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Die Russische orthodoxe Kirche und der Staat sind sich nicht in allem hinsichtlich der traditionellen Werte einig


In Moskau finden die Weihnachtlichen Bildungslesungen statt. Und im Rahmen dieses Forums trat Patriarch Kirill bei der Plenartagung auf. Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche unterzog jene Vorstellungen von geistlich-moralischen Werten einer akkuraten Kritik, die der Staat ausprägt und dem System der Schul- und Hochschulausbildung vermittelt.

Nach Meinung von Patriarch Kirill „wird die einheimische Schule heute mit Herausforderungen konfrontiert, die mit den Prozessen einer Säkularisierung, d. h. einer künstlichen Verwässerung des geistigen Inhalts aus der nationalen Kultur, mit Versuchen, eine gewisse neutrale weltliche, vom Wesen her aber eine religionslose“ und angeblich sogar eine „antireligiöse Variante der Kulturtradition“ zu schaffen, zusammenhängen. Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche ist der Auffassung, dass „bestimmte Kreise, Kräfte und Einflussgruppen existieren, die zweifellos dieses Ziel verfolgen“.

Der Patriarch erklärte, dass „die Versuche, die auszubildenden Jugendlichen an den traditionellen geistlich-moralischen russischen Werten ohne eine Bekehrung zum christlich-orthodoxen Glauben und zur christlich-orthodoxen Kultur teilhaben zu lassen, haltlos sind“. Weiter kritisierte er die existierende Ordnung der Dinge. „Ich musste hören: „Und wir haben gedacht, dass bei uns alles mit den traditionellen Werten in Ordnung ist.““, erzählte der Patriarch. „Später begreift man, dass sich hinter diesen traditionellen Werten das verbirgt, was man ganz und gar nicht unseren Studenten obligatorisch offerieren sollte“.

Als Schlussfolgerung aus dieser kritischen Passage schlägt Patriarch Kirill vor, aktiver den Klerus zur Arbeit in den Bildungseinrichtungen hinzuziehen. Die Geistlichen müssten nach seiner Meinung an der Erziehung der neuen Generationen in allen Etappen des Erwachsenwerdens – ab dem Kindergarten bis zum College und der Hochschule – teilnehmen.

Nach dem Auftritt des Oberhaupts der Russischen orthodoxen Kirche während der Plenartagung der Weihnachtslesungen wurde eine Grußadresse von Russlands Präsident Wladimir Putin an die Teilnehmer des Forums verkündet. „Im Verlauf der diesjährigen Lesungen steht Ihnen bevor, einen großen Kreis von Problemen zu erörtern, die mit der Entwicklung der besten Traditionen des einheimischen Bildungswesens, mit der Erziehung der heranwachsenden Generation auf der Grundlage der unerschütterlichen geistig-moralischen Ideale sowie der Werte des Patriotismus und Staatsbewusstseins zusammenhängen“, hatte das Staatsoberhaupt geschrieben.

Da die Äußerungen des Patriarchen und des Präsidenten nacheinander erklangen, fiel ein Unterschied in den Herangehensweisen an das Thema der traditionellen Werte ins Auge. Bei dem religiösen Funktionär werden sie konkretisiert und reduzieren sich auf die Werte wenn auch der wichtigsten im Land, aber nur einer christlichen Konfession. Die staatliche Herangehensweise ist eine etwas andere. Gemäß der Gesetzgebung gibt es in Russland vier traditionelle Religionen. Und die Politiker, darunter Putin, unterstreichen, dass sich die russischen Traditionen an der Schnittstelle dieser geistlichen Systeme herausbilden. Die ganze weltanschauliche Konstruktion krönen Bürgertugenden, vor allem Patriotismus.

Eine latente Polemik der Russischen orthodoxen Kirche und des Staates äußert sich auch in Details. Während das Bildungssystem für erzieherische Zwecke ein Bekanntmachen der Schüler mit herausragenden russischen Persönlichkeiten gesamtgesellschaftlicher Dimension vornimmt, hat Patriarch Kirill vorgeschlagen, den Kindern über das Lesen von Lebensbeschreibungen christlich-orthodoxer Heiliger Moral und Ethik zu vermitteln.

In derartigen Meinungsverschiedenheiten ist der Unterschied der staatlichen Herangehensweise zum klerikalen Standpunkt zu spüren. Die Führung des Landes und die multinationale Gesellschaft sind an einer Bewahrung der interkonfessionellen Eintracht interessiert. Die Russische orthodoxe Kirche möchte auch am Dialog der Religionen teilnehmen. Doch in der letzten Zeit ist eine geringe Schieflage in Richtung der Durchsetzung einer Hegemonie der Hauptkonfession festzustellen. Mit dem Moskauer Patriarchat verbundene Spitzenvertreter der öffentlichen Meinung haben eine Kampagne gegen eine „Halal“-Zertifizierung, d. h. gegen eine Zertifizierung der für die Moslems erlaubten Waren und Leistungen losgetreten. Ihnen macht der totale Charakter der Einführung dieser Standardisierung Angst. Sie stützen sich auf die Meinung des Patriarchen, wonach eine unkontrollierte Einwanderung drohe, die christlich-orthodoxe Identität der Mehrheit der Bürger Russlands durch einen „fremden“ Glauben zu ersetzen.