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Die Iran-Krise hat russischen Herstellern eine Chance verschafft


Die Krise um den Iran hat den internationalen Handel spürbar beeinflusst. In erster Linie die Transporte von Energieträgern. Durch die Straße von Hormus, in der gegenwärtig ernsthafte Einschränkungen für die Schifffahrt bestehen, werden rund 20 Prozent des Erdöls der Welt und bis zu 30 Prozent der globalen Lieferungen verflüssigten Erdgases befördert. Zur gleichen Zeit werden auch andere Handelsströme betroffen, die mit dieser Meerenge verbunden sind. Jedoch wird die Krise, wie dies oft geschieht, nicht nur zu einer Festigkeits- bzw. Stabilitätsprüfung, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten.

Derzeit ist die Meerenge faktisch für Schiffe der USA, Israels und deren Verbündeten blockiert, während für den Iran an sich, für China und die Länder, die eine neutralere oder freundlichere Haltung gegenüber Teheran einnehmen, die Passage eine offene bleibt.

Düngemittel

Die Kampfhandlungen im Nahen Osten können zu einer globalen Lebensmittelkrise führen. „Die internationale Lebensmittelsicherheit befindet sich aufgrund eines drastischen Ansteigens der Preise für Düngemittel, die in der Straße von Hormus eingesperrt sind, in Gefahr“, betonte der Leiter des Russischen Fonds für Direktinvestitionen, Kirill Dmitrijew.

Gemeint sind die Lieferungen von Ammoniak und des wichtigsten festen Stickstoffdüngemittels – Harnstoff (Karbamid). Wie im Amerikanischen Landwirtschaftsverband (American Farm Bureau Federation — AFBF) hingewiesen wird, produzieren die Länder des Persischen Golfs, die durch den Konflikt berührt worden sind, fast die Hälfte des Harnstoffs und etwa ein Drittel des Ammoniaks in der Welt. In einem Schreiben des Verbands an US-Präsident Donald Trump heißt es, dass der Konflikt die Düngemittel-Lieferketten für den Weltmarkt abreißen lasse und drohe, eine Lebensmittelinflation zu entfachen.

Dies ist nicht einfach ein Problem für die Landwirtschaftsbetriebe. Dies ist ein Problem der Lebensmittelsicherheit und ein Wirtschaftsproblem für das ganze Land. Wenn die Landwirte mit einem Mangel des Angebots oder einem Preisanstieg konfrontiert werden, erfassen diese Folgen die gesamte Lebensmittelkette“, schrieb der AFBF-Vorsitzende Zippy Duvall.

Die westlichen Medien schreiben ebenfalls über Probleme mit dem Harnstoff und Gas für die Düngemittelherstellung und weisen auf die Risiken für den weltweiten Bereich der Lebensmittel hin. Die „Financial Times“ betonte, dass die Länder des Persischen Golfs, die vom Import auf dem Seeweg über die Straße von Hormus abhängen, am meisten gegenüber kurzzeitigen Preissprüngen für Lebensmittel anfällig seien.

Aufgrund des Mangels an Erdgas waren die Düngemittelhersteller in den Ländern Südasiens gezwungen gewesen, die Produktionsumfänge zu drosseln. Wie in einem Beitrag der „Financial Times“ betont wird, seien von den üblichen 2,1 Millionen Tonnen Karbamid, die die Region üblicherweise in zwei Wochen exportiert, rund die Hälfte der Lieferungen geplatzt. Außerdem seien gegenwärtig über 1,1 Millionen Tonnen Düngemittel und Rohstoffe inklusive rund 570.000 Tonnen Karbamid im Bereich des Persischen Golfs blockiert, meldete das Blatt unter Berufung auf analytische Daten des Unternehmens Kpler.

Somit werden als erste die Länder der Region die Folgen zu spüren bekommen: Sie müssen die Ausgaben für den Erwerb von Lebensmitteln und die staatlichen Subventionen erhöhen. Als nächster werden der Agrarsektor und der Einzelhandel betroffen werden, wo die Kosten für Logistik und den Transport der Waren steigen werden.

Für Russland wird in dieser Hinsicht der Konflikt keine großen Gefahren auslösen. Der Lebensmittelsicherheit wird erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Beispiel versorgt sich Russland im Verlauf der letzten Jahre selbst mit Getreide, Fleisch, Fisch, Zucker und Speiseöl. Die Erhöhung der Produktion erlaubte, die Lebensmittelsicherheit hinsichtlich der Schlüsselpositionen zu verstärken. Entsprechend den Ergebnissen des vergangenen Jahres ist der Wert für Getreide bis auf 161 Prozent angestiegen, in Bezug auf Fisch und Fischprodukten – bis auf 128,8 Prozent und bei Fleisch – bis auf 102 Prozent. Erreicht wurde eine Selbstversorgung mit Kartoffeln. Dieser Parameter lag bei 97,9 Prozent bei einem Schwellenwert der Doktrin für die Lebensmittelsicherheit von 95 Prozent. Außerdem habe Russland praktisch die Zielwerte bei Gemüse sowie Wasser- und Zuckermelonen (89,6 Prozent) erreicht, teilte im Februar das Landwirtschaftsministerium der Russischen Föderation mit.

Außerdem führt Russland weltweit hinsichtlich der Lieferungen von Mineraldünger auf den globalen Markt. Unser Land kontrolliert um die 20 Prozent der internationalen Lieferungen Im vergangenen Jahr ist der Export um sieben Prozent gestiegen und erreichte 45 Millionen Tonnen. Und es ist geplant, diese Werte weiter zu erhöhen.

Metallurgie

Die Aluminiumhersteller im Nahen Osten – Katar, die VAE, Bahrein, Saudi-Arabien und Oman – sichern zusammen etwa neun Prozent der weltweiten Erzeugung dieses Metalls. Wenn man China nicht berücksichtigt, übersteigt deren Anteil den fünften Teil der globalen Produktion. Aufgrund der Blockierung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus mussten die Länder der Region zeitweilig den Export stoppen.

Derweil machen Experten für Russland, das rund sechs Prozent des gesamten Aluminiums in der Welt erzeugt und ein überaus großer Akteur außerhalb Chinas ist, zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine wesentlichen Risiken aus. Bei einer Jahresproduktion von fast vier Millionen Tonnen des Leichtmetalls entfallen auf den Binnenmarkt etwas weniger als eine Million Tonnen. Und diese Menge nimmt stabil zu.

Die Zuspitzung der Situation in der Straße von Hormus verstärkt die Spannungen auf dem Weltmarkt für Aluminium und führt bereits zu heftigen Sprüngen der Preisprämien auf einer Reihe von Märkten. Für die russischen Verbraucher sehen wir jedoch keine kritischen Risiken im Zusammenhang mit dem Reißen der globalen Lieferketten“, sagte Roman Rybalow, Direktor für die Entwicklung des Binnemarkts des RUSAL-Konzerns. „In den Jahren des Arbeitens unter Bedingungen äußeren Restriktionen hat RUSAL die Logistik-Routen diversifiziert, um Flaschenhälse zu umgehen, obgleich dies auch zu zusätzlichen Kosten für das Unternehmen führt“.

Eine unbedingte Priorität für RUSAL würden der Binnenmarkt und die Realisierung der langfristigen Verträge mit den russischen Kunden bleiben, unterstrich er. „Wir ergreifen alle möglichen Maßnahmen, um den Einfluss der äußeren Preis- und logistischen Schocks auf die Kunden in Russland zu minimieren und die Priorität der Umsetzung aller Verträge auf dem Binnenmarkt zu sichern. Alle laufenden Vereinbarungen werden erfüllt und im Weiteren im vollen Umfang realisiert werden“, betonte Roman Rybalow.

RUSAL setze gleichfalls im vollen Umfang die Umsetzung des strategischen Programms für den Verbrauch von Aluminium in Russland in allen Schlüsselbranchen um, fügte er hinzu. Dies seien das Bauwesen, die Autoindustrie und andere Segmente des Maschinenbaus, Verpackungsmaterialien und Konsumgüter sowie die Energiewirtschaft. „Bei Zunahme des Bedarfs irgendwelcher Segmente des russischen Marktes an primärem Aluminium und Legierungen sind wir bereit, operativ die Lieferungen an diese Verbraucher zu erhöhen und sie auf dem erforderlichen Niveau zu unterstützen“, erklärte der RUSAL-Vertreter.

Der Konflikt im Nahen Osten und die Blockierung entscheidender Seewege, die den internationalen Markt von Rohstoffwaren und Metallen aufheizen, tangieren auch die Schwarzmetallurgie (umfaßt alle Eisenhüttenkombinate. Stahl- und Walzwerke sowie Ziehereien – Anmerkung der Redaktion). Der Markt nimmt diese Risiken in die Preise über die geopolitische Prämie (Preisaufschlag auf Rohstoffe, Aktien oder Versicherungen, der durch politische Spannungen, Konflikte oder Unsicherheiten entsteht – Anmerkung der Redaktion) auf. In Russland an sich werden die Preise für Stahlerzeugnisse laut Schätzungen von Analytikern in einem bedeutend moderateren Tempo ansteigen und in einzelnen Segmenten gar einen Rückgang demonstrieren können.

Laut Schätzungen von Analytikern des Moskauer Zentrums „Euler“ könne die Prämie für Stahlwalzgut auf dem Binnenmarkt um etwa 27 Prozent bis auf rund 120 Dollar pro Tonne zurückgehen. Und der Preis für Walzgut am Versandpunkt werden sich symbolisch um ungefähr ein Prozent bis auf etwa 500 Dollar pro Tonne verringern. Dabei war der Binnenmarkt für die russischen Schwarzmetallurgie-Unternehmen in den letzten Jahren vor dem Hintergrund der Exportrestriktionen aufgrund der Sanktionen einer mit einer größeren Marge.

Helium

Eine der wichtigen Anwendungen von Helium hängt mit Magnetresonanztomographen zusammen. Katar, auf das rund 60 Prozent der interregionalen Helium-Lieferungen entfallen, hat den Export gestoppt. Wenn er nicht wiederaufgenommen wird, ist ein weltweiter Mangel möglich, der auch den Bereich der medizinischen Diagnostik berühren wird. Dies kann zu einer Verteuerung des Services und der Wartung von Anlagen sowie zu einer Zunahme der Kosten für die Herstellung und Befüllung bei Reparaturen führen.

Bisher beeinflusse die Unterbrechung des Exports des zweiten Elements im Periodensystem (in der Mendelejew-Tabelle) durch Katar kaum die Möglichkeit, eine MRT-Untersuchung in einheimischen Kliniken zu absolvieren, erklärten deren Vertreter gegenüber den Medien. Die Verträge über die Lieferung von Helium und die Wartung der Tomographen werden üblicherweise vorab abgeschlossen und gelten für eine lange Zeit. Daher werden sich Störungen auf die Verbraucher nur bei einem langen Konflikt und einem stabilen Mangel auswirken. Außerdem hat Russland in den letzten Jahren die eigene Produktion von Helium erhöht, was unsere Abhängigkeit von Importen verringert.

Die Hersteller von Tomographen haben Maßnahmen zur Diversifizierung der Lieferanten, zur Verteilung von Vorräten und zum Anlegen von Reserven ausgearbeitet, um mögliche Folgen zu minimieren. Bisher beobachten sie keine ernsthaften Störungen bei den Lieferungen.

Ein Fenster der Möglichkeiten

Der Welthandel befinde sich in einer Krise, die bei weitem nicht nur die Lieferungen von Erdöl und Gas betreffen würde, betonte Boris Kopeikin, Chefökonom des P.-A.-Stolypin-Instituts für Wirtschaftswachstum. Nach seinen Worten bestehe außer der Blockierung der Straße von Hormus die Wahrscheinlichkeit einer Zunahme der Risiken auch für die Schiffe, die am Territorium Jemens bei Nutzung des Suez-Kanals vorbeifahren. Gemeint ist die Bab al-Mandab-Meeresstraße, ein strategisch wichtiger Seeweg zwischen dem südwestlichen Zipfel der Arabischen Halbinsel (Jemen) und dem nordöstlichen Teil Afrikas (Dschibuti und Eritrea). Die Meerenge verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden des Arabischen Meeres.

Natürlich, dadurch nehmen die finanziellen Kosten und der Zeitaufwand auch für die russischen Exporteure und Importeure zu. Die Frachtgüter müssen sowohl länger als auch teurer befördert werden. Doch in den vergangenen Jahren haben die russischen Unternehmen große Erfahrungen aus dem schnellen Anpassen an die sich verändernden Bedingungen und aus der Überwindung der lohistischen Schwierigkeiten gesammelt. Ungeachtet aller äußeren Einschränkungen erfolgen sowohl die notwendigen Importlieferungen für den russischen Markt als auch die Exportströme. Augenscheinlich werden auch jetzt die nötigen Lösungen gefunden werden“, unterstrich der Experte.

Nach seinen Worten bringe die entstandene Situation gleichzeitig auch einmalige Möglichkeiten für eine Erhöhung der Lieferungen und das Betreten neuer Märkte in den verschiedensten Bereichen – von der Landwirtschaft bis zur Metallurgie. „Es ergeben sich auch zusätzliche Stimuli für eine Importsubstitution in jenen Bereichen, wo die Importlieferungen aufgrund des Konflikts erschwert sein werden. Unter Berücksichtigung der Möglichkeiten der russischen Produzenten werden die negativen Folgen der entstandenen Situation für den russischen Verbraucher weniger spürbar im Vergleich zu den Effekten für eine Reihe anderer Länder sein. Und die Wirtschaft kann insgesamt durch das Ansteigen der Exportpreise und der Produktionsumfänge gewinnen“, meint Boris Kopeikin.

In der Tat, vor dem Hintergrund der Probleme mit der Logistik ergeben sich für die russischen verarbeitenden Branchen gute Möglichkeiten für eine Erweiterung des Exports über alternative Kanäle und für eine Befriedigung der Nachfrage in anderen Ländern. Bekannt ist bereits eine Zunahme der Nachfrage nach russischen Energieträgern. So signalisierte Thailand die Bereitschaft, den Erwerb russischen Erdöls zu erörtern. Sri Lanka hat sich an Russland mit der Bitte nach Lieferungen von Energieträgern gewandt. Eine entsprechende Anfrage wird für eine Entsendung nach Moskau vorbereitet.

Bei einer aktiven Vorgehensweise der russischen verarbeitenden Unternehmen und Hersteller von Fertigwaren könne jedoch im russischen Export der Anteil der nicht mit Rohstoffen verbundenen Produkte ernsthaft zunehmen, meinen Experten. Zur gleichen Zeit könnten die verarbeitenden russischen Branchen die Situation nutzen, um Importe zu ersetzen, die aufgrund des Konflikts um den Iran zu unzugänglichen werden. In der Buntmetallurgie sind dies beispielsweise solche Aluminium-Halbfabrikate wie Extrusionsprofile für das Bauwesen und den Maschinenbau, für dies es wesentliche Produktionskapazitäten im Land gibt.