In den sozialen Netzwerken wurde am Vorabend des Osterfestes überraschend ein Video mit Erzpriester Igor Jakimtschuk, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen der Russischen orthodoxen Kirche, der für die Beziehungen zwischen den christlich-orthodoxen Kirchen verantwortlich ist, verbreitet. Das Amateurvideo war bereits im November vergangenen Jahres bei einem Treffen Jakimtschuks mit Vertretern des Klerus von Twer gedreht worden. Jedoch habe man es, wie viele in Tbilissi meinen, unmittelbar „vor den Wahlen in Umlauf gebracht“.
In dem Video kommentiert Jakimtschuk den Stand der abchasischen Kirchenfrage und bekräftigt, dass die Russische orthodoxe Kirche die Rechte der Georgischen Kirche auf Abchasien unterstütze. Nebenbei stellt der Geistliche die offizielle Position der Russischen Föderation hinsichtlich der Republik in Frage, wobei er den georgischen Politikern folgend die abchasischen Offiziellen als „separatistische“ beschreibt (seit 2008 erkennt die Russische Föderation die Unabhängigkeit Abchasiens an). Gleichfalls bezichtigt er abchasische Beamte des Erhalts von Bestechungsgeldern vom einheimischen Klerus („dies ist nicht sehr teuer“) und verletzt das Oberhaupt des abchasischen Staates Badra Gunba („deren Präsident ist überhaupt ein ungetaufter“) und die abchasischen Traditionen („die Abchasen sind Heiden und verehren Bäume“). Und last but not least erklärt Jakimtschuk, dass die Einwohner Abchasiens nicht die indigene, sondern eine eingewanderte Bevölkerung ihres Landes seien und gar nicht das Recht hätten, sich als Abchasen zu bezeichnen: „Die Abchasen, die heute in Abchasien sind, dies sind eher Adygäer, die dorthin ausgewandert waren“. Ohne einen Namen zu nennen, hatte der Vertreter der Russischen orthodoxen Kirche vom Wesen her das in der Wissenschaft mehrfach angefochtene Narrativ des georgischen Historikers Pawle Ingorokwa (1893-1983) wiederholt, wonach historisch gesehen die Abchasen ein „Stamm der Kartveli (Eigenname der Georgier – Anmerkung der Redaktion)“ und die heutigen Abchasen „Apsuas, die aus den Bergen des Nordkaukasus heruntergekommen sind“, seien.
In Abchasien löste der Auftritt von Jakimtschuk Empörung aus. Das Außenministerium der Republik gab eine offizielle Erklärung ab, in der es den „offenkundig provokatorischen Charakter“ der Äußerungen des Geistlichen hervorhob, die „über den Rahmen rein religiöser Diskussionen hinaus auf eine politisch-diplomatische Ebene gegangen sind“, den Geistlichen aufrief, nicht das abchasische Volk und dessen geistlichen Traditionen zu kränken und aufzuhören, sich mit einer „Weiterverbreitung des unwissenschaftlichen Erbes von Pawle Ingorokwa zu befassen, das durch angesehen Vertreter der abchasischen, russischen und georgischen akademischen Wissenschaften widerlegt wurde“. Die Abchasische orthodoxe Kirche veröffentlichte eine Erklärung mit einer Verurteilung der Worte Jakimtschuks: „Geistliche sind verpflichtet, Zeugnis über die Wahrheit abzulegen und nicht Meineid zu leisten“.
In der Heimat hat Jakimtschuk gleichfalls „sein Fett weg bekommen“. Laut Quellen der Autorin hat der Geistliche im Moskauer Patriarchat eine Rüge von der Kirchenführung erhalten. Jakimtschuk wirft man eine Zugehörigkeit zur „progeorgischen Kirchen-Lobby“ vor.
Parallel dazu löste in georgischen Kirchenkreisen der Auftritt von Jakimtschuk Begeisterung aus — „die Russen sind mit uns“ und „schaut nur, wie ein russischer Pope die Abchasen erniedrigt“. Wie Quellen der Autorin in Tbilissi mitteilen, habe diese Geschichte bereits den Verlauf des Wahlkampfs um das Patriarchenamt beeinflusst. Angeblich habe die „Pro-Moskau-Partei“ die Positionen verstärkt, und die Wahrscheinlichkeit der Wahl von Metropolit Shio (Mujiri) zum neuen Patriarchen habe zugenommen. Einige „Pro-Moskau“-Erzbischöfe seien angeblich sogar in der Meinung bestärkt worden, dass sie bald „sich Abchasien mit Unterstützung der Russischen orthodoxen Kirche zurückholen werden“.
Die Tiefe des „diplomatischen Fehlers“ des Kirchen-Beamten kann man nur im historischen Kontext begreifen. In Georgien existiert der Begriff „Träger einer schwarzen Tschocha“. Im Februar 1921, als die Rote Armee in Tiflis eingezogen war und im Land die Sowjetmacht errichtet wurde, hatte sich eine Gruppe von Männern – Vertretern aus der Kultur – aus Protest in Trauer-Tschochas, eine traditionelle georgische Kleidung – gekleidet und sie mehrere Monate lang getragen. Im heutigen Georgien werden die Ereignisse jener Zeit als eine „Besetzung Georgiens durch Russland“ und als „Beginn der sowjetischen Okkupation“ interpretiert. Und die „Träger der schwarzen Tschochas“ werden als Helden des Landes angesehen. Unter den Trägern der Trauerkleidung für das „freie Georgien“, das heißt für die Georgische demokratische Republik, in der die Macht den Menschewiki gehört hatte, war der erwähnte georgische Historiker Pawle Ingorokwa.
Die georgische Opposition zitiert regelmäßig Ingorokwa sowohl im Rahmen des Protests gegen die russische Präsenz im Kaukasus als auch zur Begründung der „historischen Rechte der Georgier auf Abchasien“ und der These, wonach „die Abchasen nie einen eigenen Staat gehabt hatten und keinen haben dürfen“. De facto war die sogenannte „Ingorokwa-Theorie“ über die Herkunft der Abchasen – vor allem seine These, wonach die Abchasen eine „zugewanderte“ und nicht die autochthone Bevölkerung Abchasiens seien – zur theoretischen Grundlage des georgisch-abchasischen Krieges von 1992-1993 geworden. Jedoch hatte Ingorokwa selbst diesen Krieg nicht gesehen (er verstarb 1983). Und formal ist seine Arbeit ein Erbe der vorangegangenen Epoche, der Periode 1918-1921, als die Georgische demokratische Republik versucht hatte, sich das benachbarte Abchasien zu unterwerfen.
Im Fall der „abchasischen Theorie“ war Ingorokwa vom Wesen her nicht als ein Wissenschaftler aufgetreten, sondern als ein Propagandist. Er hatte einfach historische Fakten dem politischen Bedürfnis – zuerst der georgischen menschewistischen und später auch der bolschewistischen Führung – angepasst: die Rechte der Georgier auf Abchasien zu begründen. Dass Abchasien „georgisches Land“ sei, hatte Ingorokwa erstmals 1917 in dem Referat „Über das Territorium Georgiens“ auf dem Kongress der Nationaldemokratischen Partei Georgiens erklärt. Bereits im Juni 1918 war die Idee des jungen Historikers umgesetzt worden: Die Georgische demokratische Republik „vergaß“ die Unabhängigkeit Abchasiens, die sie früher anerkannt hatte. Truppenteile von General Georgij Maznijew (Mazniashvili) führten auf abchasischem Boden eine „Strafexpedition“ durch, worüber nach wie vor die Erinnerungen im abchasischen Volk lebendig sind. „Die „Demokratie“ hatte mit lodernden Buchstaben in das Gedächtnis der Bauern die Erinnerungen an deren sanfte „Fürsorge“ eingebrannt“, schreibt über diese Zeit der abchasische Historiker Georgij Dzidzaria. Die Brutalität, die durch die Strafeinheiten von Maznijew an den Tag gelegt worden war, beschleunigte die Errichtung der Sowjetmacht in Abchasien. Die Einheimischen nahmen die Angehörigen der Roten Armee als Befreier von der georgischen Gewalt auf. Bekanntlich hat sich eine ähnliche Situation auch im Krieg von 1992-1993 wiederholt. Daher sehen die heutigen Einwohner der Republik gesetzmäßig in der Russischen Föderation ihren einzigen Schutz vor Georgien.
Die Ideologie der „Träger der schwarzen Tschochas“ ist nie gestorben. Sie war fließend von den Menschewiken zu den georgischen Bolschewiken gewandert: In einer vollendeten Form hatte sie Ingorokwa unter Chruschtschow 1954 in dem Buch „Giorgi Merchule“ dargelegt (gerade von dort stammen die Worte von Jakimtschuk über die „Abchasen, die nicht jene Abchasen sind“). Popolär ist sie auch im heutigen Georgien. Und jede plumpe Bewegung aus Russland hinsichtlich der abchasischen Frage bringt ihr (neue) Anhänger.