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Der Tod von Ilia II. hat die Herrschenden und die Opposition Georgiens vereint


In der Heiligen-Dreifaltigkeitskathedrale (Sameba) in Tbilissi hat man bis Sonntagvormittag  Abschied vom Patriarchen Georgiens, von Ilia II. Die Regierung der Republik hatte eine Staatstrauer in der Republik verkündet. Der Tod des 93jährigen geistlichen Führers am 17. März löste eine so starke Wirkung auf die georgische Gesellschaft aus, dass die Herrschenden und die Opposition beschlossen haben, zumindest für kurze Zeit das „Kriegsbeil“ zu begraben.

„Dies ist eine überaus große Tragödie, ein Verlust. Georgien wird ab dem morgigen Tag ein anderes sein“, sagte Georgiens Gesundheitsminister Michail Sardshveladse.

Die Wahlen des neuen Kirchenoberhaupts werden nicht früher als in 40 Tagen stattfinden, aber nicht später als in zwei Monaten, erklärte der Interimsinhaber des Patriarchen-Throns, Metropolit Shio Mujiri. Rund 40 höchste Kirchenhierarchen werden aus ihren Reihen drei Kandidaten benennen, von denen einer gewinnen wird. Allerdings wird als Favorit Mujiri angesehen, der seit 2017 von Ilia selbst faktisch als Nachfolger angesehen wurde.

„Der Tod des Katholikos-Patriarchen von Georgien, seiner Heiligkeit und Seligkeit Ilia II., hat in den Herzen eines jeden von uns einen überaus großen Schmerz ausgelöst. Sein Beitrag zur Stärkung und Schaffung unserer Mutterkirche ist unschätzbar. Die ein halbes Jahrhundert währende epochale Arbeit seiner Heiligkeit wird ein unübertroffenes Beispiel an Treue gegenüber unserer Heimat und Nation bleiben, und seine Weisheit und Liebe werden eine tiefe Spur in den Herzen eines jeden von uns hinterlassen. Im Verlauf all dieser Zeit hatte er sich selbstlos um Georgien gesorgt und wurde zu einer zuverlässigen Stütze für unser Volk“, erklärte Georgiens Präsident Michail Kavelashvili.

Regierungen von Ländern aus der ganzen Welt bekundeten dem georgischen Volk ihr Beileid. Unter den ersten, die Beileidstelegramme gesandt hatten, waren Länder der Europäischen Union, die VAE, Aserbaidschan und die USA. Einer der besten Fußballer in der Geschichte Georgiens, der Flügelstürmer des französischen Klubs Paris Saint-Germain, Chwitscha Kwarazchelia, widmete sein Tor gegen den Londoner Klub Chelsea dem Andenken an Ilia II. Seine Mannschaft hatte mit 3:0 im 1/8-Final-Match der UEFA Champions League gewonnen.

In der Russischen orthodoxen Kirche erklärte man, dass man beabsichtige, eine eigene Delegation zur Beisetzung des Patriarchen zu entsenden, wenn eine entsprechende Einladung erfolge. „Seine Heiligkeit war einer der ältesten Vorsteher unter den Oberhäuptern der christlich-orthodoxen Kirchen und genoss riesiges Ansehen in der ganzen orthodoxen Welt. In unserer Kirche hat man ihn zutiefst verehrt, da ihn sehr Vieles mit uns verband… In Georgien war er im buchstäblichen Sinne des Wortes ein Vater der Nation. Nachdem er 1977 die Kirche in einem unterdrückten, in einem zahlenmäßig geringen Zustand und mit nur einem funktionierenden Geistlichen Seminar übernommen hatte, führt er sie zu einem Aufblühen“, unterstrich Igor Jakimtschuk, stellvertretender Leiter der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen des Moskauer Patriarchats.

Der Politologe und Mitglied der georgischen Parlamentspartei „Kraft des Volkes“ David Kartvelishvili erzählte der „NG“, dass das Ansehen von Ilia II. so groß gewesen sei, dass selbst die moslemische Bevölkerung Georgiens beschlossen hat, in diesem Jahr die Feiern zu Urasa-Bairam, das Fest zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan, das am 20. März begangen wurde, zu verschieben. „Ilia II. vermochte, um die ewigen menschlichen Werte alle Nationalitäten und Konfessionen Georgiens zu vereinen. Im Verlauf von Jahrzehnten war er laut unterschiedlichen Umfragen die populärste Figur im Land“, berichtete Kartvelishvili. Bemerkenswert ist, dass das Ableben von Ilia II. zum Anlass für eine Vereinigung der georgischen Herrschenden und Opposition geworden ist. Enthusiastische Worte zum Andenken an den Verstorbenen fand Ex-Präsidentin Salome Zurabishvili.

Jedoch hat Professor Nika Chitadse von der Internationalen Schwarzmeer-Universität nicht ausgeschlossen, dass sich nach den 40 Tagen nach dem Ableben von Ilia II. die Konkurrenz um das Amt des Patriarchen zuspitzen werde. Und zusammen mit ihr würden die Anhänger und Gegner der regierenden Partei „Georgischer Traum“ an dessen Widersprüche erinnern. „Wahrscheinlich wird Shio Mujiri die Kirche anführen, der der Regierung sympathisiert. Von ihm könne man beispielsweise eine Unterdrückung der Gegner von „Georgischer Traum“ unter den Geistlichen erwarten. Wobei dies nicht so sehr eine Sache seiner politischen Anschauungen sei, als vielmehr eine Frage nach der Erhöhung des Etats der Kirche. In den letzten Jahren ist er von 25 bis auf 60 Millionen Lari (von 9,2 Millionen bis auf 22,1 Millionen Dollar) gewachsen. Außerdem überlässt der Staat den Geistlichen Boden. Zur gleichen Zeit hatte die Partei „Georgischer Traum“ bei den letzten Parlamentswahlen vorgeschlagen, die Kirche zu einer Staatskirche zu machen. Doch Mujiri wird dem nicht zustimmen. Eine Sache ist, im Gegenzug für Loyalität von der Regierung Geld und Besitz zu erhalten, eine ganz andere, sich ihr direkt zu unterstellen“, sagte Chitadse der „NG“.