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Ein Kirchendiplomat hat sein Amt verloren


Der Patriarch von Moskau und Ganz Russland Kirill hat mit seinem Erlass den ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen, Archimandrit Filaret (Bulekow), des Amtes enthoben. Die Gründe für die Ungnade sind, wie es in den letzten Jahren im Moskauer Patriarchat üblich geworden ist, nicht erklärt worden.

„Hiermit werden Sie auf der Grundlage der Entscheidung des Eparchie-Kirchengerichts der Moskauer Eparchie vom 3. April 2026 aus dem heiligen Amt im Zusammenhang mit einer Verletzung des 25. Apostolischen Kanons und der 32. Regel der zweiten kanonischen Botschaft des heiligen Basilius entlassen“, lautet der Patriarchen-Erlass, der auf der offiziellen Internetseite der Moskauer Eparchie der Russischen orthodoxen Kirche veröffentlicht wurde. Gemäß dem 25. Apostolischen Kanon, kann ein aus dem Amt entlassener „ein Bischof, ein Presbyter oder ein Diakon sein, der einer Hurerei, eines Meineids oder Diebstahls überführt worden ist“. Die 32. Regel des heiligen Basilius erläutert nur, dass die Kleriker, „die eine Todsünde begangen haben“, aus dem Amt entlassen werden müssen, aber nicht von der Kommunion ausgeschlossen werden.

Filaret (Jahrgang 1967 – Anmerkung der Redaktion), der jetzt bereits ein einfacher Münch ist, begann seine Kirchenkarriere noch unter Patriarch Alexij II. Die Wahl von Kirill zum Patriarchen erlebte Bulekow im Rang eines Abtes und als Vorsteher der Gemeinde Aller Heiligen in Straßburg (Frankreich) sowie als Vertreter der Russischen orthodoxen Kirche beim Europarat. Der neue Patriarch entband ihn von den Auslandspflichten, holte ihn nach Moskau zurück und ernannte ihn zum Stellvertreter des Vorsitzenden der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen. Im März dieses Jahres wurde Bulekow auf Beschluss der Synode des Amtes ohne eine Bekundung von Dank für die „geleisteten Arbeiten“ enthobens.

In den letzten Jahren haben sich derartige Fälle gehäuft. Der Höhepunkt fiel auf die Jahre 2023-2024, als es im Moskauer Patriarchat zu einer Serie von Kirchengerichten gegen Vertreter des Klerus gekommen war. Allein im II. Quartal des Jahres 2024 wurden über 30 Kleriker aus dem Amt entlassen. Es gab auch jene, die das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche in Rente lange vor dem Erreichen des entsprechenden Alters durch sie schickte: die Metropoliten Hilarion (Alfejew), Leonid (Gorbatschow), Ioann (Roschtschin) und andere Kleriker.

Zur gleichen Zeit begann Patriarch Kirill neue Erzbischöfe aus den Reihen der ihm nahestehenden Geistlichen zu ernennen. Ab Anfang 2023 bis einschließlich Ende 2025 wurden 33 Bischofsweihen vollzogen. Der jüngste Bischof ist der persönliche Sekretär des Patriarchen, Alexij (Turikow). Er ist 41 Jahre alt.

Bisher ist unklar, was jetzt Filaret (Bulekow) tun wird: Wird er sich mit der Entscheidung des Patriarchen abfinden oder probieren, sie anzufechten. Derartige Präzedenzfälle hat es in der Russischen orthodoxen Kirche schon gegeben. Ein Teil der Kleriker, die in den letzten Jahren des Amts enthoben wurden, vermochten es wiederherzustellen, aber nur nach einem Anrufen des (Ökumenischen) Patriarchen von Konstantinopel Bartholomäus. Im Moskauer Patriarchat hält man diese Rehabilitierungen nicht für legitime, denn es erkennt die Rolle von Konstantinopel als ein Schiedsrichter zwischen den Kirchen nicht an. Am 22. April erklärte Patriarch Kirill, dass „nach wie vor von außen her eine der Orthodoxie fremde Doktrin über die besonderen Machtvollmachten des Patriarchen von Konstantinopel aufgezwungen wird“. „Jegliche Versuche, einen unserer Brüder als einen besondere Machtvollmachten über die gesamte orthodoxe Ökumene besitzenden darzustellen, sind sündhafte aus der Sicht einer Verletzung der Kirchengesetze“, unterstrich besonders das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche.

P. S.

Im russischen Internet hat man natürlich auch die jüngsten personellen Veränderungen in der Russischen orthodoxen Kirche registriert und kommentiert. Die Ablösung von Filaret wurde als eine rätselhafte bezeichnet und mit möglichen Versäumnissen in der Arbeit der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen in Verbindung gebracht.

Ein ähnliches Schicksal ereilte Metropolit Serafim (Ameltschenkow). Der 41jährige wurde vom Amt des Vorsitzenden der Synodalabteilung für Jugendfragen abgelöst. Aufgrund offensichtlicher Probleme in der Arbeit dieser Abteilung unter Leitung von Ameltschenkow, so dass auch ihm kein Dank für die „geleistete Arbeit“ bekundet wurde (https://melissa-12.livejournal.com/11753569.html).

Bemerkenswert ist ebenfalls das Schicksal des einstigen Westeuropa-Exarchen, Metropolit Nestor (Sirotenko), gegen den im Spätherbst vergangenen Jahres ein kirchengerichtliches Verfahren eingeleitet worden war (siehe https://ngdeutschland.de/bischof-nestor-verspielte-das-westeuropa-exarchat-des-moskauer-patriarchats/). Trotz laufender Untersuchungen soll er weiter an Poker-Meisterschaften teilgenommen haben. Ja, und nun wurde die endgültige Entscheidung gefällt, ihn offiziell seiner bisherigen Ämter zu entheben. Jedoch bleibt er Vikar der Eparchie von Korsun. Der 1974 geborene Geistliche hatte laut der Entscheidung der Synode Patriarch Kirill einen Reue-Brief gesandt, in dem er seine Taten eingestand, die Versuchung in die Reihen der Gläubigen gebracht und den heiligen Kanons widersprochen hätten. Kundige meinen jedoch, dass es nicht nur den Reue-Brief gegeben hätte. Angeblich seien gewisse einflussreiche Personen aktiv geworden, die auch auf die so milde Entscheidung Einfluss genommen hätten.