Patriarch Kirill hielt dieser Tage eine Predigt, in der er die Große Fastenzeit, die gegenwärtig die orthodoxen Christen einhalten, als „eine Schule der geistigen Standhaftigkeit, der Erziehung des eigenen Willens und der Fähigkeit, die Schwäche zu überwinden, die uns oft beim Erreichen wichtiger Ziele im eigenen geistlichen Leben behindert. Und gerade darauf ist die Große Fastenzeit ausgerichtet, aber nicht nur im geistlichen Leben“. „Ein starker Wille, dies ist eine starke Persönlichkeit“, wie das Oberhaupt der Russischen Kirche sagte. „Und der Wille muss erzogen werden“.
Nach Meinung des Patriarchen müsse eine Selbstbeschränkung nicht aufgrund einer individuellen Laune, sondern im Interesse eines höchsten Ziels erfolgen. In diesem Fall im Interesse einer Erfüllung der göttlichen Gebote. Da werde dieses Opfer, der Verzicht auf Vergnügungen und Freuden, zu einem wahrhaft bedeutsamen. „Damit dieser Wille wirklich gestählt wird“, müsse man sich zwecks Hilfe an Gott wenden.
Wenn du schwächelst, „bestehst du nicht das Examen hinsichtlich der Festigkeit deines Willens, hinsichtlich der Stärke deiner Seele“. „Ja, so etwas ist eine Nichteinhaltung der Fastenzeit. Ein Schwächling bist du! Das ist es“, sagte der Patriarch. „Lasst euch nicht hängen“, predigte er. „Wenn keine Fähigkeit besteht, gegen sich selbst zu kämpfen, bist du ein Schwächling und wirst unbedingt über irgendetwas stolpern“.
Die Gegenüberstellung „Stärke – Schwäche“ taucht nicht das erste Mal in Predigten des Patriarchen auf. Man kann sagen, dass dies eines der Leitmotive seiner Belehrungen im Verlauf vieler Jahre ist. Und selbst die globalen Veränderungen der letzten Zeit haben die Kontinuität der Anschauungen des Oberhaupts der Russischen orthodoxen Kirche nicht unterbrochen.
Im Jahr 2012 trat Patriarch Kirill vor Spitzenvertretern der Republiken des Nordkaukasus auf und suchte sie davon zu überzeugen, dass man den Sanftmut und die Offenheit des russischen Volkes nicht als eine Schwäche auffassen dürfe. „Ich weiß, wie mitunter die kaukasischen Brüder reden: russische Schwächlinge. Dies ist keine Schwäche. Dies ist eine durch das orthodoxe Christentum anerzogene Haltung gegenüber anderen“, widersprach er den imaginären Opponenten. „Das orthodoxe Christentum formiert das, was mitunter von der Seite aus gesehen als eine Charakterschwäche zu scheinen mag, als eine Schwäche und als ein Fehlen eines Rückgrats. Tatsächlich ist dies eine bewusste Erziehung des Volkes zu diesem Sanftmut und zu dieser Offenheit, die sehr falsch als Schwäche wahrgenommen wird“. Aber diese Eigenschaft existiert nicht an und für sich, sondern ist für die Erschaffung eines Imperiums bestimmt, in dem sich die kleinen Völker nicht „die Stirne aufgrund des Stahlbeton-Charakters des indigenen Volks einschlagen“. Und dies wieder für das höchste Wohl, für die Einheit des Landes.
Ein Jahr später hielt der Patriarch eine Predigt im Solowezkij-Kloster, wo er sagte: „Mitunter erscheint Außenstehenden, dass die Religion eine Sache von Schwachen sei. Dies ist ein überaus tiefer Irrglauben. Die Religion ist eine Sache starker Menschen, allein schon weil die religiöse Entscheidung … verlangt, gegen die Meinung der Mehrheit der Menschen anzutreten, die sich möglicherweise formal mit dem Glauben verbinden, aber nicht gemäß dem Glauben leben“.
Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche führt gleichsam einen Fernstreit mit jenen, die sich an den Vorstellungen über das Christentum wie eine Schule zur Erziehung von Barmherzigkeit und einer gewaltfreien Widerstandslosigkeit hinsichtlich des Bösen orientieren. Alle wissen um die Worte Christi von der „rechten Wange“, von dem Rat für die Pharisäer loszuziehen und zu erlernen, was es bedeutet „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“ (Matthäus 9:13), von dem Gebot für Apostel Peter, in der schicksalsschweren Nacht im Garten Gethsemane das Schwert in die Scheide zu stecken. Freilich gibt es im Evangelium auch andere Motive: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Matthäus 10:34).
In der Russischen orthodoxen Kirche scheint man sich solch einer Deutung des Christentums zu schämen, die die in Russland dominierende Glaubenslehre als ein Predigen von Nachgiebigkeit und eines Unwillens, sich einem Druck von außen zu widersetzen, darstellen kann. Davon versucht man sowohl die moslemischen Nachbarn als auch jene, die das Heidentum einer richtig brutalen Ideologie vorziehen, zu überzeugen.
Viele streben danach, den Willen im Interesse eines Wachsens als Persönlichkeit zu stählen. Es gibt Beweise, wonach im Westen das russische orthodoxe Christentum an Popularität als eine Religion für brutale Männer gewinnt, wobei patriarchalische Grundfesten propagiert werden, eine starke Familie, in der ihr Oberhaupt, ein stattlicher Bärtiger, die Familienmitglieder vor Widrigkeiten beschützt. Für solche Neophyten ist die Russische Kirche ein Trainingsort, an dem man sich im Verlauf der Zeiten bewährte Methodiken für das Kultivieren sowohl einer starken Persönlichkeit als auch eines starken Teams nutzt.