Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

Ein Frühling ohne den Patriarchen


Der Katholikos-Patriarch von Ganz Georgien Ilia II. ist am 17. März im 94. Lebensjahr verstorben. Dass die Georgische orthodoxe Kirche in eine Phase einer beispiellosen Krise und innerer Turbulenzen eintritt, die ist schon nicht einmal eine Prognose, sondern eine einfache Beobachtung.

Der einzige Konsens für die georgische Hierarchie bestand in all den letzten Jahren in dem generellen Unwillen, den handlungsunfähigen Patriarchen in den Ruhestand zu entlassen. „Das Gerede von einem Rücktritt des Patriarchen ist ein Angriffe auf den Patriarchen“, formulierte irgendwie der Metropolit von von Achalkalaki, Kumurdo und Kars Nikolai (Patschuaschwili), womit er unter mögliche Spekulationen einen Schlussstrich gezogen hatte.

Die Georgische Patriarchie war geneigt gewesen, Ilia bis zum letzten zu „exploitieren“. Als er nicht mehr laufen konnte, begann man, ihn in einem Rollstuhl zu transportieren. Als er nicht mehr sprechen konnte, ersetzte man sein Sprechen durch Tonaufnahmen, die mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugt worden waren. Als er nicht mehr die Hand für ein Segnen anheben konnte, stellte man an jede Hand einen Subdiakon, die die Funktionen eines Öko-Skeletts wahrzunehmen begannen.

Dass dies alles ein unbarmherziger politischer Zirkus und ganz einfach eine Erniedrigung der menschlichen Würde war, hatte scheinbar keiner gedacht. Als man den gebrechlichen Patriarchen, der unfähig war, den Kopf hochzuhalten, ein weiteres Mal dem Publikum demonstrierte, hatte niemand protestiert. „Was soll da sein, dies ist sehr lieb“, antworteten geogische Gesprächspartner auf mein Befremden. „Er ist doch ein Symbol Georgiens!“.

Die seltsame, dennoch aber unbedingte Liebe des Volkes für den Patriarchen hatte sich in Georgien auf eine erstaunliche Art und Weise mit einem Zynismus der Hierarchie verbunden, der gerade solch ein Patriarch, ein gebrechlicher, handlungsunfähiger, ungefährlicher und schweigender sehr bequem gewesen war. Als eine Marke. Als eine Möglichkeit, endlos lang „Fische im trüben Wasser zu fangen“, wobei eine Kontrolle umgangen wird.

Eines der Hauptparadoxa der Herrschaft von Ilia II. besteht darin, dass er, der ständig für alle zu sehen war, für die Welt dennoch ein „Dark Horse“, ein Außenseiter geblieben ist. Hatten ihn die sowjetischen Geheimdienste ins Patriarchenamt gehievt oder – im Gegenteil – ihn behindert? War der Patriarch ein Stalinist oder hat er immer von einem Fall der Sowjetmacht und der Herstellung von Demokratie geträumt? Wohin hatte er die Georgische Kirche geführt? In die Richtung Moskaus oder in die Richtung von Konstantinopel? War er ein „prorussischer“ Politiker oder ein „prowestlicher“? Möglicherweise hatte er auch selbst dies nie bis zuletzt gewusst. Die Erzählungen von Zeitgenossen sind widersprüchlich.

Oft hatte man ihn als einen erfahrenen Apparatschik bezeichnet, der imstande war, mit jeglichen Herrschenden zurechtzukommen. Als einen Mann, dem alles gleich war, ob nun Gamsachurdia, Schewardnadse oder Saakaschwili. Doch hinter allen politischen Kapriolen, von denen seine Biografie geprägt wurde, ist keinerlei zielgerichtete und sich anpassende Energie auszumachen. Man kann wohl den Patriarchen kaum als einen Span, der von Wellen getragen wird, charakterisieren. Für ein Beschreiben seiner kirchenpolitischen Karriere eignet sich eher das Bild des berühmten Nilpferds Begi, das die verheerende Flutkatastrophe in Tbilissi im Juni 2015 überlebt hatte.

Während viele der Tiere des Zoos der georgischen Hauptstadt aufgrund der Fluten des Flusses Vere ertranken, hatte es Begi durch irgendein Wunder – keiner hat bis heute eine Ahnung wie – geschafft, aus seinem Gehege herauszukommen. Wahrscheinlich war er einfach durch eine mächtige Welle herausgetragen worden. Die Fotos des Nilpferdes, das gemächlich durch die Stadt spazierte und sich die Vitrinen eines Geschäfts für schweizerische Uhren anschaute, gingen damals durch die ganze Welt. (Seine Rettung wurde zum Symbol der Hoffnung. Begi überlebte, und ihm wurde im Mziuri-Park von Tbilissi ein Denkmal gesetzt. – Anmerkung der Redaktion)

Für die Einwohner von Tbilissi besitzt die Figur Begis heute einen bestimmten sakralen Sinn. Begi war durch eine Vorsehung Gottes gerettet worden, meinen sie. Und auf genau solch eine Art und Weise werde Gott Georgien und die Georgische Kirche retten. Viele Einwohner der Stadt sagen, dass ihnen die Geschichte von Begi lehre, dass im Leben alles möglich sei und das wichtigste sei nicht zu hasten. Und angeblich hätte Patriarch Ilia auch genauso gelebt. Entsprechend dem Prinzip: Eile mit Weile. Möglicherweise konnte sich daher das „sowjetischste Institut“ in Georgien – die Georgische orthodoxe Kirche – bis heute erhalten, ungeachtet aller öffentlichen Kampagnen zur Desowjetisierung. Die Naturgewalten sind stets unergründlich wählerisch.

Es ist unglaublich, aber eine Tatsache: Die bekannteste historische Episode mit einer Beteiligung des Patriarchen – die tragische „Nacht der Feldspaten auf dem Rustaweli-Prospekt vom 9. April 1989, die heute in den Massenmedien und im Massenbewusstsein als ein Höhenflug seiner politischen Karriere dargestellt wird – war aus formeller Sicht seine Niederlage. Bekanntlich hatte der Patriarch, der durch die Geheimdienste über das sich in Vorbereitung befindliche gewaltsame Auseinandertreiben der Demonstration informiert worden war, die Teilnehmer der Kundgebung aufgerufen auseinanderzugehen. Doch das Volk hatte seine Appelle nicht erhört und dem Patriarchen kein Gehör geschenkt. Im Endergebnis kamen 19 Menschen ums Leben, Hunderte erlitten Verletzungen. Aber gerade nach diesen Ereignissen begann man, Ilia deutlich als „Vater der Nation“ wahrzunehmen.

Das Ableben des Patriarchen stellt jedoch der Kirche und der Gesellschaft solche Fragen, die scheinbar keiner in all den Jahren seiner Herrschaft in Georgien ernsthaft erörtert hatte. Was ist das, tatsächlich ein orthodoxer Christ zu sein? Wird die Kirche für Sie eine genauso wichtige sein, wenn es in ihr nicht mehr die beseelte Show unter dem Titel „Patriarch Ilia“ geben wird? Hat die Kirche irgendeine andere Mission in der Gesellschaft außer der des Betonen der Idee von einem „vereinten und unteilbaren“ Georgien und der Unterstützung des georgischen Staates? Und last and least: Wie ist es dazu gekommen, dass eine der ältesten christlich-orthodoxen Landeskirchen de facto zu einer „Kirche der Georgier“ ähnlich der armenischen geworden ist? Wie ist es dazu gekommen, dass der georgische Patriarch — laut mehrjährigen Ergebnissen aller soziologischen Erhebungen die am meisten geachtete Person in Georgien – zum Vater für die georgische Nation, aber für das ossetische und das abchasische Volk zu einem lebenden Symbol von Nationalismus geworden ist? Warum verehrt man die georgischen Geistlichen so sehr in Tbilissi, während sie aber keiner weder in Suchumi noch in Zchinwali erwartet? Und warum funktionieren objektiv die Worte von einer „Einheit des kanonischen Territoriums“ nicht und werden außerhalb der hohen Kirchenbüros als ein leeres Gerede aufgefasst?

Der neue georgische Patriarch, wer auch immer heute zu ihm werde, muss so oder anders hinsichtlich all dieser (offenen) Rechnungen inklusive der Teilnahme der Georgischen Kirche an den beiden georgisch-ossetischen Konflikten und am georgisch-abchasischen Krieg Antwort geben. Wahrscheinlich muss er gleichfalls eingestehen, dass seine Zchum-Abchasische (Suchum-Abchasische) Diözese und die Zschinwali-Diözese schon lange nur auf dem Papier existieren. Dass alles, was die Georgische orthodoxe Kirche in den letzten 33 Jahren auf dem Territorium von Abchasien und Südossetien erreichte, eine Trennung der einheimischen Bevölkerung von der Orthodoxie ist. Und dass diese Situation schon lange nicht so sehr eine politische als vielmehr eine ernsthafte christliche Antwort verlangt.

Dabei wird das neue Oberhaupt der Kirche wohl kaum auch nur einen geringen Anteil jenes persönlichen Ansehens erreichen können, das Ilia II. in Georgien genossen hatte. Daher ist wahrscheinlich das Beste, was jeglicher neue Katholikos tun kann, den Weg des Helden des Films von Paolo Sorrentino „The Young Pope“ (deutsch „Der junge Papst“) zu beschreiten. Letzterer schlägt als Antwort auf die Bitte einer Marketingforscherin, die Produktion von Marken-Tellern mit dem Porträt des Pontifex zu segnen, dieser vor, gewöhnliche weiße Teller zu verkaufen. „Ich habe kein Gesicht, meine gute Dame. Denn ich bin niemand. Haben Sie verstanden? Ein Niemand? Nur Christus existiert. Nur Christus! Ich aber koste nicht 45 oder gar fünf Euro. Ich koste nichts“.

Möglicherweise besteht der Weg für ein Überleben der Georgischen Kirche nach der Epoche von Ilia II. darin, nicht zu versuchen, Gespräche zum Thema „können wir wiederholen“ zu beginnen, sich nicht an die Vergangenheit zu klammern, die man nicht zurückholen kann, nicht auf das wundersame Schicksal des Nilpferds Begi und darauf zu hoffen, dass Sie erneut, unabhängig von Ihren Anstrengungen „eine Welle rettet“, sondern zu eben jenem einfachen weißen Teller zu werden.