Der laut Umfragen populärste Konkurrent von Alexander Lukaschenko bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 2020, Viktor Babariko, hat bekanntgegeben, dass er in die Politik zurückkehre. Der vor dem Jahreswechsel aus dem Gefängnis entlassene Babariko (nach einem unter Beteiligung der USA organisierten Gefangenenaustausch – Anmerkung der Redaktion) hatte eine Pause für ein Nachdenken eingelegt. Jetzt aber erklärt er, dass er bald bereit sein werde, ein Aktionsprogramm vorzulegen. Derweil beklagt sich seine Mitstreiterin Maria Kolesnikowa darüber, wie hart die Menschen während des Aufenthalts der politischen Gefangenen im Gefängnis geworden seien. Experten sind sich nicht sicher, ob die Kompromissposition von Babariko und Kolesnikowa in Bezug auf Präsident Lukaschenko viele Anhänger finden werde.
Der gefährlichste potenzielle Kontrahent von Alexander Lukaschenko bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 2020, Viktor Babariko, kehrt in die politische Arena zurück. Dies erklärte er in einem ausführlichen Post, der in seinem persönlichen Blog veröffentlicht wurde.
Im Jahr 2020 hatten Internet-Umfrage gezeigt, dass Babariko der populärste oppositionelle Kandidat gewesen war. Der Vorstandsvorsitzende der „Belgazprombank“ hatte bei den unterschiedlichsten Wählergruppen Vertrauen hervorgerufen. Jedoch war es ihm nicht gelungen, am Präsidentschaftswahlkampf teilzunehmen. Die Zentrale Wahlkommission hatte Babariko eine Registrierung als Kandidat im Zusammenhang damit verweigert, dass „in der Einkommensdeklaration nicht die sich in seinem tatsächlichen Besitz und seiner Nutzung befindlichen materiellen Mittel und Immobilien, aber auch die Einnahmen aus der Tätigkeit einer Reihe von ihm kontrollierten weißrussischen kommerziellen Strukturen ausgewiesen wurden“.
Allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt Babariko bereits in Haft befunden. Einen Monat zuvor hatte man ihn unter dem Verdacht der Verübung schwerer Wirtschaftsverbrechen verhaftet. Und am 6. Juli 2021 wurde er zu 14 Jahren Freiheitsentzug wegen des Erhalts von Bestechungsgeldern in einem besonders großen Umfang von einer organisierten Gruppe, aber auch wegen einer Legalisierung von Mitteln, die auf krimineller Weise und gleichfalls in einem besonders großen Umfang erhalten wurden, verurteilt.
Am 13. Dezember 2025 wurde Babariko durch Alexander Lukaschenko begnadigt und zusammen mit weiteren 122 politischen Häftlingen, unter ihnen auch seine nächste Mitstreiterin und in der Vergangenheit Chefin seines Wahlkampfstabes, Maria Kolesnikowa, freigelassen und in die Ukraine abgeschoben.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich er und Kolesnikowa auf Einladung des offiziellen Berlins in Deutschland.
Gleich nach der Freilassung traten Babariko und Kolesnikowa bei einer Pressekonferenz auf. Ihre Antworten erschienen vielen radikalen Lukaschenko-Gegnern als übermäßig kompromisshafte. Der Politik nahm eine Pause. Jetzt aber erklärt er, dass sie zu Ende sei.
In seinem eingangs erwähnten Post schreibt Babariko darüber, wie er die aktuelle Situation sieht. „Die Weißrussen haben sich physisch als in jene, die drinnen sind, und in jene, die außerhalb des Landes sind, aufgeteilte erwiesen. Es entsteht der Eindruck, dass diese zwei Gruppen verschiedene Schmerzen und Interessen haben und dass sie einander nicht hören und nicht verstehen. Überdies gibt es selbst innerhalb dieser „getrennten Belorussen“ keine Einheit und keine Eintracht“.
Der Politik betont: „Es gibt das klar abgesteckte Ziel des Regimes, das in Belarus erhalten geblieben ist, alles zu tun, was ein Erreichen dieses Ziels gewährleistet“. Dabei konstatiert Babariko, dass „es kein gemeinsames Verständnis hinsichtlich eines von den Belorussen geteilten Zukunftsbildes, die den „Optimismus“ des bestehenden Regimes nicht akzeptieren, gibt“.
Der Politiker gesteht ein, dass er keinen fertigen Plan für ein Herauskommen aus dieser traurigen Situation habe. Er teilt aber mit: „Ich beginne eine Bewegung in Richtung dessen Gestaltung. Ich denke, dass nicht viel Zeit dafür gebraucht wird. Nun ganz bestimmt nicht Jahre“.
Praktisch gleichzeitig mit dem Auftauchen seines Posts gewährte Maria Kolesnikowa der deutschen Zeitung „Die Zeit“ ein Interview, in dem sie klagte: „Man muss miteinander sprechen und einander zuhören. Was mich nach fünf Jahren Gefangenschaft am meisten in der Welt schockiert, ist das Ausmaß an Hass und Aggression. Sie bemerken dies möglicherweise nicht, aber mich hat man aus einer Realität herausgerissen und in eine andere verfrachtet. Wenn die Menschen brüllen, hören sie sich einander nicht. Aber das Vermögen zuzuhören, kann zu etwas Gutem führen“ (https://www.zeit.de/2026/05/maria-kalesnikava-belarus-freilassung-haft-alexander-lukaschenko).
Sie hat bisher nicht erklärt, dass sie wieder mit Babariko arbeiten wird. Aber beide Politiker versuchen offenkundig, eine sich von der Strategie der Anführerin der weißrussischen Opposition, Swetlana Tichanowskaja, unterscheidende Agenda zu formulieren. Sie sind gegen das Setzen auf einen Sanktionsdruck, was die Möglichkeit eines Dialogs mit Lukaschenko im Interesse einer Überwindung der Spaltung der Gesellschaft andeutet. „Charakteristisch ist dieses Passive — „erwiesen sich als geteilte“. Als hätte eine unbekannte böse Kraft die Menschen auseinander geworfen, hätte zwischen ihnen Hindernisse aufgebaut.
Der Politologe Alexander Klaskowskij meldete auf einer der Oppositionsinternetseiten Zweifel an einer Perspektive dieser Politik an.
Ja, es gibt da eine böse Kraft. Doch sie hat einen konkreten Namen mit dem Buchstaben L. Im Jahr 2020 erfolgte eine endgültige Macht-Usurpation. Das Regime erlangte die Wesenszüge eines totalitären. Und die Menschen flohen aus dem Land, um sich vor dem Gefängnis zu retten. Gerade die Politik von Lukaschenko spaltet die Gesellschaft, sät Hass. Und die Soziologie zeigt, dass sich ihre Pole – die leidenschaftlichen Apologeten des „Batkas“ (deutsch „Väterchen“, Spitz- bzw. Beiname von Alexander Lukaschenko – Anmerkung der Redaktion) und die überzeugten Gegner des Regimes – nicht ausstehen können. Dies sind nicht einfach „verschiedene Interessen“, dies ist ein kolossaler politischer Bruch“.
Ja, und der politische Analytiker Valerij Karbalewitsch äußerte in einer der europäischen Zeitungen eine optimistischere Meinung: „Wie wird er seine Wählerbasis bewahren (und sie war im Jahr 2020 eine große, unter anderem auch aufgrund eines Abgehens von einer geopolitischen Entscheidung), indem er sich in Europa im Exil befindet? Es scheint, dass die Aufgabe eine fast unlösbare ist. Aber warum sollte man es nicht probieren? Gerade daher gibt es in der Erklärung von Babariko viel Philosophie und abschweifende Überlegungen, was nicht charakteristisch für einen Mann ist, der auf den Status eines Realpolitikers Anspruch erhebt. Auf jeden Fall wird sich Viktor Dmitrijewitsch in einem nicht jungen Alter einen neuen Beruf aneignen müssen – zu einem öffentlichen Politiker werden, seinen Platz im Milieu der weißrussischen Opposition suchen und sich den Status eines „Schwergewichts“ zurückholen“.