Der sich im Ruhestand befindende Metropolit Leonid (Gorbatschow) ist in einen Fernstreit mit dem Patriarchen von Moskau und Ganz Russland Kirill getreten. Das Oberhaupt erklärte in einer Predigt am 15. März erneut, dass die Russische Kirche gegenwärtig die besten Zeiten in ihrer Geschichte erlebe. Der Patriarch klagte scharf die sowjetische Epoche an, äußerte sich aber gleichfalls kritisch über das Imperium der Romanow-Dynastie, als sich die Kirche in der Unterstellung des Monarchen befunden hatte. Metropolit Leonid bezeichnete die Aussage des Oberhaupts der Russischen orthodoxen Kirche als eine „klägliche“. Gorbatschow war bereits im Jahr 2023 als Exarch des Patriarchen in Afrika abgesetzt und ungeachtet des noch nicht so betagten Alters (57 Jahre) „in den Ruhestand versetzt“ worden.
„Heute – und ich möchte dies noch und noch einmal sagen – leben wir in einer erstaunlichen Zeit“, sagte der Patriarch in seiner Sonntagspredigt in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale. „Aus der Sicht der Beziehungen von Kirche und Staat ist es besser als es in der Zarenzeit gewesen war. Denn, wie ich bereits gesagt hatte, leitete in der Zarenzeit ein weltlicher Beamter, der Oberprokurator der Herrschenden Synod, die Kirche. Er zelebrierte natürlich keine Gottesdienste, doch wählte er die Erzbischöfe aus, vereidigte sie. Und es ist vollkommen klar, dass er auch der Leiter für alle Erzbischöfe gewesen war. Er handelte sozusagen im Namen des Zaren. Aber er hatte geleitet, nicht der Zar, der natürlich vieles nicht gewusst hatte. Ja aber eben dieser Staatsbeamte“.
Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche hat mehrfach derartige Gedanken geäußert. Er rief die Gläubigen auf, dafür dankbar zu sein, dass jetzt den Staat Gläubige anführen würden, christlich orthodoxe Menschen. Doch im Unterschied zu den Zaren würden sie sich nicht in die Angelegenheiten der Kirche einmischen, sondern ihr nur helfen. Konkret kritisierte der Patriarch Zar Alexander I., der nach Meinung des Patriarchen einmal das Amt des Oberprokurators dem „Freimaurer“ und „Gottlosen“, dem Fürsten Golizyn, angetragen hatte.
„Können Sie sich vorstellen? Ein christlich-orthodoxes Imperium – und zum Hauptbeamten, von dem die Ernennung der Erzbischöfe, die Schaffung und Schließung von Klöstern und Kirchenschulen abhingen, wurde ein Mann, der sich offen als nichtorthodoxer bekannt hatte“, sagte im November 2023 das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche. Ihr „Fett“ bekamen auch die Rurikiden (ein Fürstengeschlecht, das auf Rjurik zurückgeht, den Gründer des Kiewer Reiches – Anmerkung der Redaktion). Am 22. Januar, wenn die Kirche den Gedenktag für Filipp (Kolytschjow – Metropolit von Moskau und Ganz Russland von 1566 bis 1568) begeht, erinnert der Patriarch regelmäßig daran, dass der Heilige auf Befehl von Iwan dem Schrecklichen umgebracht worden sei.
Im Oktober 2023 wurde Leonid (Gorbatschow) all seiner wichtigen Ämter entbunden und pensioniert. „Nach meiner Ablösung bemühte ich mich, keine direkte Einschätzung für das Wirken des Patriarchen abzugeben“, schrieb der Metropolit am 15. März dieses Jahres. „Die ist vor allem nicht ethisch, aber auch klar, dass man alles auf eine „Antwortreaktion“ schieben wird. … Doch der Patriarch ist auch ein Mensch und kann sich irren“, fuhr Gorbatschow fort. „Die Aussage über das Wohlergehen der Kirche in der heutigen Etappe, wobei sie der Zeit der Zarenherrschaft gegenüber gestellt wird, ist nicht bloß eine unglückliche, sie ist eine klägliche. Der Zar ist ein Gesalbter (Geweihter – Anmerkung der Redaktion) Gottes. Die Zeit seiner Herrschaft ist die Endzeit des Imperiums. Dies nicht zu verstehen, bedeutet das Tun Gottes und die Größe des russischen Volkes zu negieren“. Im Unterschied zum Patriarchen geht der Metropolit nicht zimperlich mit der heutigen Zeit um. „Nach meiner Meinung als ein Erzbischof der Russischen orthodoxen Kirche befinden wir uns in einer Periode von Wirren und Zwietracht und nicht in der „eines Schaffens und einer Festigung“, schrieb Gorbatschow.
Noch in der Eigenschaft des Afrika-Exarchen hatte Metropolit Leonid aktiv zeitkritische Einträge in den sozialen Netzwerken gepostet, wobei er die Kirchenführung und Staatsbeamte einer Kritik unterzog. Nach der Absetzung hat er die Feder nicht zur Seite gelegt. Anfang des Jahres 2024 hatte man den Hierarchen sogar vor ein Kirchengericht zitiert. „Ich nenne die Sachen bei ihrem Namen. Dies ist Verrat! Ein Verrat der Kirche und am Vaterland. Und alle, die an dieser Gesetzlosigkeit teilnehmen, sind Verräter. Ich werde alles detailliert später darlegen. Nicht ich habe dies begonnen. Und der Herr sieht, ich habe es nicht gewollt. Aber irgendwer muss die Augiasställe ausmisten“, hatte er damals unter seinem Account in einem der sozialen Netzwerke geschrieben (ausführlicher in der „NG“ vom 24. Januar 2024 — https://www.ng.ru/faith/2024-01-23/8_8929_africa.html). „Verurteilen“ wird man mich, weil ein Mann so entschieden hat. Bei uns entscheidet schon seit langem alles ein Mann“, hatte Leonid in jener Veröffentlichung hinzugefügt.