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Die Ergebnisse der aus dem Staatsetat finanzierten Unterstützung des Sports in Russland lösen große Zweifel aus


In Russland würden sich mit Körperkultur und Sport über 62 Prozent der Bevölkerung befassen, behauptet das Sportministerium der Russischen Föderation. Bevölkerungsbefragen zeugen jedoch davon, dass dieser Wert um das 2- bis sogar 3fache hochgeschraubt sein könnte. Der Anteil der Freizeitsportler bleibe in den meisten Bevölkerungsgruppen unterhalb der 20-Prozentgrenze, teilten Soziologen mit. Und selbst unter der Jugend würden nur weniger als 43 Prozent regelmäßig Sport treiben. Der Staatshaushalt verspricht derweil, für die Unterstützung von staatlichen Sportprogrammen über 210 Milliarden Rubel in den nächsten drei Jahren bereitzustellen. Jedoch löst die Effektivität dieser staatlichen Investitionen selbst im Rechnungshof der Russischen Föderation Zweifel aus.

Wie viele Bürger Russlands tatsächlich Sport treiben ist bei weitem keine deplatzierte Frage. Schließlich hängt gerade von der Zunahme des Anteils der Freizeitsportler die gesamte Unterstützung aus dem Staatshaushalt für die Körperkultur und den Sport in der Russischen Föderation ab. Auf den hohen Anteil der Sporttreibenden im Land basieren sowohl die Haushaltsanträge der Staatsbeamten als auch die regelmäßigen Berichte der Regierung der Russischen Föderation.

Der Anteil der Bevölkerung Russlands, die systematisch Sport treibe, habe Ende vergangenen Jahres die 60-%-Marke überschritten, erklärte Anfang März der russische Sportminister Michail Degtjarjow. „Erst heute haben wir endgültige Zahlen für das Jahr 2025 hinsichtlich des Basis-Parameters erhalten. Der Anteil der Bürger, die sich systematisch mit Körperkultur und Sport befassen, hat einen Stand von 62,2 Prozent bei einer Planzahl von 59,8 Prozent erreicht“, sagte Degtjarjow. „Unter den Bürgern im arbeitsfähigen Alter belief sich der Wert auf 65,1 Prozent bei einem Plan von 59,8 Prozent. Unter der Landbevölkerung lag er bei 53 Prozent bei einem Plan von 48 Prozent“.

Gemäß dem staatlichen Programm für die Entwicklung von Körperkultur und Sport in Russland ist bis zum Jahr 2030 eine Erhöhung der Anzahl der Bürger, die sich systematisch mit Sport befassen, bis auf 70 Prozent vorgesehen. Zu den vorrangigen Entwicklungsrichtungen gehören die Gewinnung der Bürger, vor allem von Kindern und Jugendlichen für eine Beschäftigung mit Körperkultur und Massensport, die Anhebung des Niveaus der physischen Vorbereitung der Bürger des Landes sowie eine Erhöhung der Zugänglichkeit der Sportobjekte für die Bevölkerung, darunter in den ländlichen Gebieten.

„Die Finanzierung des Komplexprogramms „Entwicklung von Körperkultur und Sport“ ist im Jahr 2026 in einem Umfang von 70,2 Milliarden Rubel vorgesehen, im Jahr 2027 – mit 71 Milliarden Rubel und im Jahr 2028 mit 76,5 Milliarden Rubel“, sagte Degtjarjow. „Insgesamt ist für diesen 3-Jahres-Zeitraum eine föderale Finanzierung für das staatliche Programm in einer Höhe von 217 Milliarden Rubel vorgesehen“.

Der Anteil der regelmäßig Sport treibenden Bürger Russlands nimmt wirklich zu. Befragungen der Bevölkerung demonstrieren jedoch erheblich geringere Werte als jene, über die die Beamten des Sportministeriums sprechen.

Der Grad der Involvierung von Russlands Bürgern über 30 Jahre in Beschäftigungen mit Körperkultur und Sport bleibt unter 20 Prozent, belegen die Ergebnisse von Befragungen von über 380.000 Menschen. Der maximale Anteil der Sporttreibenden ist nur in der Gruppe der jungen Menschen im Alter von bis zu 35 Jahren und mit einer Hochschulausbildung fixiert worden (42,7 Prozent), wird in einer neuen Untersuchung von Gennadij Woronin aus dem Soziologie-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften und von Anna Jermilowa aus der Staatsuniversität von Nishnij Nowgorod ausgewiesen. Ihre Schlussfolgerungen stützen sich auf die Angaben von Befragungen der Bevölkerung im Zeitraum 1994-2024.

Das Interessen für eine Beschäftigung mit Körperkultur und Sport nimmt sowohl im Land insgesamt als auch unter den jungen Menschen zu. Jedoch bleiben selbst die Rekordzahlen für den Anteil der Sportler unter den jungen Menschen um das 2- bis 3fache unter jenen Zahlen, die die Beamten aus dem Sportministerium zum besten geben.

Befragungen junger Menschen im Verlauf der letzten 30 Jahre demonstrieren eine Zunahme des Anteils der Sporttreibenden – von 20,4 Prozent 1995 bis auf 36,8 Prozent im Jahr 2024.

Der spürbarste Anstieg der Zahl der jungen Menschen, die sich mit Körperkultur und Sport befassen, wurde im Jahr 2012 beobachtet (30,5 Prozent). „Dies wurde zu einer Folge der ersten Schritte zur Reformierung des Bereichs Körperkultur und Sport in der postsowjetischen Ära“, betonen die Soziologen. Im Jahr 2002 hatte die Regierung des Unterprogramm „Körpererziehung und Gesundung der Kinder, Teenager und jungen Menschen in der Russischen Föderation“ im Rahmen des föderalen Zielprogramms „Russlands Jugend“ bestätigt.

Der Höhepunkt der Integrierung der jungen Menschen in die Sporttätigkeit wird im Altersintervall von 15 bis 18 Jahren beobachtet, wonach die Zahl der Menschen, die eine physisch aktive Lebensweise verfolgen, zurückgeht. Dieser Rückgang sei damit verbunden, dass sich die jungen Menschen für den Erhalt einer Ausbildung engagieren, in eine Berufstätigkeit involviert werden, aber auch mit dem Prozess der Bildung eigener Familie durch sie, konstatierten die Soziologen.

Unter den jungen Menschen sind die geringsten Werte für eine physische Aktivität bei jungen Menschen mit keiner kompletten Mittelschulausbildung, aber auch bei Mädchen und Frauen ermittelt worden.

Eine extrem besorgniserregende Situation ergibt sich unter den jungen Menschen, die eine Scheidung erlebten. In dieser Gruppe bleiben 2,9 bis 7,6 Prozent physisch aktive, ermittelten die Wissenschaftler.

Die Erhebungen ab 2012 bis einschließlich 2023 demonstrieren eine Verringerung des Anteils der jungen Menschen, die sich aktiv mit Körperkultur und Sport befassen. Dabei verringert sich der Zeitumfang, der für physische Aktivitäten bereitgestellt wird. Unter anderem für Schwimmen, Jogging, ein Training an entsprechenden Geräten und Fitness-Trainings.

Im Rechnungshof Russlands bezweifelt man die Angaben des Sportministeriums über den Anteil der Bürger Russlands, die sich systematisch mit Körperkultur und Sport befassen. Es sei daran erinnert, dass man im April des Jahres 2024 im Sportministerium mitgeteilt hatte, dass laut den Ergebnissen des Jahres 2023 die Anzahl der Sport treibenden Bürger Russlands innerhalb eines Jahres gleich um 5,9 Millionen Menschen zugenommen hätte. Im Großen und Ganzen würden sich laut Angaben der Beamten des Sportministeriums angeblich über 75,7 Millionen Menschen mit Körperkultur und Sport befassen, das heißt jeder zweite. Jedoch hat eine selektive Untersuchung russischer Haushalte im Jahr 2019, bei der die staatliche Statistikbehörde Rosstat über 130.000 Menschen befragt hatte, gezeigt, dass sich etwa 27,5 Prozent der Bürger Russlands systematisch mit Körperkultur und Sport befassen würden. Im Rechnungshof erklärt man frank und frei, dass die Daten des Sportministeriums der Russischen Föderation nicht den Daten aus alternativen Quellen entsprechen würden.

Im vergangenen Jahr haben die Rechnungsprüfer aus dem Rechnungshof auf eine unzureichend effektive Nutzung der Mittel aus dem föderalen Haushalt für die Sport-Infrastruktur in der Russischen Föderation hingewiesen. Die errichteten Sportobjekte würden nach wie vor nicht ausgelastet. Es gebe in Russland auch große Probleme mit der Erfassung der Zahl der sich ständig mit Körperkultur und Sport befassenden Bürger Russlands. Für die Schaffung eine spezialisierten Sport-Informationssystems wurden über eine Milliarde Rubel ausgegeben, faktisch werde es aber nicht genutzt (siehe auch https://www.ng.ru/economics/2025-11-11/4_9377_auditors.html).

P. S.

Natürlich bleibt unklar, wie das Sportministerium seine Zahlen über die sporttreibenden Bürger Russlands ermittelte. Dass diese Zahlen Zweifel auslösen, überrascht auch aus einem anderen Grunde nicht. Im Gesundheitsministerium hält man Fettsucht und Übergewicht für eine der Hauptgefahren für die Gesundheit der Bürger Russlands. Laut Angaben von Gesundheitsminister Michail Muraschko leiden rund 25 Prozent der Bevölkerung (also rund 36 Millionen Menschen) an Fettsucht, und durchschnittlich jeder zweite hat Übergewicht. Russlands Chef-Diätologe Viktor Tuteljan kommentierte im vergangenen Jahr diese Situation so: „Bei uns im Land gibt es keine Mode für eine gesunde Lebensweise“.