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Regenfälle über Zentralasien werden laut Zeitplan erfolgen


Kasachstan ist von einem Reden über eine Klima-Anpassung zu einem praktischen Experiment übergegangen: Im Verwaltungsgebiet Turkestan hat man begonnen, künstlich Niederschläge auszulösen. Am vergangenen Wochenende starten 6mal Flugzeuge und versprühten Reagenzien über niederschlagsarme Bereiche, wo die Mai-Hitze und der Mangel an Feuchtigkeit erneut die Landwirtschaft in Gefahr brachten. Für die Offiziellen sieht dies wie ein technologischer Durchbruch aus, für die Landwirte wie eine Hoffnung auf rettenden Regen. Für die Nachbarn in Zentralasien ist dies aber ein neuer Anlass zu fragen: Wem gehören die Wolken, wenn sie über die Staatsgrenzen ziehen?

Das Experiment wird im Verwaltungsgebiet Turkestan unter Beteiligung von Meteorologen aus den VAE durchgeführt. Kasachische Staatsbeamte präsentieren das Projekt als Teil einer neuen Klima-Infrastruktur, die auf der Wissenschaft, digitalen Technologien und einer internationalen Zusammenarbeit basiert. Nach Aussagen von Vertretern des Ökologie-Ministeriums gewährleiste die meteorologische Flankierung das Wetteramt der Republik Kazgidromet. Und nach dem Niedergehen von Niederschlägen sollen Spezialisten überprüfen, inwieweit sie den ökologischen Normativen entsprechen. Im Ministerium unterstreicht man: Es gehe um Versuchsarbeiten und nicht um ein großangelegtes Eingreifen in die Atmosphäre.

Die Technologie an sich ist als „cloud seeding“ — „Impfen von Wolken“ — bekannt und wird in verschiedenen Ländern genutzt, angefangen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und bishin zu Frankreich und den USA. Flugzeuge versprühen Chemikalien, meistens auf der Grundlage von Salzverbindungen mit Jod oder Silber, damit sich die mikroskopischen Feuchtigkeitströpfchen in den Wolken schneller in Eiskristalle verwandeln und als Regen oder Schnee niedergehen.

Die Methode hat aber eine entscheidende Einschränkung: Sie erzeugt kein Wasser aus dem Nichts. Für einen künstlich ausgelegten Regen sind geeignete Wolken, eine bestimmte Feuchtigkeit und bestimmte Witterungsbedingungen notwendig. Daher können solche Projekte natürliche Niederschläge verstärken, ersetzen aber nicht Stauseen, Kanäle, eine sorgfältige Bewässerung und eine Steuerung des Untergrundwassers. Über Jordanien ist es beispielsweise nicht gelungen, nicht eine Wolke auszumachen. Und den Einheimischen bleibt, auf die Geneigtheit der Natur zu hoffen.

In Kasachstan wählte man für die ersten Tests mehrere Punkte aus: das Gebiet Shuantobe-Tasty im Verwaltungskreis Sozak, wo das Problem unter anderem mit Sandstürmen verbunden ist, aber auch die Kysylkum-Steppe und den Shetykol-See im Verwaltungskreis Otyrar (auch: Otrar). Die lokalen Offiziellen bezeichnen die Zone für eine Einflussnahme als eine begrenzte – mit einem Durchmesser von rund fünf Kilometern. Der Direktor des kommunalen Unternehmens „Turkestan“ Kasybek Bedebajew teilte dem Internetportal www.24.kz mit, dass alle Tests einen lokalen und experimentellen Charakter tragen würden. Und die jüngsten starken Regenfälle in der Region seien gerade mit der öffentlichen Erörterung des Projekts zusammengefallen, seien aber nicht durch dieses ausgelöst worden.

Der Optimismus der Offiziellen ist verständlich. Die südlichen Verwaltungsgebiete Kasachstans werden regelmäßig mit einem Wassermangel konfrontiert. Und in den Einzugsgebieten des Syrdarja, Schu und Talas sind bereits Warnungen hinsichtlich eines geringen Wasseraufkommens laut geworden. Unter den anfälligen Regionen wurden die Verwaltungsgebiete Kyzylorda, Turkestan, Shambyl und Almaty genannt. Wenn die Technologie zumindest lokal wirkt, kann sie den Agrarier helfen, die schwersten Perioden der Trockenheit zu überstehen. In der internationalen Praxis bewertet man die erklärte Wirkung üblicherweise mit Vorsicht: Unter günstigen Bedingungen könne die Niederschlagsmenge um etwa 10 bis 20 Prozent gegenüber dem normalen Stand zunehmen.

Aber diese Zahl löst auch eine politische Kollision aus. Selbst wenn die zusätzlichen Regenfälle keine großen sind, löst in dem unter einem Wassermangel leidenden Zentralasien die Möglichkeit an sich, Wolken über einem Territorium zu „verstärken“, unweigerlich einen Verdacht und Misstrauen der Nachbarn aus. Wasser ist da schon lange ein Gegenstand von Verhandlungen: Man teilt es entsprechend den Flüssen, Kanälen, Stauseen und zwischenstaatlichen Protokollen. Und jetzt kommt zu der gewohnten Hydro-Politik auch noch die Atmosphäre hinzu. Kirgisistans ehemaliger Kabinettschef Akylbek Dschaparow formuliert die verbreitete Furcht simpel: Wenn irgendwo künstlich mehr Wasser aufkommt, wird es da nicht irgendwo weniger?

Kasachische Beamte versichern, dass das künstliche Auslösen von Niederschlägen zu keiner Dürre in anderen Regionen führen dürfte. Der stellvertretende Ökologie-Minister Mansur Oschurbajew erklärte unter Berufung auf die internationale Praxis, dass bei Einhaltung der Normativen die Technologie als eine ökologisch sichere gelte. Das Problem besteht jedoch nicht nur in der Zusammensetzung der Niederschläge. Die Hauptschwierigkeit besteht in der Nachweisbarkeit der Wirkung. Es ist fast unmöglich, mit einer absoluten Genauigkeit natürlichen Regen von künstlichem Regen zu unterscheiden. Noch schwieriger ist zu beweisen, dass die an einem Ort niedergegangenen Niederschläge mit dem Experiment an einem anderen zusammenhängen.

Daher geht für die Region die Frage des künstlichen Regens rasch über die wirtschaftlichen Rahmen hinaus auf eine politische Ebene über. Der kirgisische Experte Kanatbek Kumuschbek schlägt vor, die Ausgangsdaten zu den Niederschlägen, Gletschern, zum Pegel des Issyk-Kul und zu anderen Parametern zu fixieren, um in der Zukunft eine Basis für einen Vergleich zu haben. Er ruft gleichfalls auf, das Thema innerhalb der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit, im Rahmen des Konsultationsformats „Zentralasien – Aserbaidschan“ sowie bilateraler Gespräche mit Kasachstan zur Sprache zu bringen. Die Logik ist simpel: Wenn die Technologien zur Modifizierung des Wetters zu einem Teil der staatlichen Politik werden, so müssen auch die Regeln für deren Nutzung vorab und unter Beteiligung der Nachbarländer erörtert werden.

Der Kontext macht diese Diskussion zu einer besonders sensiblen. Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan haben Ende Mai die Sommer-Wassermengen aus dem Stausee Kairakkum („Bachri Totschik“ — „Tadschikisches Meer“) für eine Unterstützung der Agrarier des Südens von Kasachstan abgestimmt. Parallel plädiert Afghanistan für den Kanal Kosch-Tepa am Amudarja, was Usbekistan und Turkmenistan beunruhigt. Die alten Wasser-Vereinbarungen spüren bereits den Druck des Klimas, der Zunahme des Verbrauchs und der Demografie. Vor diesem Hintergrund wird künstlicher Regen nicht als eine einzelne technologische Neuheit, sondern als ein Teil des großen Kampfes um das Wasser aufgefasst.

In diesem Sinne kann das kasachische Experiment zu einem nützlichen werden, wenn es zu einem transparenten wird. Die Gesellschaft und die Nachbarländer brauchen offene Daten: Wo erfolgten Starts entsprechender Spezialflugzeuge, welche Reagenzien wurden eingesetzt, welche Wolen wurden behandelt, wie viele Niederschläge hat es gegeben, welche ökologischen Messdaten sind gewonnen worden. Ohne solch eine Berichterstattung wird selbst eine sichere Technologie von Gerüchten umgeben werden. Und jeder Regen oder jede Dürre werden zu einem Anlass für gegenseitige Anschuldigungen.

Künstlicher Regen wird das Wichtigste nicht aufheben: Zentralasien muss sich über das Wasser wie über ein gemeinsames System, in dem die Gletscher, Flüsse, Stauseen, Felder und Wolken miteinander verbunden sind, einigen. Kasachstan hat das Recht, nach Formen für einen Schutz seiner Landwirte vor einer Dürre zu suchen. Aber je höher die Einsätze, desto wichtiger ist es, die Klima-Innovationen nicht in eine Quelle eines neuen Misstrauens zu verwandeln. In der Region, wo Wasser stets eine Frage des Überlebens war, muss Regen auf Bestellung nicht erst mit den entsprechenden Flugzeugen am Himmel, sondern auch mit einem ehrlichen Reden auf dem Boden beginnen.