Das Jahr 2026 ist das schwerste in der ganzen Geschichte des sozialistischen Kubas. Laut einer Prognose der UNO-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und das Karibik-Becken, die jüngst vorgelegt wurde, werde der voraussichtliche Rückgang des BIP Kubas 6,5 Prozent ausmachen. Das Land erweist sich damit in der Dreiergruppe der Erfolglosen mit einem negativen BIP-Wachstum (Haiti minus 1,4 Prozent, Jamaika minus ein Prozent), obgleich Lateinamerika im Durchschnitt um 2,2 Prozent im laufenden Jahr wachsen werde.
Der Rückgang des Wachstums des BIP ist für Kuba zu einer stabilen Tendenz der letzten Jahre geworden. Ab 2021 bis einschließlich 2025 hat es sich insgesamt um 15 Prozent verringert. Leider hat das Reformieren des kubanischen Wirtschaftsmodells mit seiner staatlichen Kontrolle der entscheidenden Wirtschaftssektoren, der planmäßigen Regulierung und dem Bestreben, einen privaten Sektor zu entwickeln, diese negative Tendenz nicht zu stoppen vermocht. Ausgewirkt haben sich sowohl die (COVID-) Pandemie als auch die Verringerung des Zugangs zu ausländischen Finanzierungsquellen. Und da hat auch noch das Jahr 2026 mit der Entführung von Nicolás Maduro, der Brennstoff-Blockade und der Androhung eines militärischen Einmarschs begonnen.
Natürlich, Kuba muss sich nicht erst an Stress-Situationen gewöhnen. Allein was die „Período Especial en Tiempo de Paz“ (deutsch: „besondere Periode in Friedenszeiten“, 1991-2000) verursacht hatte. In den ersten drei Jahren jener Zeit, als sich die Wirtschaft Kubas an die Folgen des äußeren Schocks aufgrund des Auseinanderbrechens der Sowjetunion anpassen musste, hatte der Rückgang des BIP sage und schreibe 36 Prozent ausgemacht. Aber Anfang der 90er Jahre hatte es keine so zermürbende Brennstoff-Blockade wie heute gegeben. Es hatte keine solche offene Androhung eines militärischen Einmarschs seitens der USA gegeben. Und es hatte keinen so allen und allem Angst machenden Druck auf die Unternehmen, die mit Kuba arbeiten, gegeben.
Ja, der Import Kubas aus der Sowjetunion war damals von 8,1 Milliarden Dollar im Jahr 1989 bis auf 0,5 Milliarden Dollar im Jahr 1994 eingebrochen. Ja, und der Umfang der sowjetischen Erdöllieferungen verringerte sich von 13 Millionen Tonnen bis auf drei Millionen Tonnen, was sowohl die kubanische Landwirtschaft als auch die kubanische Industrie geschockt hatte. Und auch der Rückgang des BIP Kubas machte 1993 den historischen Wert von 14,9 Prozent aus. Aber bei alle dem hatte es keine solchen harten äußeren Restriktionen gegeben, die heute bestehen und die mit jedem Monat immer mehr und mehr zu erwürgenden werden – sowohl für die Wirtschaft Kubas als auch dessen Menschen.
Fidel Castro war es gelungen, bis Mitte der 90er Jahre die Situation zu korrigieren. Und 1996 demonstrierte Kuba bereits ein Wachstum des BIP von 7,84 Prozent. Und danach vermochten die Kubaner die Lage zu stabilisieren, indem sie einen neuen Verbündeten und Brennstofflieferanten in Gestalt von Venezuela gefunden hatten. Im Jahr 2006 machte das Wachstum des BIP Kubas bereits den Rekordwert von 12,1 Prozent aus. Etwa 15 Jahre lang hatte Kuba gebraucht, um aus der Krise herauszukommen.
Was ist jetzt aber der Fall? Die gegenwärtigen Einschätzungen der UNO-Experten, die einen Rückgang der kubanischen Wirtschaft im Jahr 2026 um 6,5 Prozent voraussagen, erscheinen als recht optimistische. Es ist sogar etwas merkwürdig, solch eine Schätzung zu sehen. Denn derzeit braucht Kuba zumindest 110.000 Barrel Erdöl am Tag, wobei die eigene Erdölförderung rund 30.000 Barrel ausmacht. Folglich stehen mindestens 60 Prozent der Wirtschaft still, einfach weil es keine Brenn- und Kraftstoffe gibt. Kubas Energieminister hatte es auch so direkt gesagt: „Uns sind überhaupt kein Diesel und Schweröl geblieben“. Der russische Tanker „Anatolij Kolodkin“ hatte am 31. März 730.000 Barrel Rohöl nach Kuba gebracht und die Situation ein wenig erleichtert. Aber acht solcher Tanker werden im Monat für ein normales Funktionieren der Wirtschaft des Landes gebraucht. Dabei werden 95 Prozent der Stromerzeugung auf Kuba durch Wärmekraftwerke gewährleistet, die veraltet sind und bereits auf jegliche Art und Weise instandgesetzt und bis zum Gehtnichtmehr geflickt worden sind, wie im übrigen auch die übrige Energie-Infrastruktur. Derzeit gelingt es Kuba, weniger als 1000 Megawatt Strom bei einem Bedarf von 2500 Megawatt am Tag zu erzeugen. Selbst in Havanna gibt es 20 bis 22 Stunden am Tag keinen Strom. Es hatte bisher zwei schwere Lockdowns des nationalen Energiesystems gegeben.
Es gibt kein Kerosin – folglich gibt es keine Flüge. Die russischen und kanadischen Fluggesellschaften haben die Kuba-Flüge eingestellt. Und die Touristen gerade aus diesen Ländern hatten die Mehrheit der Gäste Kubas ausgemacht. Es gibt keinen Strom, folglich geht der Dienstleistungsbereich ein. Der Dienstleistungsbereich spielt in der Wirtschaft Kubas die Schlüsselrolle. Auf ihnen entfallen 70 bis 75 Prozent des BIP des Landes. Die Anzahl der Touristen hatte sich im Februar dieses Jahres um 56,6 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres verringert. Solche globalen Hotelketten wie die spanischen Melia und Iberostar und die kanadische Kette Blue Diamond reduzieren wesentlich ihre Tätigkeit auf Kuba.
Der Anteil der Bergbauindustrie am BIP Kubas macht rund zehn Prozent aus. Das kanaidsche Unternehmen Sherritt International Corp., das sich gemeinsam mit dem kubanischen Unternehmen Moa Nickel S. A. mit der Gewinnung von Nickel und Kobalt auf Kuba befasst, hat ein Aussetzen der direkten Beteiligung an der Arbeit des Gemeinschaftsunternehmens aufgrund der Angst vor amerikanischen Sanktionen bekanntgegeben. Der Nickel-Expert brach um etwa 88 Prozent ein (geblieben ist ein Neuntel). Das US-Finanzministerium setzte das Unternehmen Moa Nickel S. A. auf die SDN Black List. Auf diese Liste kam auch das größte Business-Konglomerat Kubas, das Unternehmen GAESA S. A. Dieses Multi-Unternehmen gehört den Revolutionänren Streitkräften Kubas und wird durch diese verwaltet und kontrolliert bis zu 40 Prozent der Wirtschaft Kubas.
Internationale medizinische Dienstleistungen sind ein überaus wichtiger Exportartikel Kubas, die bis zu 40 Prozent des Landesexports und etwa zehn Prozent des BIP brachten. Und auch hier gab es einen Schlag sozusagen unter die Gürtellinie. US-Außenminister Marco Rubio setzt sich aktiv für die Idee eines Verbots der Kubanischen medizinischen Mission ein, die dem Motto Castros folgte: „Ärzte und keine Bomben für jegliches Land der Welt“. Von den 34 Ländern, wo kubanische Mediziner-Teams zu Beginn dieses Jahres gearbeitet hatten, haben sich mehr als die Hälfte beeilt, die Zusammenarbeit mit Havanna abzubrechen.
Selbst solch eine gekürzte Auflistung der überaus ernsthaften Probleme, die Kuba im Jahr 2026 ereilten, verweist darauf, dass der Rückgang des BIP bei weitem keine vorausgesagten 6,5 Prozent ausmachen wird. Sondern wenn nicht ganz und gar 65 Prozent.
Und dennoch besteht das Phänomen des Verwaltungssystems von Kuba darin, dass es fast alle 70 Jahre lang mit einem Blick auf die Gefahr seitens des (großen) Nachbarn errichtet werden musste. Die Sanktionen, das Handelsembargo, der politische Druck – dies sind ständige Variablen in der Gleichung der kubanischen Volkswirtschaft. Mit dem Machtantritt von Raúl Castro im Jahr 2007 (der am Mittwoch seinen 95. Geburtstag beging – Anmerkung der Redaktion) wurden im Land verschiedene Maßnahmen zur Reformierung der Wirtschaft ergriffen. Etwas gelang, anderes nicht sehr. Bereits mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat Einnahmen durch den nichtstaatlichen Sektor. Jedoch erlaubt das zentralisierte System, effektiv die knappen Ressourcen zu verteilen und die am stärksten leidenden Schichten der Gesellschaft soweit wie möglich zu unterstützen. Dies erfolgte so zu Beginn der 90er Jahre. Und so geschieht es auch jetzt. In Erstaunen versetzt die Kurzsichtigkeit der amerikanischen Administration, die aufgrund der Euphorie nach dem Erfolg ihrer Operation in Venezuela der Annahme ist, dass es ihr leicht gelingen werde, Kuba zu unterwerfen und es zum 52. Bundesstaat zu machen. Ich vermute, dass fast alle Kubaner, die einen Einmarsch der USA von innen her unterstützen könnten, schon längst in die Staaten gegangen sind. Die kubanische Diaspora zählt dort fast 2,5 Millionen Menschen. Wenn aber die USA einen Krieg beginnen, so werden sie sehr viel kubanisches Blut fließen lassen müssen, bevor sie „alles zum Teufel jagen“, wie der amerikanische Präsident verspricht.
P. S.
Die gegenwärtige Situation auf Kuba ist in der Tat eine katastrophale. Die Menschen wissen aufgrund des Strommangels nicht, wie sie die ohnehin raren Lebensmittel ohne funktionierende Kühlschränke aufbewahren sollen. Diejenigen, die dank ihrer Angehörigen in den USA und in anderen Ländern Dollars besitzen, können nicht einmal in den Devisen-Shops mit diesen Nahrungsmittel kaufen. In der Hauptstadt wie auch sonst im Land häufen sich die Müllberge, da die Abfälle nicht abtransportiert werden. Es mangelt ja an Benzin. Und dieser Kraftstoff-Mangel führte gleichfalls dazu, dass die überregionalen Busverbindungen auf ein Minimum reduziert wurden. Aber dass all diese gravierenden Probleme die Menschen auf die Straßen bringen, ist nur selten der Fall. Viele Kubaner haben nach wie vor große Angst vor den Polizeikräften, die sich bisher als eine loyale Stütze des gegenwärtigen Regimes auf Kuba erweisen. Die Kubaner wollen Veränderungen auf der Insel, jedoch fehlen ihnen dafür Ressourcen und konkrete Vorstellungen. Und es ist kein Geheimnis, dass ihre Passivität in dieser Hinsicht wenig zu bewegen vermag.