In Tbilissi wählte man den 142. Patriarchen von Ganz Georgien. Zu ihm wurde Metropolit Shio (Mujiri) – von nun an ist er der Katholikos-Patriarch Schio III. Die Inthronisierung des neugewählten Oberhaupts der Georgischen orthodoxen Kirche erfolgte am 12. Mai in der alten Swetizchoweli-Kathedrale in der Stadt Mzcheta.
Der Wahl war eine aktive Kampagne in den Medien und der Gesellschaft vorausgegangen, die gegen Shio als einen „russischen Schützling“ und eine „Kreatur der Russischen orthodoxen Kirche“ gerichtet war. Die Anwesenheit des russischen Geschäftsmannes georgischer Herkunft Levan Vazadse im Saal für die Abstimmung, auf das Radio Tbilissi die Aufmerksamkeit gelenkt hatte, veranlasste bereits im Verlauf der Stimmenauszählung viele Beobachter, von einem beinahe unverhohlenen „Lobbyieren“ der Figur Shios aus Russland zu sprechen und davon, dass dies insgesamt eher das Leben dem neuen Patriarchen erschweren, denn erleichtern werde. Die Sache ist die, dass die Herangehensweisen, die in großen atomisierten Gemeinschaften in der Art der Russischen orthodoxen Kirche mit deren 500 Bischöfen und der 147 Millionen Menschen zählenden russischen Gesellschaft funktionieren, nicht vollkommen in Bezug auf die kleinen kaukasischen Völker und kleinen Kirchen in der Art der Georgischen orthodoxen Kirche, in der es nur ganze 39 Erzbischöfe gibt, anwendbar sind. Ein Sieg allein bei den Wahlen ist hier wenig. Notwendig ist eine Akzeptanz des Kandidaten durch die Gesellschaft und die Eliten. Und dies ist eine gesonderte aufwendige Arbeit.
Die 22 Stimmen der Mitglieder des Hl. Synods von 39, die Shio letztlich erhielt, bedeuten eine Mehrheit. Dennoch hat etwas weniger als die Hälfte der Erzbischöfe die Kandidatur von Shio nicht unterstützt. Es ist klar, dass jetzt sowohl der neue Katholikos an sich als auch jene, die gegen ihn gestimmt haben, eine gemeinsame Sprache finden müssen. Die Interessiertheit ist eine gegenseitige: Shio wird gezwungen sein, eine Form zu finden, um Patriotismus und eine Ergebenheit gegenüber den Interessen der Georgischen Kirche zu demonstrieren. Und die Oppositionellen – die Bereitschaft, in einem Team zwecks Vermeidung des Risikos, „nicht die Kurve zu bekommen“, zu arbeiten. Die Perspektive einer Spaltung inspiriert laut Quellen der Autorin in der Georgischen Patriarchie niemanden in der Georgischen orthodoxen Kirche: Die „Aktien“ der Kirche sind auch so wesentlich nach dem Ableben von Ilia II. „eingebrochen“. Und eine soziale Basis wird nur eine geeinte Kirche haben. Somit ist Patriarch Shio III. dazu verdammt, Kompromisse zu suchen und seine Treue hinsichtlich der georgischen nationalen Idee zu beweisen. Und die Anhänger des Patriarchats von Konstantinopel und die progeorgische Partei sind zu einer Abschwächung der Rhetorik und zu einer Tabuisierung solcher Themen wie eine offene Kritik des Patriarchen von Moskau und Ganz Russland Kirill und die Anerkennung der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) verurteilt.
In Georgien hat keine der politischen bedeutsamen Figuren öffentlich die Wahl der Mitglieder des Hl. Synods verurteilt. Das ganze Geschimpfe ist in den Grenzen der sozialen Netzwerke geblieben. Die Trägheit der Ilia-Ära wirkt noch. Und jeglicher direkte Auftritt gegen den Patriarchen bedeutet ein sofortiges Ende der politischen Karriere. Daher sind alle „Verlierer“ — das heißt jene, die offenkundig den Sieg eines anderen Kandidaten erwartet hatten – delikat aufgetreten: Sie haben operativ Shio zur Wahl gratuliert, aber zur gleichen Zeit eine sehr hohe Messlatte skizziert, der nach ihren Worten der neue Patriarch unbedingt entsprechen wird (wobei buchstäblich der Umstand angedeutet wird, dass Shio all dies kaum „hinbekommen wird“, sie ihm aber dennoch die Chance geben, „sich zu rechtfertigen“).
So hatte der Kandidat des „Volkes“, der in der Gesellschaft populärste, aber nicht zur Wahl aufgrund des Nichtvorhandenseins eines Diploms über eine theologische Ausbildung zugelassene Metropolit von Zchinwali und Nikosi Isaia (Chanturia) beim Herauskommen aus der Kathedrale zur Heiligen Dreifaltigkeit gegenüber Journalisten erklärt: Er glaube, dass zur Hauptpriorität für Shio die „Sorge um Georgien“ werde und dass in solch einem Fall der Patriarch „in dieser Angelegenheit nicht allen sein wird“ und der „Hl. Synod ihm helfen wird“. Ex-Präsidentin Salomé Zurabishvili bekundete ihrerseits die Hoffnung, dass sich der Katholikos unbedingt für die „Gefangenen aus Gewissensgründen“, das heißt für die politischen Gefangenen, einsetzen werde. Der ehemalige Sekretär des Sicherheitsrates und einer der Anführer der oppositionellen Vereinten Nationalen Bewegung Giga Bokeria erklärte, dass das Erbe des neuen Patriarchen gemäß dem bewertet wird, was für einen Weg er wählen wird: „Wird er die grundlegenden christlichen Werte – die persönliche Würde, Freiheit und Verantwortungsgefühl, die Oberhoheit des Gesetzes und Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, die Unabhängigkeit der Kirche von jeglichen Herrschenden und die Unverletzlichkeit der Kirchenregeln – unterstützen oder im Gegenteil den Feinden Georgiens erlauben, den Namen der orthodoxen Kirche für ein Vorgehen gegen die Bürgerfreiheiten, für ein Losreißen Georgiens von der westlichen Zivilisation, für eine Schwächung des georgischen Staates… auszunutzen“. Der sich in Haft befindliche Ex-Präsident Michail Saakashvili bekundete die Hoffnung, dass Patriarch Shio III. „so nah wie möglich dem einfachen Volk und so weit wie möglich von dessen Unterdrückern entfernt sein“ und Maßnahmen zur „Ausrottung des russischen Einflusses“ in Georgien ergreifen wird.
Was Shio mit all diesen Erwartungen (und genauer gesagt, den hastig ausgestellten Rechnungen) tun wird, ist nicht ganz klar. Es besteht die Meinung, dass sich der neue Katholikos praktisch sofort in einer gewissen Art von politischen und gesellschaftlichen Isolation erweisen wird. Formell wird kaum irgendwer gegen den Patriarchen auftreten, in der Praxis aber wird es jene Pietät gegenüber der Person des Oberhauptes der Kirche, wie dies in der Epoche von Ilia II. gewesen war, schon nicht mehr geben. Und ein erheblicher Teil der Energie von Shio III. wird in den nächsten Jahren für ein Durchbrechen dieser Mauer wenn nicht eines Protests, so eines Ignorierens verwendet werden.
Von Patriarch Shio irgendeine besondere „moskaunahe Politik“ zu erwarten, wird kaum Sinn machen, da sich der Katholikos von Anfang an in einer Lage befindet, in der jedes seiner Worte gegen ihn verwendet werden kann. Und er ist von Anfang an gezwungen, sich nicht an den fernen Freunden aus der Russischen orthodoxen Kirche, sondern am eigenen Klerus und an der eigenen politischen Klasse, die heute extrem negativ gegenüber Moskau eingestellt sind (die Herrschenden etwas weniger, die Opposition etwas mehr) zu orientieren. Derart ist insgesamt die gegenwärtige Logik der Entwicklung der Orthodoxie im postsowjetischen Raum. Und es wäre seltsam, der Annahme zu sein, dass das Oberhaupt der unabhängigen Georgischen Kirche der Führung des Moskauer Patriarchats mehr Gehör schenken wird als beispielsweise das Oberhaupt der Rigaer Eparchie der Russischen orthodoxen Kirche (der seit dem Jahr 2022 ohne jegliche Rücksicht auf das „Zentrum“ agiert).
Die realen Beziehungen der Georgischen orthodoxen Kirche und der Russischen orthodoxen Kirche werden sich durch die Ergebnisse der Wahl kaum verbessern, denn sie werden durch objektive Unterschiede in der Optik der beiden Kirchen belastet. Für die auf ein globales Dominieren in der weltweiten Orthodoxie ausgerichtete Russische orthodoxe Kirche sind die Agenda „Moskau-Konstantinopel“ und die Tatsache einer Nichtanerkennung der OKU seitens Tbilissis das zentrale. Das übrigen sind Nuancen. Für die Georgische Patriarchie ist die Ukraine-Frage praktisch nicht aktuell. Für sie ist die Situation hinsichtlich des Status der durch sie verlorenen Eparchien auf dem Territorium Abchasiens und Südossetiens (der Regio n Zchinwali) prinzipiell wichtig, da die „Wiederherstellung der territorialen Integrität Georgiens“ die einzige Konsens-Idee der georgischen Gesellschaft ist, gegen die nicht ein Katholikos auftreten wird. Dabei sind die formale Anerkennung dieser Territorien als Teile der Georgischen Kirche in den Augen Moskaus ein großer entgegenkommender Schritt und beinahe ein Heroismus der Russischen orthodoxen Kirche, denn der russische Staat hat diese Republiken schon lange als unabhängige anerkannt. Ja, und aus der Sicht der Kirchenkanons ist dies ein Gehen auf des Messers Schneide, denn Abchasien war der Georgischen Kirche unter Stalin 1943 „geschenkt“ worden. Und eine Bestätigung des „Geschenks“ durch einen Konzilsbeschluss ist nicht erfolgt. Im Interesse der Beziehungen mit Tbilissi war es lange Jahre einfach nicht üblich gewesen, diese Tatsache zu akzentuieren.
Für die Georgische orthodoxe Kirche sieht dies alles jedoch wie eine Heuchelei aus, da sie erstens der Auffassung ist, dass ihre Grenzen, die sich mit den Grenzen der Georgischen SSR decken, alte und unverrückbare seien. Und zweitens wird für die Georgische Patriarchie ihr Recht auf diese Territorien nur dann realisiert werden, wenn der georgische Klerus dort die Liturgie in georgischer Sprache zelebrieren wird (was in der aktuellen Situation nicht real ist).
Die Russische orthodoxe Kirche ist dabei der Annahme, dass sie ein Maximum unternehme, indem sie in Suchumi und Zchinwali keine Bischöfe einsetzt und die Autokephalie der Abchasischen Kirche nicht anerkennt. Die Georgische orthodoxe Kirche aber, dass dies ein unverzeihliches Minimum sei. Dabei scheint die Russische orthodoxe Kirche überhaupt keine neuen Eparchien im Kaukasus zu brauchen. (Wie einer meiner Gesprächspartner in der Moskauer Patriarchie anmerkte: „Ja, denken Sie ernsthaft, dass uns die Eparchien oder Territorien nicht ausreichen?“) Aber für die Georgische orthodoxe Kirche seien diese Eparchien, wie meine Gesprächspartner in Tbilissi erklären, eine „existenzielle Frage“ und eine „blutende Wunde“. Ein offener Dialog zu allen ausgewiesenen Fragen wird wie auch in den 1990er Jahren nicht geführt. Und es kann nicht erwartet werden, dass sich ein Konsens hinsichtlich der abchasischen und der südossetischen Frage aus der Luft ergeben wird. Es wird eher um eine Zunahme der Kluft in den Beziehungen gehen.