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Washington startet die Initiative Silk Seven Plus


In Washington bereitet man sich auf den Start der geopolitischen Initiative „Silk Seven Plus“ (S7+) vor, die die Wirtschaftslandschaft Zentral- und Südasiens grundlegend verändern soll. Das Ziel des Projekts sind die Entwicklung strategischer Handels- und Transportbeziehungen und eine Verringerung der Region von einem beschränkten Kreis von ausländischen Partnern, die den Weg zu einer umfassenderen Integration und zu einem Zugang zu den internationalen Märkten freimacht.

Im Rahmen des Vorhabens S7+ sind zu einer Zusammenarbeit Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan und Afghanistan mit der Möglichkeit eines Beitritts von Pakistan eingeladen worden. Wie der ehemalige US-Botschafter in Aserbaidschan Robert Cekuta betonte, brauche Washington eine neue Herangehensweise an Zentralasien. „Wir können nicht weiter mit alten Methoden handeln. Die Initiative S7+ ist Teil notwendiger Veränderungen“, erklärte Cekuta.

Das vom in Washington ansässigen Institut für Strategie und Politik New Lines (spezialisiert sich auf die Außenpolitik der USA, die globale Sicherheit und ein Studium der moslemischen Staaten und Gesellschaften) ausgearbeitete Projekt S7+ stellt sich ambitiöse Ziele. Zentralasien bleibt eine der strategisch wichtigsten, aber schwach integrierten Regionen der Welt. Und die Hauptherausforderungen für die Region seien, wie die Autoren unterstreichen, die eingeschränkte Infrastruktur, die Abhängigkeit von den ausländischen Märkten und die Anfälligkeit der Handelsketten bzw. -verbindungen.

Die Schlüsselaufgabe von S7+ ist, die Wirtschaftsintegration zu verstärken und radikal den Zugang zu Seehäfen zu verbessern. Der Status der „Binnen“-Länder schränkt das Handelspotenzial der Region und die Entwicklung der Transkaspischen internationalen Transportroute (TITR) ein und wird zu einem entscheidenden Faktor, der diese Staaten mit Europa, dem Nahen Osten sowie der indisch-pazifischen Region verbindet.

Besondere Aufmerksamkeit wird in der Konzeption den Fragen einer gemeinsamen Verwaltung der Wasser- und Energieressourcen, aber auch der Entwicklung des Handels mit kritisch wichtigen Materialien geschenkt. Ein wichtiger Teil der Strategie ist die Diversifizierung der Außenwirtschaftsbeziehungen der Länder Zentralasiens.

Die Präsentation der Silk-Seven-Plus-Initiative erfolgte am 20. April auf dem Capitol Hill in Washington untere Beteiligung amerikanischer Gesetzgeber und Experten. Senator Steve Daines unterstrich die strategische Bedeutung Zentralasiens für die USA, wobei er die Wichtigkeit einer Erweiterung des wirtschaftlichen Zusammenwirkens betonte. „Ich habe alle fünf Länder Zentralasiens besucht und begreife die Wichtigkeit unserer gemeinsamen Ziele – vom Handel bis zur Sicherheit“, unterstrich er. Der Delegierte des Repräsentantenhauses James Moylan hob hervor, dass die Initiative helfen werde, die Abhängigkeit der Region von einem ausländischen Partnern zu verringern, wobei er hinzufügte: „Dies ist ein Schritt zur Verstärkung der wirtschaftlichen Stabilität und Erweiterung der Wachstumsmöglichkeiten“.

Nach der in Washington erfolgten Präsentation ist geplant, die Initiative in europäischen Hauptstädten inklusive London und Brüssel vorzustellen. Im Rahmen dieses Projekts werden bereits detaillierte analytische Reports vorbereitet, die konkrete Vorschläge zur Entwicklung der Infrastruktur, zur Vertiefung der Zusammenarbeit im Energiesektor und zur Vervollkommnung der Handelsmechanismen in Zentral- und Südasien enthalten werden.

Diese neue Initiative – Silk Seven Plus – stellt nicht bloß eine Erweiterung, sondern eine strategische Vertiefung der bereits existierenden Plattform „C5+1“ (Zentralasien und die USA) dar, deren Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit bisher durch den regionalen Rahmen eingeschränkt wurden. Amerikanische Experten und Diplomaten haben schon seit langem auf die Notwendigkeit einer Erweiterung dieses Formats hingewiesen, wobei sie vorschlugen, in dieses Aserbaidschan aufzunehmen, was zur Etablierung des Formats „C6+1“ und einer Konzeption mit dem Titel „Großes Zentralasien“ führen würde.

Wie der Vorstandsvorsitzende des Caspian Policy Center und frühere Botschafter Richard E. Hoagland im Verlauf der Februar-Veranstaltung „Ein Jahrzehnt Partnerschaft: Was erwartet das Format C5+1 in der Zukunft?“ in Washington unterstrich, gehe es um eine Institutionalisierung des Formats C5+1 als eine vollwertige internationale Organisation. Oder eventuell, wie er präzisierte, (im Format) C6+1 unter Berücksichtigung der zunehmenden Aktivität Aserbaidschans bei allen Treffen im C5+1-Format.

Die Aufnahme Aserbaidschans wird eine multiplikative Wirkung auslösen: Sie wird nicht nur Logistik-Ketten und Transportkorridore verstärken, insbesondere die Transkaspische Route, sondern auch die Energiesicherheit der gesamten Region erhöhen, wobei deren Abhängigkeit von den traditionellen Partnern Russland und China abgeschwächt wird.

Diese Initiative zielt auf eine Umwandlung des Südkaukasus und Zentralasiens in einen geschlossenen, in einen integrierten geopolitischen Raum, der der Vision von einem „Großen Zentralasien“ entspricht. Aserbaidschan wird mit seiner modernen Hafen-Infrastruktur in Alat (bei Baku – Anmerkung der Redaktion) zu einem unersetzlichen Partner. Bemerkenswert ist, dass auch Afghanistan bereits fest in die Agenda für eine Zusammen mit den Ländern Zentralasiens aufgenommen worden ist.

Nach Meinung des leitenden wissenschaftlichen Mitarbeiters des Instituts für internationale Studien an der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO des russischen Außenministeriums Alexander Knjasew gebe es in dieser Initiative nichts neues außer der Entourage, die bekanntlich eine Wahrnehmung lediglich auf der Ebene von Emotionen bestimme. Die Idee von einem „Großen Zentralasien“ sei über 20 Jahre alt, wie im Grunde genommen auch die von der Transkaspischen Route.

„Es existieren natürliche Einschränkungen – ein multimodaler Charakter, der zu hohe Transportkosten verursacht, die unklare Situation mit dem Pegel des Kaspis (die eine Beladung der Schiffe von bis zu 60 bis 65 Prozent diktiert), die unvollendet völkerrechtliche Regelung im Bereich des Meeres (die Kaspi-Konvention ist vom Parlament des Irans nicht ratifiziert worden). Die geringe wirtschaftliche Zweckmäßigkeit dieser Route unterstrich auch die Weltbank. Die TITR kann keine Alternative zu den globalen Transportrouten sein, im besten Fall wäre sie für den Handel zwischen den Ländern Zentralasiens und des Kaukasus wichtig, obgleich die Volkswirtschaften der beiden Regionen überhaupt nicht komplementär zueinander sind“, sagte Alexander Knjasew der „NG“.

Nach seinen Worten würde eine völlig neue Situation im Sicherheitsbereich die Aggression der USA und Israels gegen den Iran schaffen. Die israelischen Schläge gegen den Hafen Bandar Anzali und gegen Schiffe der Seestreitkräfte der Islamischen Republik hätten eine Präzedenzfall für die Verlagerung der Kampfhandlungen zum Kaspi geschaffen. Und sie könnten zu jeglicher Zeit fortgesetzt werden.

„Völlig unklar sieht auch das Schicksal des Sangesur-Korridors aus, der jetzt TRIPP (Trump-Route) genannt wird: Die klar negative Haltung des Irans zu dieser Absicht existierte auch früher. Jetzt wird jegliche amerikanische Aktivität in der Region zu einem Objekt für Schläge seitens des Irans“, betonte Knjasew.