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Eine der Spitzenvertreterinnen der weißrussischen Opposition ist in der Heimat aufgefunden worden


Weißrussische oppositionelle Internetressourcen diskutieren aktiv Informationen, wonach die vor einem Jahr verschwundene Ex-Chefin des Koordinationsrates Anshelika Melnikowa in Weißrussland entdeckt wurde. Ihr Foto aus einem der hauptstädtischen Fitness-Zentren belegt, dass sie sich offensichtlich nicht in einem Verlies befindet. Das Umfeld von Swetlana Tichanowskaja gesteht ein, dass Melnikowa ernsthafte Informationen über die Tätigkeit der Opposition besitze. Experten sind der Auffassung, dass dieser Skandal der Opposition wohl kaum einen ernsthaften Image-Schaden zufügen werde. Die meisten Enthusiasten seien bereits früher enttäuscht worden.

Am Dienstag wurde bekannt, dass es die Partei des Ex-Präsidentschaftskandidaten Viktor Babariko abgelehnt hat, an den bevorstehenden Wahlen zum Koordinationsrat teilzunehmen. Der Politiker motivierte seine Entscheidung damit, dass er vorgeschlagen hatte, die Abstimmung vom Mai auf den Herbst aufgrund dessen zu verschieben, dass seiner Ansicht nach vieles einfach nicht für einen vollwertigen Wahlprozess bereit sei, doch er habe kein Verständnis gefunden. Derweil hat zu einer Verschiebung und sogar zu einer radikalen Reformierung dieses Organs auch ein anderer ehemaliger Häftling, der Philosoph Wladimir Matskjewitsch, aufgerufen.

„Unsere gesellschaftspolitischen Strukturen sind nicht vollkommen gebildet worden. Aber das grundlegende und zentrale Institut ist geschaffen worden. Dies ist der Koordinationsrat. Freilich hat er sich nicht einmal die Hauptfunktionen eines repräsentativen Organs angeeignet. Und darin besteht auch die Schuld einzelner Personen sowohl im Koordinationsrat an sich als auch in anderen Strukturen. Derzeit ist nicht die geeignete Zeit, um nach den Schuldigen zu suchen. Ausreichend wären ein Eingestehen der Fehler und die Bereitschaft, sie zu beheben. Das Wichtigste besteht nicht in der Schuld von irgendwem, sondern in der generellen politischen Unwissenheit und im Egoismus“, schrieb der Philosoph in sozialen Netzwerken.

Die immer aktivere Kritik am Koordinationsrat als eine Institution erklingt vor dem Hintergrund der Entwicklung des Skandals im Zusammenhang mit dem Verschwinden der einstigen Chefin dieser Struktur, Anshelika Melnikowa. Nach Verstreichen eines Jahres ab dem Zeitpunkt dessen, dass sie sich buchstäblich aufgelöst und keine Spuren hinterlassen hatte, tauchten im Internet endlich Fotos einer Frau auf, die ihr sehr ähnelt. Aufgenommen wurden sie in einem der Minsker Fitness-Zentren. Die Melnikowa ähnelnde Frau machte eine der Übungen, wobei sie dem nicht zu sehenden Partner, der sie fotografierte, zulächelte. Ein bezeichnendes Detail dabei ist, dass dieser Sportkomplex erst im Januar vergangenen Jahres eröffnet wurde. Das heißt: Das Foto konnte nicht vor dem Zeitraum, in dem sich Melnikowa der politischen Emigration angeschlossen hatte, aufgenommen werden.

Natürlich kann in unserer Zeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Fotos durch künstliche Intelligenz generiert worden sind. Und Journalisten oppositioneller Internetressourcen begannen, Verwandte der Ex-Chefin, die in Weißrussland leben, anzurufen. Es gelang, nur mit ihrem Vater zu sprechen. Dafür hatte er sich aber als ein recht redseliger erwiesen und teilte mit, dass die Tochter „schon seit langem“ in Weißrussland lebe. „Sie ist nicht verschollen, lebendig und gesund“. Nach seinen Worte würde ihn Anshelika selbst von einer nicht zu bestimmenden Telefonnummer aus anrufen.

Es sei daran erinnert, dass Melnikowa am 26. Februar 2025 aus dem Blickfeld der Mitstreiter verschwunden war. Offiziell war sie zusammen mit den Kindern aus Warschau nach London abgeflogen. Wie sich jedoch im Weiteren herausstellte, war sie über Sri Lanka in Dubai gelandet, wo ihre Spuren endgültig verloren gingen.

Wenige Monate später wurden von ihrem Account Dokumente des Koordinationsrates heruntergeladen. Laut Angaben der Gruppierung „Cyberpartisanen“, mit der sie ebenfalls zusammengearbeitet hatte, verschwanden vom Konto der Stiftung Belarus Liberty Foundation rund 150.000 Dollar, die für die Arbeit des Koordinationsrates bestimmt waren. Abgezogen wurden die Mittel über das persönliche Konto Melnikowas zu einer litauischen Krypto-Börse.

Pawel Latuschko, Stellvertreter der Vorsitzenden des Vereinigten Übergangskabinetts Swetlana Tichanowskaja, aber auch Chef der Antikrisen-Volksverwaltung (AVW), in der Melnikowa ihren Weg in der Opposition begonnen hatte, kommentierte so die neuen Angaben gegenüber einer der Emigranten-Ressourcen: „Erstens sind wir froh über das Auftauchen von Informationen, die belegen können, dass Anshelika Melnikowa lebt. Wir denken, dass man alle entsprechenden Informationen sofort an die polnischen Rechtsschutzorgane übergeben muss, was auch die AVW getan hat. Unter Berücksichtigung dessen, dass Anshelika eine Staatsbürgerin Polens ist, sind wir der Auffassung, dass die polnische Seite das Recht hat, sich an das Regime zwecks Erhalts von Informationen, die die Tatsache ihres Aufenthalts auf dem Territorium von Belarus bestätigen, zu wenden“.

Der Politiker gestand ein: „Zweifellos hat Anshelika viele sensible Informationen gekannt, und nicht nur über uns. Sie war die Vorsitzende des Koordinationsrates, arbeitete mit den „Cyber-Partisanen“ und kannte viele persönlich, was bereits zu einer Aufhebung der Anonymisierung führen konnte. Die Arbeit unter den demokratischen Kräften ist stets mit Risiken verbunden. Wir begreifen dies und setzen uns jeden Tag einer gewaltigen Gefahr aus. Anders kann dieses Regime nicht besiegt werden“.

Bei vielen Vertretern der Opposition ergaben sich nach der Veröffentlichung von Fotos der frohen Melnikowa die berechtigten Fragen, warum die Offiziellen Weißrusslands sie bisher nicht für öffentliche propagandistische Aktionen ausgenutzt haben.

Der Politologen Artjom Schraibman unterbreitete auf einer der oppositionellen Internetseiten seine Auslegung dieser Situation: „Wir können nur spekulieren, was in dieser Geschichte das Wahre ist. Dies passt aber in die logischste Version des Vorgefallenen: Für solch eine Rückkehr mit Geldern und Insider-Informationen konnte man Melnikowa ein gewisses Recht auf ein Vergessen einräumen. Ich denke, dass der Opposition insgesamt bereits ein Hauptschaden zugefügt worden ist… Meines Erachtens wurden alle, die konnten, bereits seit langem enttäuscht“, meint der Experte.