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Über das angenehme Bild einer Völkerfreundschaft


Laut den Angaben einer jüngsten Umfrage des staatlichen Allrussischen Meinungsforschungszentrums (VTsIOM) haben sich die Bürger der Russischen Föderation von nationalen Vorurteilen gelöst. 76 Prozent der Befragten haben Freunde einer anderen Nationalität. 26 Prozent billigen vollkommen die Ehe eines nahen Verwandten mit einem Vertreter einer anderen Nationalität, 31 Prozent „billigen sie eher“, acht Prozent „billigen sie eher nicht“ und sechs Prozent billigen sie ganz bestimmt nicht. 23 Prozent der Befragten erklärten, dass sie dem neutral gegenüber stehen würden. Und vier Prozent würden darauf „entsprechend der Situation“ schauen. Gleichfalls teilten 79 Prozent der Befragten mit, dass sie Vertretern anderer Nationalitäten ohne eine Furcht und Vorsicht bzw. Wachsamkeit gegenüber stehen würden.

Dies ist ein positives, man kann sogar sagen – ein angenehmes Bild. Die Geschichte der Soziologie zeigt allerdings, wie solche Bilder mitunter gemalt werden. In der Politik gibt es den sogenannten Bradley-Effekt (auch Wilder-Effekt): Vor den Wahlen des Gouverneurs von Kalifornien 1982 hatten viele Einwohner des US-Bundesstaates Soziologen gesagt, dass sie den dunkelhäutigen Kandidaten unterstützen würden. Tatsächlich aber stimmten sie für seinen weißen Rivalen. Sie hatten sich geschämt, rassistische Vorurteile selbst unter den Bedingungen einer Anonymität einzugestehen. Der Mitarbeiter einer soziologischen Organisation ist ja doch ein lebendiger Mensch, ein Gesprächspartner. Und im Gespräch mit ihm wirken bei einem Menschen Schutzmechanismen. So etwas passiert auch mit odiosen populistischen Politikern: Die Menschen gestehen nicht ein, dass sie vorhaben, für sie zu stimmen. Doch in der Praxis tun sie auch gerade dies.

Das Nationalitäten- bzw. nationale Thema bedeutet eine Auswahl richtiger Antworten, die bei Weitem nicht immer den realen Empfindungen und Vorstellungen der Menschen entsprechen. Den Befragten vom VTsIOM waren geschlossene Fragen gestellt worden. Das bedeutet, dass sie keine Überlegungen anstellten. Und die Soziologen haben sich danach nicht mit der Vielfalt der Antworten auseinandergesetzt, haben sie nicht nach Gruppen und Typen untergliedert. Viele Befragten hatten ausgezeichnet begriffen, welche Antwort aus der ihnen vorgelegten Liste die „richtige“ ist, sie im besten Lichte darstellt und nicht zu denken erlaubt, dass sie Nationalisten, ausländerfeindliche Menschen oder Rassisten sind. Natürlich ist es recht wahrscheinlich, dass viele Befragte wirklich keine Vorurteile haben. Sie sind in ihrer Reaktion völlig aufrichtig. Der eine oder andere macht sich vielleicht ganz und gar keine Gedanken darüber, wie oft er mit Vertretern anderer Nationalitäten kommuniziert. Für sie sind dies einfach Menschen, angenehme oder nicht sehr. Aber den realen Prozentsatz solcher Befragten zu bestimmen, ist recht schwierig. Dafür wird eine tiefgründigere Untersuchung gebraucht, der Versuch, sich richtig eine Vorstellung zu verschaffen und nicht einfach zu zeigen, dass „alles gut“ sei.

Taucht man in dieses Thema ein, kann man nicht wenige Stolpersteine entdecken. Die Ausländerfeindlichkeit und nationale Intoleranz haben Nuancen. Der Mensch kann sich beispielsweise daran erinnern, während er mit dem Mitarbeiter aus dem VTsIOM spricht und sich so gut wie möglich zeigen möchte, dass er einen guten Freund hat, einen Tataren. Oder einen Baschkiren oder einen Armenier. Dabei kann er sich im Alltagsleben intolerant beispielsweise gegenüber Migranten aus Mittelasien verhalten, wünschen, dass „sie weniger wären“, und die Zunahme der Kriminalität mit dem ethnischen Faktor in Verbindung bringen. Kann man da sagen, dass „dies etwas anderes“ sei? Dass sich im Falle der Haltung zu den Migranten die Menschen nicht von nationalen Vorurteilen, Stereotypen und Ängsten leiten lassen, sondern von Erwägungen der Gesetzlichkeit? Dem ist so, aber bei Weitem nicht immer. Oft rationalisieren die Menschen die Basisabneigung, bemühen sich, ihr ein nettes, ein normale Aussehen zu verleihen. Und eine oberflächliche Meinungserhebung erlaubt nicht, diese gedanklichen Mechanismen auszumachen.

Die Politiker in Russland, die bestrebt sind, zumindest irgendeine Methode zu finden, um das Partei-Rating anzuheben, spielen nicht selten, darunter in den letzten ein, zwei Jahren die Migrationskarte aus. Sie versuchen, gerade die Mechanismen der instinktiven Antipathie gegenüber Fremden zu aktualisieren. In einem Land, das die Soziologen schön darstellen, würde dies nicht funktionieren. Und man würde es auch gar nicht ausprobieren. Allerdings hatte es in unserer Geschichte bereits schön gemalte Bilder von einer starken Freundschaft der Völker der UdSSR gegeben, die die reale zwischennationale Antipathie verschleierten. Die Politiker hatten bei Auseinanderbrechen der Sowjetunion keine großen Anstrengungen gebraucht, um Mechanismen einer Ausländerfeindlichkeit in Gang zu setzen. Die Folgen sind auch heute zu spüren.

P. S.

Schaut man sich die Arbeit des russischen Unterhauses und generell die Gesetzgebung Russlands in Bezug auf Ausländer der letzten Jahren an, entsteht der Eindruck, dass man nicht immer über deren Anwesenheit im Land erfreut ist. Dementsprechend werden immer neue Hürden errichtet, um das Leben von Ausländern, vor allem von Gastarbeitern, zu erschweren und massiv zu kontrollieren. Und all dies mit der Begründung: Die Sicherheit des Landes und dessen Bürger haben Vorrang. Die Reaktion auf solch eine Entwicklung machen Zahlen deutlich, die beispielsweise Staatsduma-Chef Wjatscheslaw Wolodin am 6. Mai präsentierte. „Über 8000 zeitweilige Aufenthaltsgenehmigungen sind im Zeitraum Januar-März 2026 annulliert worden. Dies sind 90 Prozent mehr als im analogen Zeitraum des Jahres 2025. Außerdem hat sich die Zahl der erteilten zeitweiligen Aufenthaltsgenehmigungen um 27,5 Prozent und die der Aufenthaltserlaubnisse um 27,8 Prozent verringert. Insgesamt sind im ersten Quartal 2026 um 15 Prozent weniger Migranten in unser Land eingereist“, schrieb Wolodin in seinem MAX-Kanal.