präsident der USA in einem Lager mit den europäischen Demokratien, mit der EU, der NATO und der Ukraine? Es ist gar nicht komisch. Muss man Trump zu den potenziellen Freunden Russlands und Chinas rechnen? Aber wie muss man dann die Besetzungen russischen Tanker, die venezolanische Operation und die Vorwürfe an die Adresse Chinas, dessen Kriegsschiffe er an den grönländischen Eisgebieten „bemerkt hatte“, sehen? Ist Trump sein eigener, der entsprechend der im vergangenen Jahr vorgelegten Nationalen Sicherheitsstrategie an die Interessen Amerikas denkt? Wenn ja, so unterscheidet sich sein Verständnis dieser Interessen stark von dem, das allen führenden politischen Kräften der USA, unter anderem auch jenen, die man üblicherweise als Trump-Anhänger, als die Bewegung MAGA (Make America Great Again!) bezeichnet, eigen ist. In der letzten Zeit hat sich Trump gerade mit ihnen aktiv zerstritten. Anstelle eines Präsidenten-Isolationisten, der sich mit den Angelegenheiten der USA befasst, haben die MAGA-Anhänger einen Leader bekommen, der vollkommen mit außenpolitischen Projekten beschäftigt ist. Und in Amerika an sich hat Trump ein Heiligtum der amerikanischen Rechten angetastet, den 2. Zusatzartikel zur Verfassung (englisch: Second Amendment to the United States Constitution), der das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen garantiert. In Minnesota haben ICE-Polizeibeamte (ICE – Immigration and Customs Enforcement, deutsch: Einwanderungs- und Zollbehörde) einen Einheimischen wegen einer Pistole in der Tasche erschossen, und der Präsident hat sie unterstützt.
Anstelle eines Verstehens von Trump haben jene, die mit ihm zusammenarbeiten scheinbar eine Methodik für einen Umgang mit ihm ausgearbeitet. Durch Versuche ist festgestellt worden, dass man dem amerikanischen Präsidenten nicht widersprechen darf, sondern ihm zügellos schmeicheln und seinen Handlungen und nicht seinen Worten folgen muss, denn nach seinen Worten folgen bei weitem nicht immer Taten. Seit vergangenem Sommer, als sein Rating einbrach, wurde, wie es schien, klar, dass er nur bis zu den Kongress-Wahlen dumme Streiche machen kann, dass heißt bis zum kommenden November. Wenn die Republikaner die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses verlieren, wird sich die Situation der ersten Präsidentschaft von Trump wiederholen. Ihm werden Hände und Füße gebunden sein. In der bis zum Ende der Kadenz verbliebenen Zeit wird er sich der Versuche, ihm ein Impeachment (deutsch: Amtsenthebungsverfahren) zu erklären, erwehren und darüber nachdenken, wie er die Kontrolle über die Republikanische Partei bewahren kann, müssen. Für sie wird der Präsident als eine „lahme Ente“ zu einer toxischen Anlage, von der es nicht schlecht wäre sich entledigen. Und da wird er bereits keine Zeit mehr für außenpolitische Neuerungen haben.
Jedoch macht sich Trump so bestimmt Feinde, testet so leidenschaftlich die Festigkeit der sich herausgebildeten Weltordnung, dass sich unwillkürlich Zweifel ergeben: Ist er wirklich auch in den USA gewillt, entsprechend den Regeln zu spielen? Das Szenario, wonach der Präsident die Ergebnisse der Kongress-Wahlen nicht anerkennt, wird derzeit ganz ernsthaft in der amerikanischen Presse diskutiert. Schließlich ist Trump im Übrigen nach wie vor – ungeachtet jeglicher Gerichtsentscheidungen – der Auffassung, dass er die Präsidentschaftswahlen von 2020 nicht verloren hat. Seine Ablehnung, Joseph Biden als legitimes Staatsoberhaupt anzuerkennen, führte bekanntlich für die USA zu einer nie dagewesenen Erschütterung. Eine Haufen von Trumpisten hatte versucht, das Gebäude des Kongresses zu erstürmen. Seitdem hat sich in Amerika Vieles verändert. Trump ist zu einem Präsidenten geworden, der die föderalen Power-Strukturen (Rechtsschutzorgane) kontrolliert. Was wird passieren, wenn er die Wahlen zum Kongress nicht anerkennt? Eine Antwort auch auf diese Frage gibt es zum Schrecken der amerikanischen Gegner von Trump derzeit nicht.