Es ist kein Geheimnis, dass die Frage nach einer Anpassung eines betagten Menschen an ein Existieren in einer Millionenstadt bereits zu einem Problem geworden ist. Zu erklären ist dies damit, dass, erstens, die Menschen angefangen haben, länger zu leben. Die Statistik sagt aus, dass innerhalb von mehr als einem Jahrhunderts die durchschnittliche Lebensdauer in der Welt um das 2fache angestiegen ist, von 32 Jahren im Jahr 1900 bis auf 73 Jahre im Jahr 2023. Zu den Hauptursachen wurden die Verringerung der Kindersterblichkeit, die Verbesserung der Lebensbedingungen, ein qualitativ bessere Verpflegung und die Entwicklung der Medizin. In Russland ist die Lebensdauer der Männer innerhalb von zehn Jahren – von 2009 bis 2019 – bis auf 68,7 Jahre angestiegen. Und bei Frauen bis auf 77,9 Jahre. Im Alter werden die Menschen aber von chronischen Krankheiten gepeinigt, schwächer werden das Seh- und Hörvermögen. Und es ist da bereits schwierig, sie als vollwertige Mitbürger zu bezeichnen.
Sozialhilfe im betagten Alter zu erhalten, die mit einer physischen Unterstützung in Gestalt eines Helfers bei der Führung des Haushalts verbunden ist, ist nicht leicht (in Russland gibt es gegenwärtig bis zu neun Millionen alleinstehende Rentner). Alles steht und fällt mit dem Vorhandensein von Verwandten und dem Vermögen sowohl des Rentners an sich als auch seiner Nächsten. Mit einem Gehilfen können unbedingt gemäß der bestehenden Gesetzgebung nur die Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges rechnen. Die übrigen müssen, wenn die Verwandten weit entfernt leben oder deren Vermögen und Einkommen die festgelegten Normative übersteigen, auf die eigenen Kräfte setzen. Und da werden sie zu Objekten eines Interesses seitens Betrüger. Im vorliegenden Beitrag geht es nicht um Telefonbetrüger, über die nicht wenig berichtet worden ist, sondern um die physische Gefahr gerade für alleinstehende Pensionäre. Der Autor hat dies selbst durch eigene Erfahrungen erlebt.
Die Verbrecher ermitteln leicht das potenzielle Opfer anhand eines unsicheren Gehens infolge einer Verringerung des Sehvermögens oder aufgrund von Problemen mit den Gelenken, was für das hohe Alter charakteristisch ist. Und wenn ein Mensch auch noch einen Gehstock als eine Stütze verwendet, ist ein genereller Eindruck von Schwäche und Kraftlosigkeit des potenziellen Opfers offensichtlich. Gerade daher sind Überfälle zwecks eines Diebstahls zur dunklen Tageszeit keine Seltenheit. Von daher der logische Ratschlag, mit Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sitzen und sich sonst auf den Straßen in Begleitung fortzubewegen.
Aber auch tagsüber sind betagte Menschen nicht vor Betrügern sicher. Doch hier spielen andere Faktoren eine Rolle. Gemeint ist ein Nachlassen der Gedächtnisfähigkeit. Meistens hängt dies gerade mit der für das hohe Alter charakteristischen Demenz zusammen, die sich unter anderem in einer Vergesslichkeit äußert. Laut einer Statistik leiden in der heutigen Welt 52 Millionen Menschen an Demenz.
Ich selbst war irgendwie am helllichten Tage auf dem Weg aus dem nächstgelegenen Laden mit einem Einkaufstrolley, wobei ich mich auf einen Gehstock stützte. Kurz vor meinem Haus kam ein offenkundig auswärtiger junger Mann auf mich zu und erkundigte sich teilnahmsvoll, wie es mir gehe. Als Antwort auf meinen erstaunten Blick begann er zu behaupten, dass er mein Etagen-Nachbar sei und mir helfen wollte. Den Jungen hatte ich zum ersten Mal gesehen, und ich konnte ihn loswerden. Der Betrüger hatte hier auf die Vergesslichkeit des betagten Menschen gesetzt, um im Weiteren gegen ihn irgendwelche widerrechtliche Handlungen vorzunehmen – da kann es nicht wenige Varianten bis hin zu einem Wohnungsdiebstahl geben. Denn, wenn der (ältere) Mensch selbst Einkäufe vornimmt, so lebt er wahrscheinlich auch allein.
Eine große Gefahr stellen für alleinstehende betagte Menschen die heutigen Taxifahrer dar, wenn deren Anforderung nicht über Internetseiten bzw. Apps, sondern über sogenannte nichtorganisierte Taxifahrer erfolgt. Im Grunde genommen berichtet der staatliche Fernsehkanal „Rossia 24“ in seinen Sendungen „Diensthabendes Polizeirevier“ über nicht wenige Beispiele krimineller Vorfälle solcher Art. Freilich werden bei diesen vor allem junge Frauen zu Opfern der Straftäter. Aber auch ich selbst konnte jüngst zu solch einem Opfer werden. Die Geschichte des Vorfalls ist eine recht lehrreiche.
Ich musste irgendwie ein Taxi für eine Fahrt vom Moskauer Stadtrand ins Stadtzentrum, wo sich ein stationärer Komplex eines bekannten medizinischen Instituts befindet, bestellen. Ich ziehe es vor, in Taxis der Komfort-Klasse aufgrund von zwei Ursachen zu fahren. Erstens sind die Autos solch einer Klasse geräumiger, und man kann es sich in ihnen bequem machen. Zweitens sitzen am Lenkrad solcher Autos einheimische Fahrer. Den Unterschied zwischen einheimischen und ortsfremdem Taxifahrern hatte ich gespürt, als in der Hauptstadt das Internet abgeschaltet wurde. Und ohne ein Navigationsgerät erwiesen sich die Auswärtigen als hilflose. Außerdem lässt die Manier des Autofahrens der Auswärtigen oft besseres zu wünschen übrig.
Dieses Mal nun erwies sich der von mir angeforderte Fahrer als ein Vertreter aus einer fernen Kaukasus-Republik. Er teilte mir dies selbst mit und nannte sogar seinen Vornahme, der allerdings wie ein arabischer klang (Almahawir) und in der Übersetzung etwa „Gesprächspartner“ bedeutete. Almahawir stellte sehr vorsichtig solche Fragen, die Taxifahrer üblicherweise nicht interessieren. Zum Beispiel wie ich das Taxi bestellt hatte – selbst oder ob irgendwer für mich die Bestellung vorgenommen hatte, ob ich allein lebe, wer mich bei der Führung des Haushalts unterstützt und ob mir das Geld zum Leben ausreicht. Allem nach zu urteilen kam „Gesprächspartner“ auf der Grundlage der von ihm durchgeführten Sondierung zu bestimmten Schlussfolgerungen und unterbreitete auf einmal den Vorschlag, mich vom Forschungsinstitut, in dem ich eine Untersuchung absolvieren musste, abzuholen. Das Angebot war ein überraschendes. Und mit so etwas wurde ich erstmals konfrontiert, obwohl ich nicht selten ein Taxi nutze. Die Sache ist die, dass die Arbeitszeit eines Taxifahrers eine unregelmäßige ist und er kaum voraussagen kann, wo er sich in wenigen Stunden befinden wird. Dies bedeutete, dass „Gesprächspartner“ bereit ist, auf Aufträge in meinem Interesse zu verzichten, um mich nach Hause zu bringen. Dies muss vom Prinzip her aufhorchen lassen. Doch ich stimmte zu und vereinte eine ungefähre Zeit für das Vorfahren des Taxis.
Und in der Tat, fünf Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt erhielt ich einen Anruf von Almahawir. Er sei bereits in der Nähe. Die Rückfahrt verlief mit hartnäckigen Vorschlägen seitens des „Gesprächspartners“, der seine Leistungen für die Zukunft anzubieten suchten. Er strebte offenkundig an, mir ein Freund zu sein. Dies erlaubte, zusätzliche Angaben über seine Person zu erhalten. So war Almahawir Anfang der 80er aus Baku nach Moskau gekommen, stellte sich als ein Junggeselle dar, obgleich er vom Aussehen her über 50 Jahre alt sein müsste. Unter Berücksichtigung meines Alleinseins spielte er auf die Möglichkeit an, „sich gemeinsam mit Freundinnen zu amüsieren“, und bat sogar, ihm solch eine Freundin unter meinen Kontakten ausfindig zu machen.
Der Höhepunkt war erreicht, als „Gesprächspartner“ mir anbot, etwas zu trinken, da er ja Alkohol bei sich habe. Vorgesehen wurde, dass ich allein trinken werde, da er am Lenkrad ist. Meine kategorische Ablehnung löste bei Almahawir eine heftige Reaktion aus. Und er versuchte, mich vom Gegenteil zu überzeugen, wobei er auf die Notwendigkeit verwies, die Blutgefäße zu erweitern. Doch ich erinnerte mich gut an die Lehren aus der Sendung „Diensthabendes Polizeirevier“ und ließ mich nicht überreden. Im Falle meiner Zustimmung wären vom Prinzip her zwei Szenarios möglich gewesen. Ich hätte direkt im Taxi ausgeraubt werden können, oder „Gesprächspartner“ hätte mich bis zum Wohnort gebracht und sich dort bereits der Wohnung angenommen. Riskiert hätte er nicht viel, da es keine erneute Bestellung über einen Taxi-Anbieter gegeben hatte. Und es wäre schwierig geworden, ihm auf die Spur zu kommen. Aber in solchen Fällen hätte es keinen Sinn gemacht, mich am Leben zu lassen. Ein plötzlicher Tod eines betagten Menschen ist in einer Großstadt ist ja schon keine Seltenheit.