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In Georgien hat sich der Kampf um den Patriarchenthron zugespitzt


Die Führung der Georgischen orthodoxen Kirche wird am 11. Mai (ab 9.00 Uhr MESZ in der Patriarchen-Kathedrale zur Dreifaltigkeit in Tbilissi – Anmerkung der Redaktion) ihren neuen, den 142. Patriarchen wählen. Dabei ist es am Vorabend der Abstimmung unter dem höchsten Klerus zu einem Skandal gekommen. Erzbischof Zenoni (Iaradshuli) von Dmanisi und Agarak-Tashir ist offen gegen die Wahl von Erzbischof Shio (Mujiri) – des Favoriten für das Patriarchenamt – aufgetreten. Nach seinen Worten sei der Geistliche, der seit 2017 das Amt des Verwalters des Patriarchenthron einnimmt, für die Kirche gefährlich.

In einem Interview für den oppositionellen Fernsehkanal Pirvely erzählte Zenoni, dass er sich von der Verdorbenheit Shios erstmals überzeugt hätte, als man ihn zum Chorbischof (Vikarbischof) des Patriarch gemacht hatte. „Ihn hatte man dank der Tätigkeit des ehrwürdigen Dimitrij, des Neffen des Patriarch, ernannt. Später entwickelten sich die Ereignisse auf solch eine Art und Weise, dass dieser Mann mir ein Nichtvorhandensein gerechter Überzeugungen in vielen Fragen demonstrierte- Ich hatte nicht vor, über diese Probleme zu sprechen, bis ich erfuhr, dass gegen andere Kandidaten für das Patriarchenamt Internet-Trolls arbeiten und eine Erpressung erfolgt“, teilte Zenoni mit.

Außerdem erinnerte er sich, wie ihn Patriarch Ilia II. im Jahr 2002 zu sich bestellt hatte, um einen Brief von Georgiens Präsident Eduard Schewardnadse zu zeigen. „Schewardnadse unterschreibt ihn, doch dies tut irgendein anderer. Wie bekannt wurde – Pjotr Mamradse (er war der Chef der Administration des Präsidenten gewesen – „NG“) und Wassilij Kobachidse (er war Stellvertreter des Leiters der Präsidialadministration – „NG“). Der Präsident sagt ihm, dass er Zenoni zum Chorbischof des Patriarchen ernannt hätte… Dieser Brief trug einen sehr vagen Charakter. Er war ein Versuch, Zwietracht unter den obersten Hierarchen zu säen. Anders gesagt: Bischof Shio war überhaupt keine aktive Figur. Er fing an, nach dem Zyanid-Zwischenfall aktiv zu agieren (gemeint ist der angebliche Versuch einer Vergiftung von Ilia II. im Jahr 2017 – „NG“)… Wir sind gemeinsam zu diesem Bischofsrang gekommen. Er hatte keinerlei Aktivität an den Tag gelegt und wich ihr manchmal aus… Es gab die direkte Forderung der Regierung, dass Bischof Schio zum Patriarchen wird“, sagte der Erzbischof.

Wie aus den angeführten Zitaten zu erkennen ist, war die Erzählung von Zenoni eine wirre. Er übersprang Jahre und vermied auch jegliche Konkretheit. Aber er wollte sehr das Publikum des Fernsehkanals davon überzeugen, dass Shio es nicht würdig sei, Patriarch zu sein. Bemerkenswert ist, dass Zenoni durch den Metropoliten von Tschiatura und Satschchere Daniil (Datuashvili), der in jenen Jahren der Bischof von Suchumi und Abchasien gewesen war. zum Mönchen geweiht worden war, der (Daniil) auch zu einem Kandidaten für das Amt des Patriarchen hätte werden können, wenn es nicht die Altersbegrenzung gegeben hätte. Der Höhepunkt der Kirchenkarriere von Zenoni fiel auf die Jahre 2009 bis 2022, als er die Diözese von Großbritannien und Irland der Georgischen orthodoxen Kirche leitete. In dieser Rolle zeichnete er sich durch eine Unterstützung für die Ukraine und eine Kritik Russlands aus.

Wie der von Zenoni erwähnte Pjotr Mamradse der „NG“ erzählte, leide der Erzbischof oft unter einem Ansturm von Emotionen während seiner öffentlichen Auftritte. Im Zusammenhang damit komme es vor, dass schwer zu verstehen sei, was gerade der Geistliche sagen wolle und weshalb er zu solchen Schlussfolgerungen gekommen ist.

„Was den Schewardnadse-Brief angeht, so ist dies reiner Unsinn. Erstens habe ich keine Unterschrift des Präsidenten Georgiens gefälscht. Zweitens hat er nie Ilia II. um irgendwelche Ernennungen – weder direkt noch indirekt – gebeten. Es hatte nicht einmal Andeutungen gegeben. Umso mehr konnte dies nicht in einem Brief getan werden. Seinerseits hatte Ilia II. nie Schewardnadse Kandidaten als Regierungsmitglieder aufgezwungen. Dabei waren die Kontakte zwischen ihnen recht häufige gewesen. Es sei daran erinnert, dass der Patriarch Schewardnadse taufte, nachdem der wie durch ein Wunder während des Falls von Suchumi 1993 überlebt hatte. Außerdem hatte uns Ilia II. zu Weihnachten, Ostern und zu anderen Feiertagen eingeladen. Gleichfalls war auf Initiative des Patriarchen der 12. Mai, der Tag des Andreas des Erstberufenen bzw. Sankt-Andreas-Tag, zu einem offiziellen Feiertag geworden. Zwischen der Georgischen orthodoxen Kirche und dem Staat war ein Konkordat abgeschlossen worden, das den besonderen Status der Kirche in Georgien verankerte“, berichtete Mamradse.

Wie dem nun auch immer gewesen sein mag, Metropolit Sawa (Gigiberia) von Choni und Samtredia hat die Vertreter der höchsten Kirchenführung aufgefordert, sich nicht zu streiten. „Wir sind Menschen. Und wir haben bestimmte subjektive Ansichten in Bezug aufeinander und zu bestimmten Ereignissen. Jedoch müssen wir mitunter diese Subjektivität vermeiden. Wir müssen uns über sie erheben, wenn es um den Willen Gottes geht“, unterstrich Sawa

Aber das Mitglied der Partei „Georgischer Traum“ und Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Bildung und Wissenschaft Mariam Laschkhi  fing nicht an, an sich zu halten. Sie entschied, Zenoni der „Vereinten Nationalen Bewegung“ (der Partei von Michail Saakashvili – „NG“) gleichzustellen, wobei sie ihn einer Heuchlerei und eines Angriffs auf die Kirche bezichtigte. „Wir erinnern uns hinsichtlich der „Nationalen Bewegung“, dass sie die Kirche nicht nur verbal, sondern auch physisch angegriffen hatten. Sie haben kein moralisches Recht, irgendwelche Kommentare abzugeben. Aber wenn sie dies tun werden, so werden sie sich in erster Linie selbst schaden, denn die Gesellschaft hat ein weiteres Mal klar gezeigt, wer ein Ansehen hat, wer die nationale Identität bewahrte… Ich rufe keinen auf, sich nicht in den Prozess der Wahl des Patriarchen einzumischen, obgleich eine beleidigende Erklärung vor allem den Autoren und nicht der Kirche schaden wird“, betonte Laschkhi.

Allerdings ist Zenoni nicht der einzige Kritiker Shios. In einem Interview für den bereits erwähnten TV-Sender Pirvely berichtete der Politologe Archil Gamzardia, dass der Verwalter des Patriarchenthrons eine großangelegte Kampagne zur Diskreditierung der anderen Kandidaten entfaltet hätte. Dabei hätten sich die Opponenten als unvorbereitete gegenüber solch einem Druck erwiesen. „Alle, die irgendwem außer Shio Vertrauen bekunden konnten, wurden durch ihn erniedrigt. Sicherlich begreifen diese Menschen jetzt, dass die Kritiker des Statthalters recht hatten. Es ist aber schon zu spät“, sagte Gamzardia.