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Das „liberale Paradigma“ stört nicht Elon Musk


Der Philosoph Alexander Dugin, dessen Gedanken in den letzten Jahren immer häufiger wohlwollend aufgenommen werden, darunter in den Arbeitszimmern der hohen Führung, hat sich zum Thema eines Sieges im Konflikt mit Kiew und der Notwendigkeit einer neuen Mobilmachung geäußert. In seinem Telegram-Kanal hat er die Überlegungen eines der (russischen) Militärblogger aufs Neue gepostet, der unter anderem geschrieben hatte, dass „man bereits den ersten menschenähnlichen Roboter in die Ukraine für die Führung von Kampfhandlungen geliefert hat“ (siehe auch https://ngdeutschland.de/das-pentagon-beabsichtigt-in-der-ukraine-humanoide-roboter-zu-testen/). Dugin, der dies kommentierte, erklärte, dass „wir den Moment für eine Mobilmachung verpasst haben. Dies alles musste man im Jahr 2014 tun, oder zumindest im Jahr 2022“. „Wir hinken der Logik der Zeit, den Rhythmen der Geschichte hinterher“, meint der Philosoph. „Die liberalen Paradigmen und die Komprador-Eliten blockieren unsere Entwicklung. Vor allem im Bereich der Gedanken und Ideen sowie des Selbstbewusstseins“.

Technologien werden nicht in einem luftleeren Raum entwickelt“, fährt Dugin fort. „Sie sind eine kulturelle und soziale Erscheinung. Sie sind das Wesen für die Artikulation der Epistemologie (die philosophische Erkenntnistheorie, die klärt, was wahres Wissen von bloßer Vermutung unterscheidet, wie wir Erkenntnisse erlangen und ob wir die Welt objektiv begreifen können – Anmerkung der Redaktion). Solange wir solche philosophischen Institute und humanitären Strukturen haben wie derzeit, wird sich nichts von der Stelle weg bewegen. Dies ist eine vollständige Sackgassen-Situation. Es explodiert das russische Selbstbewusstsein. Es explodieren die Technologien (im Sinne einer Entwicklung – Anmerkung der Redaktion). Und überhaupt brauchen wir eine stalinsche Einberufung und eine drastische, bereits eine einfache revolutionäre Rotation der Eliten. Je länger wir damit bummeln, wobei auf ein inerter Szenario gehofft wird oder darauf, dass sich alles von selbst regelt, desto mehr verschlimmert sich die Situation“. Dugin hält es für wichtig einzugestehen, dass „es in der Gesellschaft eine Lähmung des Denkens gibt. Aber der „Sprung nach vorn muss ein systematischer sein“. Er können nicht „getrennt von der Technologie“ erfolgen.

Der Gedanke ist im Großen und Ganzen simpel, mag auch das Wort „Epistemologie“ ihm eine Nuance von Kompliziertheit verleihen. Lange Zeit war selbst bereits im von Alexander Dugin erwähnten Jahr 2014 in Russland die Rede von einem Braindrain. Begabte Wissenschaftler und Erfinder hatten es vorgezogen, in den Westen zu gehen, besonders in die USA, um Zugang zu modernen Technologien und Labors zu erhalten, keinem Druck der Bürokratie ausgesetzt zu werden sowie um nicht die Trägheit der veralteten wissenschaftlichen Institute zu überwinden. Dort kamen sie dem „liberalen Paradigma“ noch näher, aber sie waren schöpferisch tätig und verdienten Geld. In der kurzen Zeitspanne des Innovationstauwetters wollte man es in Russland gern, „genauso wie dort“ machen, Bedingungen schaffen, damit die ausgereisten klugen Köpfe eine Rückkehr beginnen können. Es ging nicht um eine Rotation oder eine Säuberung der Elite, sondern eher um ein Sammeln von Kadern. Wenn man dem Gedanken von Dugin folgt, so müsse man sich überhaupt nicht um die Ausgereisten sorgen oder irgendwen zurückholen.

Interessant ist, dass eben jenes „liberale Paradigma“ aus irgendeinem Grunde nicht stört, neue Technologien im Westen zu schaffen. Elon Musk und die anderen werden irgendwie damit fertig. Niemand in Russland inklusive auch eben jener Philosoph Dugin bezweifelt scheinbar nicht die Qualität der westlichen Technologien. Und ein Sprung nach vorn wird gebraucht, wenn es ein Hinterherhinken gibt. Einige Abgeordnete können natürlich erklären, dass die chinesischen Smartphones zuverlässiger als die amerikanischen seien. Sie haben dabei aber im Blick, dass der Feind in solche Smartphones seine Chips integriert, und nicht das, dass China die USA überholt hat. Allerdings denken in China an sich alle inklusive der höchsten Führung nicht in den Kategorien des Erfindens des Fahrrads, sondern in Kategorien eines Wettrennens, eines Wettbewerbs. Sie behindern die „Paradigmen“ nicht. Sie sind bereit zu gewinnen, wobei entsprechend diesen Regeln gespielt wird.

Wahrscheinlich sind das Wichtigste in der Aussage von Alexander Dugin die Worte über die philosophischen Institute und humanitären Strukturen. Technologien schaffen „Techniker“. Die Hirne richten bereits die Geisteswissenschaftler ein. Sind aber die Geisteswissenschaften in Russland in den richtigen Händen? Ist möglicherweise die Zeit gekommen, sie in richtige Hände zu geben? Und nicht in vereinzelten Universitäten, sondern überall? Gerade so sieht scheinbar auch eben jene Rotation der Eliten aus, über die der Philosoph schreibt. Eine Rotation und Säuberung in einem völlig konkreten, extra herausgegriffenen Bereich, wo augenscheinlich gerade auch eben jenes schädliche „Paradigma“ stark ist.

Dugin schlägt einen Bürgern Russlands vor, die anderen zu säubern. Bedeutet dies, dass diejenigen, die die Ärmel für ein Ausmerzen des liberalen Paradigmas hochkrempeln, schon einen Sprung nach vorn auf dem Gebiet des Selbstbewusstseins taten und das Wesen der Epistemologie verkörpern? Unter Führung von Dugin? Oder ruft er die einen geistlosen Bürger Russlands auf, die anderen, genauso geistlosen zu vernichten? Wenn dem so ist, so ist dies banal für unsere Breiten. Dies haben wir bereits vor relativ kurzer Zeit durchgemacht. Im Rahmen des stalinschen Aufrufs liquidierte man beispielsweise die Kulaken als eine Klasse. Laut einer offiziellen Statistik wurden der Liquidierung dieser Klasse während der Kollektivierung 15 Millionen Menschen ausgesetzt, vor allem Russen und orthodoxe Christen, die eigentlich doch geistige sind. Vielen von ihnen wurde nicht nur der Klassenzugehörigkeit, sondern auch das Leben genommen. Und was kam dabei heraus? Was für epistemologische Höhen erreichte das Land auf dem Gebiet der Landwirtschaft? Was für bahnbrechende Leistungen? Ja, und Dugin selbst, durch was ist er so wertvoll für einen technologischen Sprung nach vorn? Schließlich ist er vollkommen bar eines liberalen Paradigmas! Und ein Nutzen durch ihn hinsichtlich von Innovationen ist nicht auszumachen. Vergebens kaut er (sein) Brot. Möchte vielleicht irgendwer auch ihn angesichts der offensichtlichen Nutzlosigkeit des Existierens für die Ziele eines technologischen Durchbruchs säubern? Wie soll er, so ein Nichtkomprador, in der Säuberungsabteilung seine Spiritualität beweisen? Wie soll er sie vorweisen? Spiritualität ist keine selbsternannte Sache. In bzw. bei einer Person wächst sie nicht wie ein Bart…