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Die junge Generation der Deutschen misst dem 8. Mai keine große Bedeutung bei


Im heutigen Deutschland mag man nicht, sich der Ereignisse von vor 81 Jahren zu erinnern, obgleich der Tag des 8. Mai (der Tag der Unterzeichnung der Urkunde über die Kapitulation Hitlerdeutschlands entsprechend Berliner Zeit) im Land als Tag der Befreiung vom Nazismus begangen wird. Laut letzten vorliegenden Umfragen – im vergangenen Jahr durch YouGov in Kooperation mit dem SINUS-Institut durchgeführt – empfanden 45 Prozent der Deutschen den 8. Mai als Befreiung (von der Nazi-Tyrannei), 27 Prozent als eine Mischung aus Befreiung und Niederlage Deutschlands und 15 Prozent eher als Niederlage im Krieg. Dabei ist gerade die junge Generation im Alter von 17 bis 29 Jahren nicht geneigt, dem Datum des 8. Mai große Bedeutung beizumessen.

Im heutigen Deutschland spricht man ungern darüber, wer konkret das Land vom Nazismus befreite. Meistens werden die Alliierten erwähnt, unter denen man die UdSSR, die USA, Großbritannien und Frankreich nennt. Jedoch wird die Rolle der UdSSR sowohl in Westdeutschland als auch jetzt bereits im vereinten Deutschland bei der Zerschlagung des Dritten Reichs geschmälert. Und an die erste Stelle werden in Reden vieler Politiker die USA gerückt.

Bei den am 8. und 9. Mai anstehenden Veranstaltungen an solchen Gedenkstätten in Berlin wie der Treptow-Park, Tiergarten und die Schönholzer Heide, wo sich Grabstätten sowjetischer Soldaten, die in Berlin gefallen sind, und das bekannte Denkmal für den sowjetischen Soldaten und Befreier befinden, sind Symbole der Kriegsjahre – Georgsbänder, sowjetische Flaggen und Militäruniformen jener Jahre, aber auch Musik aus jener Zeit – erneut verboten worden. Die Behörden der deutschen Hauptstadt begründen dies mit der Notwendigkeit einer Wahrung der Ordnung. Aus dem gleichen Grunde sind russische und ukrainische Flagge und all das, was an den gegenwärtigen russisch-ukrainischen Konflikt erinnern könnte, untersagt worden. Eine Ausnahme ist für Vertreter diplomatischer Missionen und für Veteranen-Abordnungen gemacht worden.

In diesem Zusammenhang haben jegliche Tatsachen und Fakten wichtige Bedeutung, die die Wahrheit über die Ereignisse jener Kriegsjahre vermitteln. Daher muss die Aufmerksamkeit auf die am 25. April in der sächsischen Kleinstadt Torgau stattgefundene Kundgebung gelenkt werden, die dem Treffen an der Elbe gewidmet war. An diesem Tag, am 25. April 1945, hatten sich im Raum Torgau Vertreter der sowjetischen und amerikanischen Truppen getroffen. Eine Patrouille der amerikanischen Armee war auf Aufklärer von Vorauseinheiten der vorrückenden sowjetischen Armee gestoßen.

Die einheimische gesellschaftliche Organisation „Treffen an der Elbe“ organisiert bereits das vierte Jahr in Folge in Torgau Gedenkveranstaltungen, die mit diesem symbolträchtigen Ereignis in Zusammenhang stehen (in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen – Anmerkung der Redaktion). Erstmals war die Idee, solch ein Treffen zu veranstalten, einem der einheimischen Unternehmer – Steffen Hache – in den Sinn gekommen. Geboren wurde diese Idee nicht aus dem Nichts. Eine derartige Veranstaltung, die diesem Tag galt, hatte regelmäßig bis zum Jahr 2022 die Ortsorganisation der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) organisiert. Aber deren Kundgebungen trugen eine Parteiausrichtung.

Steffen Hache unternahm den Versuch, solch eine Gedenkveranstaltung auf einer breiteren politischen Basis durchzuführen. Ihn unterstützten auch die örtlichen Behörden inklusive des sächsischen Ministerpräsidenten, ein Vertreter der CDU (gemeint ist Michael Kretschmer – Anmerkung der Redaktion). Mir, der sich zu jener Zeit in Torgau befunden hatte, war es gelungen, den Organisatoren bei der Herstellung von Kontakten mit russischen gesellschaftlichen Organisationen, Journalisten und der Botschaft Russlands zu helfen.

Traditionsgemäß endete das Meeting am Denkmal der Begegnung an der Elbe, an dem Vertreter unterschiedlicher Parteien und gesellschaftlicher Organisationen – von den Christdemokraten bis zu den Kommunisten – teilnahmen, damit, dass die DKP-Mitglieder danach zu ihrer Kundgebung loszogen, dass in der Nähe veranstaltet wurde. Unter den Gästen waren Vertreter der russischen und der weißrussischen Botschaft in Deutschland. Dem US-amerikanischen Botschafter in Berlin war ebenfalls eine Einladung gesandt worden, doch er hatte mit einer Absage geantwortet. Freilich, eine offizielle Absage war zum ersten Mal gesandt worden. Die letzten drei Jahre hatten die Amerikaner die Organisatoren der Veranstaltungen gar keiner Antwort gewürdigt.

Nach Abschluss des feierlichen Teils der Kundgebung zog sich ein Teil der Veranstaltungsteilnehmer sowjetische und amerikanische Uniformen jener denkwürdigen Jahre an und wiederholte die Begegnung sowjetischer und amerikanischer Patrouillen des damaligen 25. April, wobei der berühmte Handschlag noch einmal nachvollzogen wurde.

Hinsichtlich der Ziele, die sich die deutschen Organisatoren der erinnerungswürdigen Begegnung an der Elbe gestellt hatten, betonte Steffen Hache: „Für die Deutschen ist in den Zeiten der schwierigen politischen Beziehungen wichtig, dass die Bürger Russlands darum wissen: Wir Deutschen haben hier in Deutschland nichts vergessen. Dass Russen und Amerikaner 1945 in Torgau einander die Hand reichten und uns, Deutschland, ja und ganz Europa befreiten. Die Politiker bei uns wollen sich nicht daran erinnern. Daher haben wir vor einigen Jahren in Torgau beschlossen, alles in unsere Hände zu nehmen“.

Der Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland Sergej Netschajew betonte in einem Gespräch mit Journalisten, dass bei diesen Veranstaltungen schon nicht das erste Jahr so viele Menschen zusammenkommen. All dies wecke die Hoffnung auf eine künftige Normalisierung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland.

P. S.

Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Torgau wurde ausführlich über den diesjährigen Elbe Day berichtet. Dabei wurde betont, dass der 25. April ein Tag sei, „der auch 81 Jahre nach dem historischen Moment nichts von seiner Bedeutung verloren hat“. In seiner bewegenden Rede hatte Oberbürgermeister Henrik Simon daran erinnert, dass das Händereichen weit mehr als ein militärisches Ereignis gewesen war: „Es wurde zu einem kraftvollen Zeichen für Menschlichkeit, Hoffnung und die Möglichkeit von Verständigung – selbst zwischen tief verfeindeten Systemen. Seine Worte machten deutlich, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder neu errungen werden muss“.

Von Torgau ging letztlich an diesem Tag eine klare Botschaft aus: Frieden beginnt mit einem ersten Schritt – mit einer ausgestreckten Hand und dem Willen, Brücken zu bauen, wo Mauern entstehen.