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In den Ländern Zentralasiens nimmt die Kinderkriminalität zu


Zu Beginn dieses Jahres hat man in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion einschließlich Zentralasiens die Aufmerksamkeit auf die Besorgnis auslösende Zunahme der Zahl von Straftaten, die durch Minderjährige begangen wurden, gelenkt. In den letzten 100 Jahren sind im postsowjetischen Raum deutlich zwei Hochzeiten von Verbrechen, die durch Kinder begangen wurden, auszumachen, wobei beide Wellen mit Hunger, Verarmung, Verwaisung und Verwahrlosung – den Folgen der beiden Weltkriege – verbunden waren. Die Kinder, die oft mit Spielkarten und Wodka in Berührung gekommen waren, befassten sich mit Diebstählen, Bettelei und Prostitution und erlernten, Taschendiebstähle und Raubüberfälle zu begehen, und den Umgang mit Waffen. Ohne die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen, hausten die Kinder in Kellerräumen, in verfallenen Häusern und schlossen sich zu gefährlichen Gruppen zusammen. Die Situation im Zusammenhang mit der Kinderkriminalität war in den Republiken Zentralasiens eine weniger akute als in den Gebieten, die einer Okkupation und Zerstörung ausgesetzt wurden, dennoch aber auch eine beunruhigende. Die generelle Situation hinsichtlich der Kriminalität war jedoch solch eine, dass die Öffentlichkeit sogar forderte, die Todesstrafe für Minderjährige einzuführen.

Die sich häufenden Fälle von Kriminalität unter Kindern im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts bezeichnen Experten bereits als dritte Welle. Doch unter den Motiven, die die Kinder zu Straftaten veranlassen nimmt die Armut den letzten Platz ein. Die Hauptursachen sind heute gänzlich andere. Wissenschaftler Zentralasiens kommen wie auch in anderen Ländern zu dem Schluss, dass die Veränderung der Lebensweise und die heutige Entwicklung der Informationstechnologien die Menschen nicht nur positiv beeinflussten, sondern oft auch einen negativen Einfluss auf die Kinderpsyche ausüben. Im Oktober des Jahres 2024 hat Tadschikistans Innenministerium die Verbreitung der Spiele Grand Theft Auto (GTA) und Counter Strike in Computer-Klubs verboten, aber auch das Versenden und die Demonstration von Videoclips, die mit diesen Spielen zusammenhängen, eingeschränkt. In Usbekistan waren bereits im Jahr 2017 dutzende Videospiele verboten worden, und in der Presse tauchten die Erklärungen auf, dass das Verbot mit der „Propagierung von Gewalt, Pornografie sowie einer Untergrabung der Sicherheit und gesellschaftspolitischen Stabilität im Land“ zusammenhänge.

Seit dem vergangenen Jahr gelten in Usbekistan Änderungen im Ordnungsstrafrecht, wodurch die Vollmachten der Verwaltung für die Arbeit mit Kindern der Nationalgarde der Republik spürbar zugenommen haben. Neben Tadschikistan und Usbekistan ist die Situation hinsichtlich der Kinderkriminalität in Kasachstan und in Kirgisien keine günstige. Und Angaben über Turkmenistans gibt es keine. Das Land bleibt in Vielem ein von der Außenwelt abgeschlossenes.

Die Kinder, die sich massenhaft für „Shooting-Spiele“ in Smartphones und am Computer begeistern, geraten unter einen äußeren Einfluss und verüben unterschiedliche Straftaten, was in einer Reihe von Ländern zur Annahme von Gesetzen führte, die den Zugang der Kinder zu sozialen Netzwerken einschränken.

Derweil erinnern sich die Menschen der älteren Generation, die die schweren Jahre des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 an der Front und im Hinterland durchgemacht haben, was ein Krieg bedeutet. In den 50er und 60er Jahren hatten man die Kinder in den Kindergärten und die Schüler der unteren Klassen zum Jahreswechsel in billige selbstgefertigte Kostüme à la Schneeflöckchen und Märchenfiguren gesteckt. Jedoch haben die Kinder wie überall hölzerne Maschinenpistolen und Pistolen angefertigt und Krieg gespielt. Ab den 60er Jahren begann man, die Kinderkriminalität „zu vergessen“, obgleich die Realität weiter eine beunruhigende blieb. Kinderspiele mit Spielzeugwaffen wurden weniger. Keiner wollte ein Faschist sein. Die Aggressivität und emotionale Anspannung der Minderjährigen ließen nach, jedoch begannen sie ab Ende des 20. Jahrhunderts erneut zuzunehmen.

Nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges haben sich drei Generationen abgelöst. Und aus der neuesten Geschichte ist eine lehrreiche Tatsache gut bekannt: In der ersten Hälfte der 90er Jahre flammte in Tadschikistan ein langer und schwerer Bürgerkrieg auf. Innerhalb weniger Jahre flohen über 1,5 Millionen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten aus Tadschikistan. Laut einigen Angaben hatte es allein rund 150.000 Tote in Tadschikistan gegeben. Eine halbe Million Kinder wurden zu Waisen. Und Tadschikistan vermag bis heute die durch den Krieg erlittenen Verluste nicht überwinden.

Frieden hielt 1997 wieder in Tadschikistan Einzug. Dem Autor ist genau bekannt, dass der Wunsch der Bürger Tadschikistans, all dies zu vergessen, ein so großer geblieben war, dass man in der zweiten Hälfte der 90er Jahre den jungen Menschen in der Republik untersagte, auf den Straßen in Trainingsanzügen herumzulaufen, den die hatten die Rebellen getragen. In den Schulen und Hochschulen Tadschikistans war eine Regel eingeführt worden, der gemäß die Knaben und Studenten in weißen Hemden mit Krawatten und in Jacketts zum Unterricht gehen mussten. Dies macht natürlich die Kinder zu kleinen Beamten ähnlichen, was bei Ausländer nach wie vor Ironie auslöst. Doch dieser Dress-Code war gerechtfertigt. Solch eine Kleidung diszipliniert die Schüler. An Wänden tadschikischer Hochschulen hingen Fotos von Menschen in der geforderten Kleidung. Und Camouflage zu tragen, war nur bei Paraden erlaubt gewesen. Es kann auch gesagt werden, dass man heute bei den Kindern in Tadschikistan industriell gefertigtes Kriegsspielzeug schwer antrifft. Davon gibt es wenig, und es wird praktisch nicht eingeführt.

Dennoch verringert sich nicht die Aggressivität der Kinder in den letzten Jahren, sondern nimmt zu. Die aktuellen Tendenzen beobachtend, führen Wissenschaftler Beispiele an, in denen die Lebenseinstellungen der Menschen ihre Wurzeln in deren Kindheit haben. Die Signale für eine Gefahr, die man sich in der Kindheit angeeignet hatte, werden oft für immer gespeichert. Zum Beispiel hat eine erhebliche Zahl von Menschen, besonders Frauen, das ganze Leben Angst vor Vertretern einzelner Ethnien. Dies hängt damit zusammen, dass die Menschen in der Kindheit eine klare Vorgabe erhalten hatten: Solche Menschen müsse man fürchten. Genau das gleiche kann man auch heute beobachten, wenn sich Kinder wie auch die Erwachsenen oft vorsichtig gegenüber Migranten verhalten. Dafür gibt es Erklärungen: Während sich früher die Menschen im ganzen Land als gleichberechtigte Bürger fühlten, hat sich heute alle verändert. Und die Toleranz der indigenen Einwohner und das Verhalten der Ankömmlinge werden sich nicht bald verändern.

Wissenschaftler wissen darum, das bei normalen Menschen, die in einer Stresssituation verweilen, ernsthafte psychologische Probleme auftreten. Und die Menschen mit einem posttraumatischen Syndrom brauchen Hilfe von Psychologen. Man weiß auch darum, dass die Angewohnheiten und Neigungen von Kindern denen der Eltern ähneln, obgleich es schwierig ist, die Hypothese an Menschen zu überprüfen, da genetische Experimente nicht vorgenommen werden. Dennoch ist bereits ermittelt worden, dass irgendwelche Informationen nicht nur von den Eltern, sondern auch über eine Generation von den Großeltern an die Enkel weitergegeben werden können. Dies bedeutet, dass die äußerlich von Vorurteilen freien heutigen Kinder und jungen Menschen genau solch eine Angst verspüren, die man vor zwei Generationen konstatieren konnte. Denn gerade in der Kindheit schafft das Gehirn des Menschen ein Weltbild und lehrt, Gefährliches von Ungefährlichem zu unterscheiden. Die Sache ist die, dass das Gehirn des Menschen den Organismus auf ein Überleben einstellt. Daher kann man dem zustimmen, dass bei einem Teil der Menschen solch ein Begriff wie „Sklavenpsychologie“ erhalten geblieben ist. Dem ist wirklich so. Es gibt eine Sklavenpsychologie. Sie ist nirgendwohin verschwunden. Und es ist sehr schwer, sich von der verbreiteten Überzeugung „du bist Chef und ich ein Blödmann, ich bin Chef und du ein Blödmann“ zu lösen, besonders wenn der Lohn eines Menschen vom Vorgesetzten abhängt.

Jedes Jahr sind in den Massenmedien Zentralasiens immer mehr Meldungen über die Verwendung von realen Hieb- und Stichwaffen an öffentlichen Orten anzutreffen. Kindern werden hunderte Messer, Schlagringe und andere Gegenstände, mit denen man schwere Verletzungen bis hin mit einem letalen Ausgang zufügen kann, abgenommen. Kinder bringen „Spielzeuge“ in die Schulen, deren Anwendung gegen Mitschüler lebensgefährlich ist. Immer häufiger werden Teenager und sogar Mädchen für Kämpfe und Faustkämpfe in „Käfigen“ gewonnen. Dafür zahlt man gut. Und solche Fakten ziehen Zuschauer und Leser an. Erschütternd sieht das Beispiel aus, als zum Opfer eines Überfalls jüngst der Vater eines bekannten Vertreters des öffentlichen Lebens wurde. Es ist unwichtig, wo dies geschah, denn dies hätte an jedem x-beliebigen Ort passieren können und ändert ganz und gar nichts am Wesen der Sache. Man kann natürlich diesen Fall als einen alltäglichen ansehen. Doch in einem Land, wo Waffen für Kinder übliche wie Süßigkeiten sind, kommen die Menschen schon fast nicht mehr über die Opfer und Betroffenen, zu denen es in gewöhnlichen Schulen kommt, ins Staunen.