In Moldawien gibt es Dörfer, die an die Stadt Pripjat in der Tschernobyl-Zone erinnern. Leere Häuser und keine Menschen. Experten erinnern daran: Die Landesbevölkerung hat sich seit 1991 von 4,45 Millionen bis auf 2,3 Millionen Menschen verringert. Laut Angaben des Nationalen Büros für Statistik verlassen täglich 90 Menschen für immer Moldawien. Der Wirtschaftsexperte Viorel Girbu (ein Absolvent der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft – Anmerkung der Redaktion) erklärte, dass im vergangenen Jahr „auf der Wirtschaftslandkarte des Landes faktisch zwei Verwaltungskreise ausradiert wurden“.
Laut offiziellen Schätzungen hat die Republik Moldowa in den letzten 33 Jahren (ohne Berücksichtigung von Transnistrien) über 30 Prozent der Bevölkerung aufgrund einer massenhaften Emigration und eines negativen natürlichen Wachstums verloren. Insgesamt hat sich die Republik Moldowa seit dem Zeitpunkt der Annahme der Unabhängigkeitsdeklaration 1991 fast um die Hälfte verringert. Und wenn man über die Fläche spricht, so kontrolliert Kischinjow nach dem bewaffneten Konflikt am Dnestr von 1992 nur noch 87,7 Prozent des Landesterritoriums.
Dies sind 4163 Quadratkilometer (von 33.843 Quadratkilometern), auf denen sich die nicht anerkannte Moldawische Transnistrien-Republik (Transnistrien) befindet.
Moldawische Experten betonen, dass die Republik Moldowa mit einem beispiellosen Exodus von Arbeitskräften konfrontiert worden ist. Laut Angaben des Nationalen Büros für Statistik haben im Jahr 2024 Moldawien 32.100 Einwohner oder 90 Menschen am Tag verlassen. Mit Stand vom 1. Januar 2025 war die Bevölkerungszahl der Republik bis auf 2,381 Millionen Menschen zurückgegangen. Dies erklärte der Wirtschaftsexperte Viorel Girbu in einer Sendung eines der moldawischen TV-Kanäle.
„Im vergangenen Jahr haben wir einen Negativrekord erzielt. Moldowa hat innerhalb eines Jahres Arbeitskräfte verloren, deren Anzahl zwei Verwaltungskreisen entspricht. So schlecht war es noch nie gewesen“, zitiert Radio Moldova den Experten.
Nach seinen Worten hat das Land „von der Wirtschaftslandkarte zwei Kreise ausradiert“. Und das Probleme verschlimmere sich weiter.
Gewerkschaftsvertreter verknüpfen die Migration nicht nur mit den geringen Einkommen der Bevölkerung, sondern auch mit den Arbeitsbedingungen. Sie sind der Auffassung, dass das Land eine Politik brauche, die eine Rückkehr der Bürger stimulieren werde, die ins Ausland gegangen sind. Dies sind aber eher Träume, die in der nächsten Zeit kaum realisierbar sind. Während vor einigen Jahren die Moldawier ins Ausland gegangen waren, um Geld zu verdienen, um danach zurückzukehren, so reisen sie jetzt für immer aus. Sie reisen in zwei Richtungen aus – in die Europäische Union und in andere Länder des Westens, aber auch nach Russland. Die Ströme der Auswanderer sind etwa gleichartige. In der EU-Zone verdienen die Moldawier gut, wobei in einer Reihe von Ländern, zum Beispiel in Italien, ihnen diese Arbeitsjahre angerechnet werden und sie so eine italienische Rente (oder die Rente eines anderen EU-Landes) erhalten. Und sie ist nicht nur eine weitaus höhere als die moldawische. Für ihren Erhalt ist überdies ein moldawischer Pass ausreichend. Und es ist keine Anmeldung wie in Russland, unter anderem auch für einen Erhalt in Moldawien erforderlich (weshalb die Einwohner Transnistriens nach Erhalt eines russischen Passes den moldawischen Pass nicht abgeben, was jedoch in Moskau in der öffentlichen Diskussion um die Verteidigung der Bürger in dieser Region angesichts der Politik von Kischinjow bewusst ausgeklammert wird – Anmerkung der Redaktion). Freilich gibt es da einen negativen Aspekt: In den Ländern der EU sind Spezialisten mit einer Hochschulausbildung oft als Nannys, Krankenbetreuer und Haushälter oder als Arbeiter auf Baustellen tätig.
In Russland können die Moldawier entsprechend ihrer Ausbildung arbeiten, und die russische Sprache ist für sie oft die Muttersprache. Und dies ist ein ernsthafter Bonus. Viele sagen, dass sie die Veränderung des Wohnsitzes nicht spüren würden, eventuell mit Ausnahme dessen, dass das Klima ein anderes ist. Die Kinder der in die Russische Föderation übergesiedelten Moldawier werden erfolgreich in russische Schulen eingeschult und an Hochschulen immatrikuliert.
Derweil demonstriert das Nationale Büro für Statistik Moldawiens ein besorgniserregendes Bild vom Leben in der Republik. Fast die Hälfte der Einkommen der Einwohner auf dem Land – 48,3 Prozent – werden für die Ernährung ausgegeben. In den Städten ist die Situation etwas besser. Aber auch dort wird mehr als ein Drittel des Familienbudgets (36 Prozent) für das Essen ausgegeben. (In Russland ist die Situation nicht viel besser, da laut Angaben von Rosstat für den Beginn dieses Jahres die Bürger des Landes im Durchschnitt 39 Prozent der Einkommen gerade für Nahrungsmittel ausgeben. — Anmerkung der Redaktion). Dies sei ein klassisches Merkmal für eine Volkswirtschaft, in der die Einkommen nicht erlauben, Ersparnisse anzulegen oder in eine Entwicklung zu investieren, schreibt das Internet-Portal www.insider.md.
Faktisch lebt ein erheblicher Teil der Bevölkerung im Regime eines Basis-Konsums: zuerst das Essen, danach die kommunalen Dienstleistungen (10,2 Prozent). Alles übrigen – entsprechend dem Restprinzip.
Besonders bezeichnend ist, dass die Ausgaben für den Transport auf einem Stand von 1,8 Prozent bleiben (womit die Situation etwas besser als in Russland ist – Anmerkung der Redaktion). Dies kann nicht so sehr von einem Sparen zeugen, als vielmehr von einer Unerschwinglichkeit. Die Menschen sind einfach in ihrer Mobilität eingeschränkt.
In solch einer Struktur wirkt sich jegliche Anhebung der Preise für Lebensmittel automatisch auf den Wohlstand aus.
Aufgrund dessen, dass bereits seit mehreren Jahren die Ausgaben der Bevölkerung – besonders deren anfälligen Schichten – über den Einkommen liegen, nimmt im Land die absolute Armut zu. Im vergangenen Jahr erreichte sie einen Wert von 34 Prozent. Dies bedeutet, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung unterhalb des Existenzminimums lebt. Dabei ist in den ländlichen Gegenden die Armut erheblich größer (rund 43 Prozent) als in den Städten. Faktisch können 15 Prozent der Bevölkerung die grundlegendsten Bedürfnisse nicht abdecken, schrieb die Zeitung „Moldawskije Vedomosti“.
Die Entscheidung, das Land zu verlassen, würde unter anderem auch der Immobilienmarkt beeinflussen, erklären Experten. Für viele Einwohner Moldowas, besonders für junge Familien, verwandelt sich der Erwerb eigenen Wohnraums in ein unerreichbares Ziel, betont der Publizist Michail Genchu. Er erläutert: Die hohen Preise für Immobilien und das Mieten von Wohnungen zwingen die Menschen, entweder Kredite mit langen Tilgungsfristen aufzunehmen oder über Jahre hinweg Wohnraum zu mieten, wobei ein erheblicher Teil des Einkommens ausgegeben wird. Die Preise für den Erwerb von Wohnraum bleiben hohe. Der Durchschnittspreis für einen Quadratmeter in der Hauptstadt liegt über 1700 Euro, und in Neubauten mit bezugsfertigen Wohnungen erreicht er 2000 Euro und mehr. Bei dem gegenwärtigen Stand der Einkommen ist es für die meisten praktisch irreal, für eine Wohnung zu sparen. Selbst bei einem strengen Sparregimes kann dieser Prozess Jahre in Anspruch nehmen. Dabei bleiben die Ausgaben für die Unterhaltung des Wohnraums erhebliche. Im Sommer etwa 500 Euro, im Winter aber bis zu 800 Euro unter Berücksichtigung der kommunalen Zahlungen. Viele Einwohner gestehen ein, dass sie keine reale Möglichkeit sehen würden, eine eigene Wohnung zu erwerben. Immer mehr Menschen tragen sich mit dem Gedanken zu emigrieren.
Der Vorsitzende der Nationalen Konföderation der Gewerkschaften Igor Zubcu erklärte, dass die Republik Moldowa jetzt bereits nicht nur von einer Emigration, sondern auch über einen Import von Arbeitskräften sprechen könne. Der Exekutivdirektor der Nationalen Arbeitgeber-Konföderation Vladislav Caminschi betont, dass das Land selbst Menschen mit hohen Löhnen und Gehältern verlassen würden. Nach seinen Worten beweise dies, dass dies nicht nur eine Frage der Höhe des Arbeitsverdienstes sei. Ein zusätzliches Problem bleibe die ungleichmäßige Entwicklung der Regionen.
Der Wirtschaftsexperte hob hervor, dass sich das Lebensniveau in Kischinjow dem minimalen innerhalb der EU nähere, während die Situation in den übrigen Gebieten eine weitaus schwierigere bleibe.
Die Geldüberweisungen aus dem Ausland sind eine erhebliche Einkommensquelle für die Haushalte. Die Haupteinkommensquelle für die städtische Bevölkerung ist die Lohnarbeit.
Das Land, das einst als ein Agrarland galt, verliert rasant diesen Status. Die Republik Moldowa verwandelt sich schrittweise aus einem Erzeuger zu einem Importeur von Agrarerzeugnissen. Auch wenn Moldowa irgendetwas exportiert, so vor allem Rohstoffe (Getreide, Saatgut). Zur gleichen Zeit hängt das Land immer mehr von der Einfuhr verarbeiteter Produkte, aber auch vom Import von Obst und Gemüse ab. Interessant ist, dass man heute bei einem Besuch eines Supermarkts in Kischinjow eine neue Realität ausmachen kann: In den Regalen liegt Gemüse aus Russland.