Die Chefin des Vereinigten Übergangskabinetts, Swetlana Tichanowskaja, ist endgültig von Vilnius nach Warschau umgezogen und hat sofort Anhörungen im Koordinationsrat durchgeführt. Die Mitglieder dieser Struktur, die auf den Status eines alternativen Proto-Parlaments Weißrusslands Anspruch erhebt, stellten ihr viele unangenehme Fragen. Zum Beispiel: Auf welcher Grundlage sie weiterhin den Status einer Anführerin bewahrt. Tichanowskaja nannte ihrerseits die Hauptfehler der Opposition, unter denen nach ihrer Meinung der „Peremoga“-Plan für einen bewaffneten Aufstand sei (Peremoga – deutsch: Sieg). Ihr Autor, der ehemalige Vertreter der weißrussischen bewaffneten Organe, Alexander Azarow, erklärte, dass darüber „eine Hausfrau“ nicht zu urteilen hätte.
Das Office von Swetlana Tichanowskaja hat endlich endgültig bestätigt, dass sie selbst und ihre nächsten Mitstreiter von Vilnius nach Warschau umgezogen seien. In Litauen würden allerdings einige mit ihr verbundene Struktur verbleiben. Bei Anhörungen im Koordinationsrat in Warschau versicherte Tichanowskaja: „Diese Erweiterung wird weder unserer Arbeit noch den Plänen und den Beziehungen mit den Partnern schaden, im Gegenteil, sie werden sie verstärken“.
Die Oppositionsführerin informierte über ihre Pläne: über die Vorbereitung eines Kiew-Besuchs, ein Treffen mit der Konsultativgruppe der Europäischen Union und der Kontaktgruppe des Europarates. „Wir bereiten gleichfalls strategische Konsultationen mit Großbritannien im März vor. Parallel wird die nächste Tagung für einen strategischen Dialog mit den Vereinigten Staaten vorbereitet“, kündigte Tichanowskaja an.
Doch danach musste sie Fragen von Mitgliedern des Koordinationsrates beantworten. Eine von ihnen betraf unmittelbar ihre Vollmachten. „Wie muss man Sie richtig nennen? Nationale Führerin? Anführerin der weißrussischen demokratischen Opposition? Artjom Schraibman (ein Politologe — „NG“) sagt, dass Sie de facto eine politische Aktivistin seien. Im US-Kongress habe ich vor einigen Tagen gehört, dass Sie ein „President-elect“ seien. Bringen Sie bei, wie es richtig ist!“, fragte mit einer offenkundigen Ironie Wadim Prokopjew, ein Vertreter der Fraktion „Belorussen“, Geschäftsmann und langjähriger Kritiker Tichanowskajas. Ich klammere mich nicht an Titel, Regalien und so weiter. Ich antworte üblicherweise: Sagen Sie es so, wie Ihnen der Mut reicht. Wenn Sie persönlich meinen, dass Swetlana Tichanowskaja ein „President-elect“ ist, bitte. Sie sind berechtigt, es so zu sagen. Wenn Sie meinen, dass ich die Anführerin der demokratischen Kräfte bin, ein Symbol oder sonst wer, sagen Sie es so!Für mich ist das wichtigste zu wissen, was für eine Rolle, was für eine Arbeit ich an dieser Stelle realisiere“.
Doch Prokopjew genierte sich nicht, eine präzisierende Frage zu stellen, die offenkundig ihn nicht allen bewegt: Wie lange plant Tichanowskaja, „das weißrussische Volk zu repräsentieren“?
Der Aktivist war auf maximale Weise offen: „Viele sagen, dass Sie ihre Vollmachten verlängert haben – rücksichtslos, ohne viel Federlesens und unbefristet. Ich bin mir beispielsweise sicher, dass Sie auch darüber nachdenken, dass es Ihnen aufgrund dieses Gedankens unbequem ist. Sie suchen sicherlich nach einer Lösung, wie man eine Prozedur für die Verlängerung Ihrer Vollmachten absichern kann. Sie haben gesagt, dass Sie, solange Sie von den Weißrussen gebraucht werden, bleiben werden, was Sie hinsichtlich der Praktiken des Regimes zu ein wenig ähnlichen macht“.
Tichanowskaja versicherte: „Solange die Weißrussen mich anhören, solange mich unsere europäischen Partner erhören, uns vertrauen, mit uns arbeiten, werde ich mich dort befinden, wo ich mich befinde“. Und danach erläuterte sie, dass, solange keine „demokratischen Wahlen“ stattfinden, sie über keinerlei Symbol für eine Legitimität vom Typ einer Krone, dass sie irgendwem übergeben könnte, verfüge.
Aus der Antwort ergab sich faktisch, dass die Legitimität Tichanowskajas dadurch bestimmt werde, dass mit ihr die westlichen Partner sprechen würden. Und in dieser Eigenschaft sei sie durch keinen zu ersetzen.
Dabei demonstrierte die ständige Führerin Eigenkritik und zählte die Hauptfehler auf, die nach ihrer Ansicht die oppositionellen Kräfte zugelassen hätten. In erster Linie nannte sie den „Plan Peremoga“ — die Maßnahmen zur Vorbereitung von Kräften für einen Aufstand innerhalb des Landes. Mit ihm hätte man nach ihren Worten „sehr große Erwartungen, die sich nicht bewahrheiteten“, verbunden.
Außerdem gestand sie ein, dass ihr Verlassen Litauens nicht einfach mit einer Verringerung des Grades ihrer Bewachung in diesem Land verbunden gewesen sei, sondern mit tiefliegenderen Gründen. „Vielleicht war dies entweder ein politischer Fehler oder überhaupt unserer gesellschaftlichen Arbeit, dass wir eventuell zu wenig mit der litauischen Gesellschaft gearbeitet haben. Wir alle hatten so gedacht, dass die Litauer um alles wissen, dass die Litauer alles verstehen und jene Narrative, die einige Parlamentarier vertreten und die durch propagandistische Narrative verstärkt werden, nicht wirken. Aber sie hatten all diese Zeit funktioniert. Und eben diese „Litauen-Kategorien“ und „Pogonias“ (Pogonia – deutsch: Wappen) wurden zu solch einem Grund dafür, dass die Litauer in Litauen begannen, sich etwas negativ gegenüber den Weißrussen zu verhalten“, räumte Tichanowskaja ein.
Doch die Tiefe des Problems begreift sie offenkundig nicht bis zum Ende. Und dies hängt mit der Unbestimmtheit jener nationalen Identität zusammen, die die Opposition den Weißrussen vorschlägt. Während Präsident Alexander Lukaschenko sie ausprägt, wobei er sich auf das sowjetische Erbe und die historischen Verbindungen mit Russland stützt, driften seine Gegner in die Tiefe der Jahrhunderte ab, geraten mit Vilnius unweigerlich in einen Streit über das Erbe des Großherzogtums Litauen. Doch das heutige Litauen will nicht anerkennen, dass die entscheidende Rolle in diesem mittelalterlichen Staat die Weißrussen gespielt hatten.
Der Autor des „Peremoga-Plans“, Alexander Azarow stellte sich in den sozialen Netzwerke die Frage: „Würde ich anfangen, die Worte der Hausfrau Tichanowskaja, die zwei Kinder erzieht, darüber, dass der „Peremoga-Plan“ ein Fehler ist, kommentieren?“ Somit sind die unkorrekten Diskussionen, die eine Spaltung der Opposition provozieren, durch keinerlei Wehklagen Tichanowskajas zu dämpfen.