Patriarch Kirill bestätigte die Entscheidung des Diözesen-Kirchengerichts der Moskauer Eparchie vom 3. April, wonach dem Stellvertreter des Vorsitzenden der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen Filaret (Bulekow) der Rang eines Archimandrits aberkannt (siehe auch https://ngdeutschland.de/ein-kirchendiplomat-hat-sein-amt-verloren/). Laut Quellen der Autorin in der Moskauer Patriarchie gehe es um ein ethisches und kanonisches Vergehen, das mit einem Wirken als Geistlicher unvereinbar ist.
Filaret war einer der Falken der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen, einer der Gestalter der gesamten postsowjetischen Architektur des Moskauer Patriarchats. Einer derjenigen, die das Schlüsselprinzip der Russischen orthodoxen Kirche der postsowjetischen Periode umsetzten: Wir müssen so leben, als ob es den Zerfall der UdSSR nicht gegeben hat. Gerade dieser Gedanke durchzieht wie ein roter Faden alle Kirchendokumente und offiziellen Auftritte der Hierarchie hinsichtlich des Zusammenwirkens des „Zentrums“ und der „Randgebiete“. „Die Neugestaltung der kanonischen Grenzen kann nicht nur infolge der politischen Veränderungen vorgenommen werden“, beharrte Filaret in seinem programmatischen Artikel in der Zeitschrift „Kirche und Zeit“ („Die Haltung der Russischen orthodoxen Kirche zu Fragen des nationalen und des Staatsaufbaus“). Dass das wichtigste Know-how der Moskauer Patriarchie, das unter anderem durch die Anstrengungen Filarets – der Ausdruck „kanonisches Territorium“ — entwickelt worden war, nicht aus den alten Kirchenkanons stammt, sondern aus Aufzeichnungen der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen (AAKB) der 1990er, wird heute immer häufiger erklärt.
Alles heute mit der AAKB Geschehende ist eine Abfolge unangenehmer Untersuchungen, die die Abteilung nach der Absetzung von Metropolit Hilarion (Alfejew) im Juni 2022 tangierte. Zum zweiten, „der sich nicht in die Wende eingefügt hatte“, wurde damals der Oberpriester Nikolaj Balaschow, der im August 2022 des Amtes eines Stellvertreters des Vorsitzenden der Abteilung enthoben wurde — „auf eigene Bitte“. Die Geschichte mit dem Poker-Spielen des westeuropäischen Exarchs, des Metropoliten Nestor (Sirotenko) ist auch ein Teil dieses Prozesses (siehe https://ngdeutschland.de/bischof-nestor-verspielte-das-westeuropa-exarchat-des-moskauer-patriarchats/). Im Kirchensystem ist es üblich, keine Eile an den Tag zu legen und viele Schritte, die zeitlich aufgeschobene sind, zu unternehmen. „Die Kirche lebt nicht in Jahren, sondern in Jahrhunderten“, merkte in einem Gespräch mit der Autorin einer der Teilnehmer der beschriebenen Ereignisse an. Und der Staat gibt zu verstehen, dass er das Kirchentempo achte. Anders gesagt: Die Dekonstruktion des „Moskauer Vatikans“ ist unvermeidlich. Sie wird aber einfach langsam und Steinchen für Steinchen erfolgen.
Die in den sozialen Netzwerken verbreitete Version, wonach „Patriarch Kirill alte Freunde wegräumt“, funktioniert objektiv nicht. Im Gegenteil, dass Kirchensystem versucht augenscheinlich, all diese Schläge, deren Quelle eine äußere ist, zu dämpfen. Die Patriarchie versucht offenkundig, jeden „Abgesetzten“ zu retten und auf einen wenn auch nicht analogen, so doch angesehenen und sicheren Platz zu bringen. So hatte man Metropolit Hilarion ungeachtet der Entlassung aus der Abteilung eine europäische Eparchie (Diözese) gegeben. Balaschow erhielt das speziell für ihn geschaffene Amt eines Beraters des Patriarchen, bewahrte de facto ein Büro im (Moskauer) Danilow-Kloster und hat, wie erzählt wird, in keiner Weise seinen Einfluss auf die Kirchenpolitik verloren. Im Gegenteil, er sei noch weniger angreifbar geworden. Metropolit Nestor wurde zum Vikar der eigenen Eparchie herabgestuft, was in keiner Weise an eine „Verbannung nach Sibirien“ erinnert. Noch ein Stellvertreter des Vorsitzenden der AAKB, der Oberpriester Igor Jakimtschuk, der jüngst die Gefühle der Einwohner von Abchasien verletzt hatte, ist bisher nicht nur nicht des Amtes enthoben worden, sondern hat sich auch gar nicht öffentlich beim abchasischen Volk und bei der Führung des Landes entschuldigt. Filaret hat in diesem Sinn einfach kein Glück gehabt. Doch wird man wohl auch ihn nicht irgendwohin in eine abgelegene Einsiedelei schicken.
Dass in der AAKB bald „keiner mehr arbeiten wird“, sagt man in Kirchenkreisen schon nicht das erste Jahr. Eine Art von Reaktion auf das Problem hat sogar die in Moskau ansässige Wirtschaftshochschule offeriert. Am 23. April veranstaltete man dort einen Tag der offenen Tür für das neue Magister-Programm „Religiöse Diplomatie in der heutigen Welt“. In diesem Jahr soll ein erster Studiengang für Studenten erfolgen. Den Abiturienten verspricht man, dass sie als „Spezialisten für internationale Beziehungen in religiösen Vereinigungen, darunter in deren Vertretungen außerhalb der Russischen Föderation“ arbeiten werden. Sich so etwas noch vor zwei Jahren vorzustellen, war absolut unmöglich gewesen. Die AAKB galt traditionell als ein geschlossenes System, als ein „Staat im Staat“, und hatte seine Mitarbeiter selbst ausgewählt und aufgezogen.
Die AAKB in ihrer heutigen Gestalt erwartet entweder eine Auflösung oder eine Reform aufgrund einer einfachen Ursache: Die Kirchendiplomatie hat die postsowjetische Zeit als solche „nicht bestanden“. Bis zur Mitte der 2020er Jahre ist das Moskauer Patriarchat nicht nur bis an das Risiko eines endgültigen Verlusts seiner Auslandsterritorien inklusive der Hauptressource – der 12.000 ukrainischen Gemeinden – geraten, sondern auch zu einer ernsthaften Identitätskrise gelangt. Bildhaft gesprochen ist das Einzige, was man in den Büros des Danilow-Klosters zu tun vermochte, dies ist, dass man einfach die alte Landkarte der UdSSR – des nicht mehr existierenden Staates – genommen, alle Bezeichnungen mit slawischen Buchstaben umgeschrieben und dies als Karte der „Alten Rus“ zu bezeichnen begonnen hat (ausführlicher in der „NG“ vom 18.09.2024 — https://www.ng.ru/facts/2024-09-17/9_580_process.html). Von einer politologischen, völkerrechtlichen Expertise war keine Rede gewesen. Bekanntlich mag die Kirchenadministration keine Ratschläge von außen.
Von daher auch das hartnäckige Markieren mit den Etiketten „Russische orthodoxe Kirche“ und „Moskauer Patriarchat“ im postsowjetischen Raum, was schlicht und einfach Konflikte selbst in solch gegenüber der Russischen orthodoxen Kirche friedlich eingestellten Republiken wie Kasachstan und Weißrussland provozierte, wo es nie eine ernsthafte Bewegung für eine Autokephalie und einen Bruch mit Moskau gegeben hat. Was ist wichtiger: die kanonischen Verbindungen, die Kanäle für ein Zusammenwirken und ein stabiles Kirchenleben zu bewahren oder seine Überlegenheit zu zeigen und die Gemeinde zu gefährden?
Von daher auch das hartnäckige Verteidigen der „kanonischen Rechte“ der Georgischen (orthodoxen) Kirche auf Abchasien und Südossetien seitens der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen, gegen die sich das vierte Jahrzehnt aus letzten Kräften die Abchasen und Südossetien wehren. Weder die Erwägungen der evangelischen Ethik noch die Experten-Aussagen zu den Traumas aufgrund des Krieges und der Unrechtmäßigkeit der Stalin-Entscheidung von 1943 über die kanonischen Grenzen (vom Wesen her hatte Stalin Abchasien der Georgischen Kirche „geschenkt“, genauso wie auch Chruschtschow der Ukraine die Krim „schenkte“ — diesbezüglich hatte es in der Russischen orthodoxen Kirche nicht einmal eine Entscheidung des Konzils gegeben) sowie die Tatsache der Anerkennung der Unabhängigkeit dieser Republiken seitens des russischen Staates – nicht eines der Argumente wird durch die Diplomaten der „Heiligen Rus“ berücksichtigt. Und dies liegt nicht an der „georgischen Lobby“ in der Russischen orthodoxen Kirche, sondern an der eigentlichen Herangehensweise, an dem Unwillen, auch nur irgendwelche Realitäten außer den eigenen abstrakten Konzeptionen zu berücksichtigen.
Aus den eigenen Eindrücken der Autorin, die in den unterschiedlichsten Teilen der einstigen UdSSR in den letzten Jahren gewonnen wurden, ergibt sich: Auf die Frage danach, was sie am meisten in den Handlungen der Moskauer Kirchenadministration empört, war die Antwort fast überall ein und dieselbe: „die Aufdringlichkeit“. Es schien, dass es eine Aufgabe der Diplomaten ist, flexibel zu sein, Widersprüche zu glätten und nach Kompromissen zu suchen. Doch in der Praxis geht die russische Kirchendiplomatie genau entgegengesetzt vor.