In der Russischen Föderation hat sich faktisch ein kostenpflichtiges System der Schulausbildung herausgebildet, bei dem sich die meisten Schüler für das Ablegen der staatlichen Abschlussprüfungen ständig mit Nachhilfelehrern beschäftigen. Laut Umfragen nehmen mehr als die Hälfte der befragten Bürger Russlands die Leistungen von Nachhilfelehrern in Anspruch. Laut Schätzungen sind die Jahresausgaben der Eltern für die Ausbildung ihrer Kinder mit den Ausgaben des föderalen Staatshaushalts für das Bildungssystem vergleichbar.
Nach Aussagen des 1. Stellvertreters des Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Wissenschaft und Hochschulbildung, Oleg Smolin (KPRF), würden über 60 Prozent der Oberstufler die Leistungen von Nachhilfelehrern in Anspruch nehmen. Und in den Großstädten liege dieser Wert noch höher. Die Kosten für eine akademische Unterrichtsstunde steigen: In Moskau erreichen die durchschnittlichen Monatsausgaben für den Nachhilfeunterricht in Bezug auf ein Unterrichtsfach 15.000 bis 20.000 Rubel (umgerechnet etwa 160 bis 213 Euro). Laut den Ergebnissen einer Befragung des Internetportals „Avito“ nehmen beinahe 40 Prozent der Befragten die Leistungen von Nachhilfelehrern gerade für die Vorbereitung auf Prüfungen in Anspruch.
Andere Motive werden seltener genannt. So wendet sich für eine Verbesserung der aktuellen Zensuren ein Drittel an Nachhilfelehrer, für ein tiefgründigeres Studium des Unterrichtsfachs – ein Viertel der Befragten.
Aufgeschlüsselt nach Unterrichtsfächern ist Mathematik die führende Richtung für eine zusätzliche Ausbildung, sprich: für einen Nachhilfeunterricht. An Nachhilfelehrer dieser Fachrichtung wenden sich 48 Prozent der Befragten. Weiter folgen Fremdsprachen mit einem Anteil von 44 Prozent. Hinsichtlich der russischen Sprache ist die Nachfrage nach zusätzlichen Unterrichtsstunden gleichfalls keine geringe, fast jeder dritte Befragte (29 Prozent) nahm die Leistungen von Nachhilfelehrern in Anspruch. In Sachen Physik und Chemie liegen die entsprechenden Zahlen bei 20 Prozent.
Dabei beabsichtigen über 60 Prozent der von „Avito“ Befragten, bis zu 10.000 Rubel im Monat für Nachhilfestunden auszugeben. Die Durchschnittssumme, die Russlands Bürger bereit sind, für diese Ziele bereitzustellen, beträgt 11.200 Rubel. Nur elf Prozent sind bereit, über 15.000 Rubel im Monat auszugeben. In den großen Städten, solchen wie Moskau und Sankt Petersburg, sind die durchschnittlichen Ausgaben höher – 14.800 bzw. 12.500 Rubel, folgt aus den Umfrageergebnissen.
Die Nachfrage nach Leistungen von Nachhilfelehrern nimmt in Russland zu. Innerhalb eines Jahres hat die Nachfrage nach Nachhilfelehrern für Physik um das 2,7fache zugenommen, für Mathematik – fast um das 2fache, folgt aus den Ergebnissen der Nachfrage des Portals „Avito Uslugi“ (deutsch: Dienstleistungen).
Die Schüler nutzen aktiv die Leistungen von Nachhilfelehrern sowohl bei der Vorbereitung zu den staatlichen Abschlussprüfungen als auch für eine Immatrikulation an Hochschulen, haben im vergangenen Jahr Forscher aus dem Zentrum der Wirtschaft für eine ununterbrochene Ausbildung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst. Sie hatten 1000 Schüler aus verschiedenen Städten Russlands befragt.
Dabei ist das Spektrum der Preise für das zusätzliche „Pauken“ ein recht breites. So kostet in der Hauptstadt eine akademische Unterrichtsstunde in Russisch oder Mathematik im Durchschnitt 1200 bis 1300 Rubel, während die für eine Vorbereitung auf die staatlichen Abschlussprüfungen – 1500 bis 1700 Rubel. Außerdem sind die Unterrichtsstunden im Präsenzformat traditionell teurer als online. Ihr Preise kann 1700 Rubel für eine akademische Unterrichtsstunde übersteigen. In Sankt Petersburg liegt der Durchschnittspreis für eine Stunde bei 800 bis 1000 Rubel in Abhängigkeit vom Unterrichtsfach. In den Regionen sind die Preise geringer und beginnen bei 400 bis 600 Rubel für eine akademische Unterrichtsstunde, berichteten Spezialisten.
Laut deren Angaben machen die Gesamtausgaben einer Familie für Nachhilfeunterricht im Jahr bei individuellen Unterrichtsstunden im Präsenzformat für ein Unterrichtsfach in Moskau 200.000 bis 250.000 Rubel aus, in Sankt Petersburg – 140.000 Rubel und in den Regionen – 70.000 Rubel. Dabei hängt die Zahl der Lehrkräfte für Nachhilfestunden, die durch eine Familie gewonnen wurden, von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab. Die Schüler, die auf eine maximale Punktezahl bei den Abschlussprüfungen aus sind, müssen in der Regel die Hilfe von Nachhilfelehrern hinsichtlich aller drei Prüfungsfächer, die für die Aufnahme eines Hochschulstudiums erforderlich sind, in Anspruch nehmen. In diesem Fall verdreifacht sich die Summe, unterstreicht man in der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst.
Die Autoren der Studie haben gleichfalls betont, dass einige Schüler, insbesondere hauptstädtische, sich bereits ab der 5. Klasse mit Nachhilfelehrern zu beschäftigen beginnen. In diesem Fall erreicht die Gesamtsumme der Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen in der 11. Klasse zum Zeitpunkt des Schulabschlusses drei Millionen Rubel, was mit den Ausgaben für eine kostenpflichtige Ausbildung in einer angesehenen Hochschule vergleichbar ist.
„Unter den Bedingungen der harten Konkurrenz um kostenlose Studienplätze sind die Abiturienten gezwungen, Leistungen von Nachhilfelehrern für eine Erhöhung ihrer Chancen auf eine erfolgreiche Immatrikulation in Anspruch zu nehmen. Die Eltern, die bestrebt sind, ihren Kindern eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu sichern, nehmen die Nachhilfelehrer als Garanten für einen akademischen Erfolg wahr“, konstatierte Dozent Sergej Talanow von der Jaroslawler staatlichen pädagogischen Uschinskij-Universität. Nach seiner Meinung könnten die vorausgesagten Veränderungen im System der staatlichen Abschlussprüfungen am Ende der 11. Klasse – einschließlich dessen mögliche vollkommene oder teilweise Reformierung – die Nachfrage nach Leistungen von Nachhilfelehrern erheblich erhöhen.
Nach Aussagen von Oleg Smolin würden die Gesamtausgaben der Bürger Russlands für Nachhilfelehrer mit 450 Milliarden Rubel beziffert werden. „Dies ist eine gigantische Summe, die mit einem erheblichen Teil der föderalen Ausgaben für das gesamte Bildungswesen vergleichbar ist“, unterstreicht der Abgeordnete.
Zum Vergleich: Für die Realisierung des staatlichen Programms „Entwicklung des Bildungswesens“ waren im Jahr 2024 über 575 Milliarden Rubel geplant worden, berichtete Bildungsminister Sergej Krawzow. Im laufenden Jahr seien nach Aussagen des Ministers über 669 Milliarden Rubel für die Umsetzung des staatlichen Programms „Entwicklung des Bildungswesens“ geplant. Insgesamt aber sollen aus dem föderalen Haushalt 1,7 Billionen Rubel im laufenden Jahr für das Bildungswesen bereitgestellt werden.
Smolin ist der der Auffassung, dass die Ausgaben der Bevölkerung für Nachhilfeunterricht nur zunehmen würden. „Zu einem zusätzlichen Druckfaktor werden auch die neuen Initiativen im digitalen Bereich. Anfang des Jahres 2026 aktivierte sich die Erörterung eines Gesetzentwurfs über das Blockieren von Internetressourcen mit fertigen Hausaufgaben. Obgleich die Maßnahme auf ein Stimulieren der Selbständigkeit der Schüler ausgerichtet ist, erschwert sie in der Praxis den Familien das Leben, in denen die Eltern keine pädagogischen Fertigkeiten oder Zeit für ein tieferes Eindringen in die Unterrichtsfächer haben. Ohne die Möglichkeit einer schnellen Selbstüberprüfung ergibt sich der Bedarf nach einem Betreuer bereits in der Phase der Erfüllung der aktuellen Hausaufgaben, was die finanzielle Belastung für die Familien noch mehr vergrößert!, unterstreicht der Parlamentarier.
Als ein Ergebnis werde die formell kostenlose staatliche Ausbildung schrittweise eingestellt. Und die Eltern von Schülern werden immer häufiger gezwungen sein, nach Nachhilfelehrern zu suchen, pflichtet Prof. Alexej Sawwatejew vom Moskauer physikalisch-technischen Institut bei. „Wenn du das Bildungswesen kommerzialisierst, was letzten Endes augenscheinlich der Plan unserer Regierung ist, schaltest du im Prozess der Kommerzialisierung das Gas und das Wasser im Gebäude ab, d. h., du hörst im Grunde genommen auf, die Lehrer zu unterhalten. Und diese Lehrer werden sich auf natürliche Art und Weise, was absolut verständlich ist, den Nachhilfelehrer anschließen. Das heißt, sie beginnen, sich tête-à-tête zu beschäftigen. Ein Nachhilfelehrer und ein Schüler zwei Stunden lang. Aber im Prozess, als er noch ein Lehrer in der Schule gewesen war, beschäftigte er sich allein tête-à-tête mit 25 Schülern. Und es ergibt sich ein 25facher Qualitätsverlust“, meint er.
Das Geben von Nachhilfeunterricht sehe von allen Seiten her attraktiver als der Lehrerberuf aus, fährt der Wissenschaftler fort. „Ein guter Nachhilfelehrer erhält 200.000 Rubel im Monat. Solch ein Gehalt kann das Land den Lehrern nicht zahlen“, sagt Sawwatejew. „Gegenwärtig sitzt das ganze Land auf Nachhilfelehrern und gibt für sie etwa eine Billion Rubel im Jahr aus, die das Schulbildungswesen für eine Normalisierung der Gehälter so sehr braucht“, fährt er fort.
Laut Angaben des Internetportals SuperJob.ru mache der Markt der Nachhilfestunden in Russland etwa 38 Milliarden Rubel im Monat aus. Oder mehr als 450 Milliarden Rubel im Jahr.
Professor Alexander Safonow von der Finanzuniversität bei der Regierung Russlands schätzt die Jahresumfänge der Ausgaben für Nachhilfelehrer auf 100 Milliarden Rubel. „Die Anzahl der Schüler, die im Jahr 2026 die Einheitsstaatsprüfungen ablegen werden, beläuft sich auf 664.000. Nicht alle Kinder haben Nachhilfelehrer, da sich die Eltern nicht erlauben können, dafür Geld auszugeben. Selbst wenn angenommen wird, dass sich die Hälfte der 664.000 mit zwei Nachhilfelehrern im Verlauf von neun Monaten beschäftigen werden, werden die Gesamtausgaben für den Nachhilfeunterricht keine 100 Milliarden Rubel übersteigen“, urteilt er.
Dennoch würden die Ausgaben für Nachhilfelehrer die bestehenden Probleme offenbaren, meinen Experten. „Das Schulprogramm ist ein verallgemeinertes, besonders in der Mittelschule. Gleichfalls können eine große Klasse und das unterschiedliche Niveau der Schüler ein Problem sein. Andererseits nimmt das Niveau der Forderungen zu. Gegenwärtig kann es bereits in den 5. und 7. Klassen eine Selektion für Klassen mit einer vertieften Vermittlung von Unterrichtsfächern geben. Aber der 7. Klasse für eine profilbestimmende Ausbildung. Daher engagieren die Eltern Nachhilfelehrer für die Gewährleistung einer qualitativ höheren Ausbildung“, sagt Maria Bainowa, Leiterin des Lehrstuhls für staatliche und kommunale Verwaltung an der Moskauer Universität „Synergie“.
Nach Meinung des Dozenten Alexander Timofejew von der Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität würden eine Aufstockung der Ausgaben für die Ausbildung eine normative Regulierung und eine Modernisierung des Bildungssystems, aber auch die mit ihr verbundenen Unbestimmtheit fördern. „Leistungen von Nachhilfelehrern nehmen heute bis zu 60-80 Prozent der Schüler der Oberstufe in Anspruch. Und dies hängt nicht so sehr mit der Notwendigkeit von mehr Praxis hinsichtlich schwacher Fächer und Kenntnisse zusammen als vielmehr damit, dass einerseits die heutige Generation im Zentrum der Aufmerksamkeit der ganzen Familie aufwächst und andererseits in den eigentlichen Aufgabenstellungen für die Einheitsabschlussprüfungen jedes Jahr Veränderungen erfolgen, die man berücksichtigen muss. Und ein Nachhilfelehrer sieht die „Basis“ und diese Dynamik. Ja, und da ergibt sich, dass die durchschnittlichen Monatsausgaben für die Vorbereitung für ein Unterrichtsfach ansteigen“, erläutert er.
Die Vorsitzendes Föderationsrates (Russlands Oberhaus – Anmerkung der Redaktion), Valentina Matwijenko, hatte bereits zu Beginn des vergangenen Jahres aufgerufen, die Tendenz dessen, dass sich die Eltern notgedrungen an kostenpflichtige Spezialisten wenden müssen, damit die Kinder erfolgreich die Prüfungen in der Schule ablegen, zu bekämpfen.
Im Rahmen der Strategie für die Entwicklung des Bildungswesens bis zum Jahr 2036 haben die Staatsbeamten vorgeschlagen, die Praxis der kostenpflichtigen Nachhilfestunden durch kostenlose Leistungen zu ersetzen. Experten hatten damals derartige Ideen skeptisch aufgenommen.