Erneut richten sich die Blicke der russischen Wintersportfans gen Italien, wo am 6. März die Paralympischen Winterspiele begonnen haben. Nur wenige Tage nach Abschluss der Winterolympiade in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Für die russischen Starter waren diese XXV. Olympischen Winterspiele eine „Katastrophe“, wie in zahlreichenden Kommentaren zu lesen war. Nur 13 AthletInnen Russlands konnten im neutralen Status an den Start gehen, die zahlenmäßig kleinste Delegation seit Beginn des 20. Jahrhunderts. In Peking waren es bei der Winterolympiade 212 SportlerInnen, unter ihnen Skialpine Julia Pleschkowa, die in Italien erneut an den Start ging. Die Ausbeute des Mini-Teams war im Februar mehr als bescheiden und lag deutlich unter den Erwartungen. Geschürt wurden sie aber vor allem in den Medien, sah man doch die Eiskunstläufer Pjotr Gumennik und Adelia Petrosjan als potenzielle Medaillengewinner. Zu recht meinte da der frühere Olympiasieger Alexej Jagudin: „Es macht keinen Sinn, im Land himmelhohe Bewertungen zu vergeben. Ich verstehe, dass wir unsere Sportler lieben und unterstützen, aber nicht auf solch eine Art und Weise“. Gumenik (mit seinem besten Saisonergebnis) und Petrosjan errangen letztlich keine Podestplätze, wobei sich Adelia durch ihre Patzer um eine mögliche Medaille gebracht hatte. Damit holte die russische Mannschaft lediglich eine Medaille nach Hause. Nikita Filippow errang Silber im Skibergsteigen. Somit wiederholte Russland seinen Antirekord von den Olympischen Spielen in Paris. Im russischen Fernsehen waren diese Spiele nicht zusehen, nur im Internet. Doch der Erfolg des 23jährigen Filippow ließ man nicht unter den Tisch fallen.
Anders sieht es dagegen jetzt aus. Die Paralympischen Winterspiele sind für die staatlichen Medien weitaus interessanter. Der Grund: die Wiederzulassung von Russland (und Belarus) unter eigener Flagge und mit eigener Hymne. Erstmals seit Sotschi 2014, da Russland danach zunächst aufgrund von Dopingvorwürfen und dann wegen der sogenannten militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine von den Paralympics ausgeschlossen wurde. Den Beschluss über diese Rückkehr fasste die Generalversammlung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) im vergangenen Jahr. Während der Eröffnungsveranstaltung am 6. März in Verona, die von einigen Mannschaften aufgrund der Zulassung der russischen und weißrussischen Athleten boykottierte, machte IPC-Präsident Andrew Parsons noch einmal deutlich: „In einer Welt, in der manche Länder eher unter dem Namen ihrer Staatsoberhäupter als unter ihrem eigenen bekannt sind, ziehe ich es vor, Länder über die Namen ihrer Athletinnen und Athleten zu kennen. Sport bietet der Welt einen anderen Weg nach vorn, eine andere Perspektive“.
Insgesamt nehmen 611 Athleten aus 55 Nationen an den Wettkämpfen in Mailand, Cortina und Tesero teil. Die Rekordmarke von 564 Teilnehmern aus 48 Ländern von Pyeongchang 2018 wird damit deutlich überboten. Sechs russische und vier belarussische Sportlerinnen und Sportler sind in Italien (nur in Einzeldisziplinen). Und die ersten Tage der 14. Winter-Paralympics lassen aufhorchen und machen die Erfolge der russischen Starter zu Topthemen in den TV-Nachrichten. Erzielt wurden die bisherigen (Stand vom Montag, dem 9. März) durch zwei Vertreter der Russischen Föderation. Durch die Skialpinen Warwara Worontschichina und Alexej Bugajew. Nachdem die beiden am Samstag jeweils eine Bronzemedaille gewannen, legte die 23jährige aus dem ostsibirischen Baikalsk am Montag nach. Im Super-G der stehenden Klasse dominierte sie deutlich vor der Französin Aurelie Richard und der Schwedin Ebba Arsjö (die Weltmeisterin galt als die Favoritin). Als die Hymne ertönte (erstmals seit Sotschi 2014), ließ Warwara Worontschichina ihren Emotionen freien Lauf. „Es ist wirklich etwas Besonderes für mich. Noch verstehe ich nicht, was passiert ist. Es ist unglaublich“, sagte die Blondine. Sie genieße „großen Rückhalt in meiner Familie, bei meinen Freunden und bei allen Leuten in Russland“, zitierte sie die Sportnachrichtenagentur SID. Russlands Sportminister Michail Degtjarow gratulierte via Telegram der Olympiasiegerin und war stolz darauf, „dass die russische Hymne wieder gespielt wird“.
Die weiteren vier Starter unter russischer Flagge in Italien sind die 24jährige Anastasia Bagijan (Skirennen), der 30jährige Iwan Golubkow (Skirennen) sowie die Para-Snowboarder Dmitrij Fadejew (37 Jahre) und Filipp Schebbo Monser (34 Jahre).
Die bisherigen Erfolge der russischen Starter bei den 14. Winter-Paralympics sind nicht nur Grund zur Freude, sondern auch Ansporn für andere Bürger Russlands mit Behinderungen, sich sportlich zu betätigen, sowie das Ergebnis einer umfangreichen Arbeit, um behinderte Menschen einen neuen Sinn für ihr Leben zu geben. Nach Beginn der militärischen Sonderoperation hat sich in Russland die Anzahl der Menschen mit Körperbehinderungen spürbar erhöht – vor allem unter der männlichen Bevölkerung. Laut vorliegenden Angaben waren Anfang dieses Jahres rund 700 Teilnehmer des Ukraine-Krieges mit einer Invalidität Mitglieder regionaler paralympischer Mannschaften. Rund 70 von ihnen wurden in Nationalauswahlteams unterschiedlicher Behindertensportarten aufgenommen.
Der Präsident des Paralympischen Komitees Russlands, Pawel Roschkow, hatte im Juli 2023 erstmals über das Auftauchen von einstigen Militärs in Auswahlmannschaften berichtet, wobei er deren Einbeziehung in die paralympische Bewegung als eine der Aufgaben des Komitees bezeichnete.
Laut Recherchen von „NG Deutschland“ sind gerade in Sledge-Hockey-Mannschaften viele Veteranen der militärischen Sonderoperation aktiv, die man bei regelmäßig veranstalteten Turnieren erleben kann.
Die Finanzierung der Programme zur Gewinnung von Teilnehmern des Ukraine-Krieges für den Parasport erfolgt über mehrere Projekte und Organisationen und hat bereits eine Gesamtsumme von mindestens 2,8 Milliarden Rubel erreicht. Unter ihnen ist das Projekt des Paralympischen Komitees Russlands „Wir sind zusammen. Sport“, das aus der Stiftung für Präsidentenzuschüsse Gelder erhalten hat. Die bereitgestellten Mittel (auch von anderen Organisationen und Stiftungen sowie Großunternehmen) werden für eine Rehabilitierung von verwundeten Militärs, die Organisation von Wettkämpfen, die Ausstattung mit Bekleidung und Sportgeräten sowie für Preisgelder eingesetzt. Zusätzliche Finanzen kommen von der Aufsichtsbehörde für Glücksspiele und aus den Etats der russischen Regionen, in denen Wettbewerbe für Behindertensportler ausgetragen werden.