Das Datum für die Wahl des neuen Patriarchen in Georgien ist bisher nicht bestimmt worden. Die am 3. April stattgefundene Synode ließ sogar die Abstimmungsprozedur in einem Schwebezustand. So hat sie unter anderem auch nicht entschieden, wie die Norm für die Altersobergrenze für die Kandidaten von 70 Jahren auszulegen ist – werden in solch einem Fall jene Erzbischöfe zugelassen, die älter als 70, aber nicht 71 Jahre alt sind? Dies betrifft in erster Linie solch einen Kandidaten wie Metropolit Daniil (Datuashvili).
Die Georgische orthodoxe Kirche (GOK) wählt heute keine Persönlichkeit und auch nicht einmal ein Programm für eine Entwicklung. Sie bestimmt den Grad ihres politischen Subjektcharakters. Die Figur des künftigen, des 142. Patriarchen an sich ist lediglich eine Frage nach einem Konsens zwischen den Mitgliedern der Synode. Kandidaten, die dem verstorbenen Patriarch Ilia II. gleichwertige sind oder zumindest die Hälfte seiner Autorität in der Gesellschaft besitzen, gibt es in Georgien nicht. Die Frage besteht nur darin, wie eigenständig die georgischen Erzbischöfe in ihrer Entscheidung sein werden. Vermag das „Konklave auf georgisch“ vom „Kampf der Throne“, der die weltweite christliche Orthodoxie zerreißt, aber auch von den permanenten innergeorgischen politischen Stürmen abstrahieren und jene Entscheidung treffen, die die Georgische Kirche an sich und nicht Moskau, das Patriarchat von Konstantinopel, die Partei „Georgischer Traum“ oder die Opposition braucht?
Das Bedürfnis der Synoden-Mitglieder an einem Kompromiss wird durch den generellen Wunsch bedingt, eine Spaltung zu vermeiden, da die Autorität der Kirche in der georgischen Gesellschaft auch ohnehin offensichtlich mit dem Dahinscheiden solch eines politischen Giganten, der Patriarch Ilia gewesen war, einbrechen wird. Jedoch sind die Konturen des Kompromisses bisher sehr allgemeine: Der Kandidat muss „weder eurer noch unserer“ sein. Das heißt: kein offenen Anhänger von Konstantinopel und kein augenscheinlich moskauloyaler. Weder ein klarer Westler noch ein leidenschaftlicher Russophil. Weder ein Reformer noch ein Reaktionär. Ein Problem ist, wo soll man solch einen Anwärter unter den Bedingungen, unter denen sich sowohl die Georgische Kirche als auch die ganze georgische Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg in dem Paradigma einer Polarisierung entwickelten.
Das heutige Problem der GOK hängt damit zusammen, dass Georgien im Verlauf der gesamten postsowjetischen Zeit eine Arena des Kampfes ausländischer Akteure gewesen war. Dementsprechend erhielten nur zwei Pole eine Informations-, ideologische und materielle Einspeisung sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche. Das Symbol des ersten war ein „Geistlicher mit der Flagge der Europäischen Union“, das Symbol des zweiten – ein „Geistlicher mit einem Hocker“: Bekannt ist der Fall von 2013, als Kleriker in der Rolle von Unruhestiftern bei einem LGBT-Marsch (die angebliche institutionalisierte internationale Bewegung ist in der Russischen Föderation als extremistisch gelabelt und verboten worden) auftraten.Sowohl der eine als auch der andere braucht deren persönlichen Sieg und da nicht irgendeinen abstrakten und unverständlichen „Frieden“.
Für irgendeinen gesunden Zentrismus, für die Vorstellung darüber, dass die Kirche außerhalb der Politik stehe, gibt es in dieser stabilen georgischen Matrix einfach keinen Platz. Bezeichnend war die Situation des Jahres 2024 gewesen, als der Platzhalter des Patriarchen-Throns, Metropolit Shio (Mujiri), den Versuch unternahm, die zwei Seiten der georgischen „Straße“ zu versöhnen. Die Worte des Metropoliten, wonach „Liebe helfen wird, die Meinungsverschiedenheiten auf friedlichem Wege zu lösen“, waren von keiner der Seiten verstanden worden. Die Anhänger der „traditionellen Werte“ bezichtigten ihn eines „Lavieren“ und eines „Sich-beugen vor der Opposition“. Und die Anhänger der Euro-Integration hatten einfach nicht die Worte von einem Frieden vernommen. Dafür fanden sie in der Rede des Metropoliten „antiwestliche Erklärungen“. Die Verärgerung aufgrund des unverständlichen Diskurs von Shio in der Georgischen orthodoxen Kirche ist so stark, dass eine der Linien, über die die georgischen Erzbischöfe zu einem Kompromiss gelangen können, so aussieht: jeder beliebiger, nur nicht Shio. Und um diese Losung sind bereits Hierarchen unterschiedlichster Ansichten – sowohl die Fundamentalisten der älteren Generation als auch die jungen Reformer – geneigt sich zu vereinigen.
Zu solch einer Wahl der Mitglieder der georgischen Synode veranlasst auch die nicht sehr geschickte Diplomatie des Moskauer Patriarchats, da eines der Hauptprobleme von Shio als ein Kandidat der Hauch eines „Pro-russisch-seins“ ist, der ihm anhängt. Das Verhalten der russischen Seite ist dabei solch eine, dass man auf den Gedanken kommen kann, ob sie nicht Shio zielgerichtet „zu Fall bringt“. Die ersten Fehler wurden durch die Moskauer bereits in den Tagen der Trauerfeiern begangen (ausführlicher dazu unter https://www.ng.ru/ng_religii/2026-04-06/9_615_tbilisi.html). Weiter erlaubten sich die russischen Kirchendiplomaten eine Serie von Schnitzern hinsichtlich der für die GOK und für Georgien insgesamt schmerzhaftesten Abchasien-Frage. Zuerst war im Internet ein Video verbreitet worden, in dem der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen der Russischen orthodoxen Kirche, Erzpriester Igor Jakimtschuk, bei einem Treffen mit Vertretern des Klerus von Twer bereits im November vergangenen Jahres beinahe unbeabsichtigt auf eine Frage aus dem Saal antwortend einen vollkommen „progeorgischen Standpunkt“ zur Frage nach der Jurisdiktion über Abchasien darlegte (https://ngdeutschland.de/georgien-ist-ohne-den-vater-des-volkes-geblieben/).
Etwas später war unter georgischen Journalisten und Experten überraschend eine Fake-Seite in einem von der Russischen Föderation als extremistisch gelabelten sozialen Netzwerk in Umlauf gebracht worden, auf der ein erfundener „Metropolit Filaret“, das Oberhaupt der „Orthodoxen Russischen Kirche“, mit seinem „Erlass“ vom 2. April 2026 die Schaffung eines „Abchasischen Exarchats“ bekanntgibt. Eine Reihe von Experten sahen darin die alte Bedrohung seitens der Russischen orthodoxen Kirche – im Falle eines Sieges eines Kandidaten von Konstantinopel bei den Wahlen in Georgien eine eigene Kirchenstruktur in Abchasien zu etablieren. In Georgien ist man geneigt, die Message der Russischen orthodoxen Kirche, die Metropolit Shio beharrlich promotet, wie die Worte des Hausverwalters aus der sowjetischen Filmkomödie „Der Brillantenarm“ aufzufassen: „Und wenn man es nicht nimmt, schalten wir das Gas ab!“. Die russischen Kirchenbeamten begreifen nicht das Wichtigste: Jegliche Versuche einer direkten Agitation werden von den Kaukasiern als Druck und Erpressung wahrgenommen. Und das Ergebnis solch einer „Kampagne“ kann sich als ein direkt entgegengesetztes erweisen. Wie einer meiner Gesprächspartner aus dem Klerus anmerkte, „hat der Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus aufgrund solcher Handlungen der Russen sicherlich schon die Sektkorken knallen lassen“.
Metropolit Shio hat, was eingestanden werden muss, mehrere filigrane Gesten getan, um sich von seinen „Schirmherren“ zu distanzieren. Während der Trauerfeiern für Patriarch Ilia war er betont höflich und erfreut gegenüber Patriarch Bartholomäus. Und am 25. März hat Shio während einer Predigt in der Sioni-Kathedrale am Tag der Wiederherstellung der Autokephalie der Georgischen Kirche daran erinnert, dass der Verlust der Autokephalie 1811 geschah, zu Zeiten des Russischen Imperiums. Üblicherweise pushen diese Tatsache die Gegner eines „prorussischen Kurses“.
Als eine Alternative zum „bekannten“ Schio erscheint solch ein idealer Joker wie der 66jährige Metropolit David (Makharadze) von Alaverdi, ein Symbol von „Georgier-sein“. Metropolit Davi hat heute keine Partei, in der Synode ist er ein „einsamer Wolf“ und weilt selten in Tbilissi. Für die Rolle eines „Kompromisses des Apparats“ eignet sich derweil Metropolit Theodor (Chuadze) von Akhaltsikhe und Tao-Klarjeti, der bis zum Aufstieg von Shio einer der nächsten Assistenten von Patriarch Ilia gewesen war.
Insgesamt aber kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Suche nach einem idealen „nur nicht Shio“ letzten Endes die Mitglieder der georgischen Synode zu Shio zurückbringen wird. Erstens ist er die einzige Person, die das ganze Georgien erkennt und die in einem gewissen Sinne zu einer Marke werden kann, die die Georgische orthodoxe Kirche „über Wasser hält“ und erlauben ihr erlauben wird, im öffentlichen Raum zu bleiben. Zweitens regiert Shio auch so schon faktisch fast zehn Jahre die Georgische Kirche. Und das Kirchenpublikum ist insgesamt konservativ und fürchtet Veränderungen. Ein Status quo ist sogar für die jungen georgischen Anhänger von Konstantinopel nicht schlecht, die in den letzten zehn Jahren ihre Stellung in der GOK gefestigt haben und sich offensichtlich nicht schlecht fühlen, wobei sie die Kirchenführung frei und ungestraft schelten.
Dabei ist schon ein potenzieller „Volkspatriarch“ gefunden worden – Metropolit Isaia (Tchanturia) von Nikozi und Tskhinvali. Heute ist sein Amtssitz die Hauptstadt der Republik Südossetien, zu der Isaia keinen Zugang hat. Daher lebt er selbst in der Grenzsiedlung Nikozi auf georgischer Seite. Unter allen georgischen Erzbischöfen ist er wohl der einzige, dessen Ansehen unter der Bevölkerung Georgiens durch nichts befleckt worden ist. Von der Ausbildung her ist er ein Trickfilmkünstler und als ein intelligenter Mann, Uneigennütziger und aktiver Aufklärer bekannt: Seit vielen Jahren leitet er ein Trickfilmstudio für Kinder, unterhält in seiner Eparchie (Diözese) in Nikozi ein ganzes „Kulturhaus“ mit Sektionen und Zirkeln für Kinder. Als ein Augenzeuge des Krieges von 2008 (während der Kampfhandlungen war er nicht geflohen und hatte seine georgischen Gemeindemitglieder nicht verlassen) verkörpert Isaia die patriotischen und revanchistischen Stimmungen der georgischen Gesellschaft, die davon träumt, „die territoriale Integrität Georgiens wiederherzustellen“.
Wenn die Mitglieder der Synode keine Veränderungen am Statut vornehmen, so kann aufgrund formaler Kriterien Isaia kein Kandidat für das Patriarchenamt sein. Er besitzt keine theologische Ausbildung, und er besuchte die Geistliche Akademie im Status eines freien Zuhörers. Dabei ist Isaia strikt antirussisch eingestellt, was den Mitgliedern der Synode nicht recht ist, die nach einer „Balance“ streben. Aber das Paradoxe der Kirchensituation im heutigen Georgien besteht darin, dass, je „prorussischer“ der künftige 142. Patriarch sein wird, desto weniger Einfluss wird er in Georgien haben und desto mehr wird die gesamte Georgische orthodoxe Kirche zu einer für ihn unkontrollierten und „antirussischen“ werden.
P. S.
Bereits nach Redaktionsschluss für den vorliegenden Beitrag wurde bekannt, dass am 28. April eine Tagung der Heiligen Synode stattfinden wird, bei der drei Kandidaten für den Patriarchen-Thron bekanntgegeben werden sollen. Zuvor hatte man in der Georgischen orthodoxen Kirche erklärt, dass der Hierarch zum Katholikos-Patriarchen Georgiens wird, der beim ersten Wahlgang mehr als die Hälfte der Stimmen auf sich vereint. Fallen die Abstimmungsergebnisse anders aus, erfolgt eine zweite Abstimmung zwischen den beiden führenden Kandidaten.