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Was denkt das russische Volk über den Patriotismus?


Die Ergebnisse einer der letzten Umfragen der kremlnahen Stiftung „Öffentliche Meinung“ belegen, dass sich die Vorstellungen der Bürger über den Patriotismus möglicherweise ändern. 85 Prozent der Befragten bezeichneten sich als Patrioten. Dabei sind 46 Prozent der Meinung, dass sich dieses Gefühl bei den Menschen im Ergebnis einer speziellen Erziehung auspräge. Und 41 Prozent, dass dies aufgrund anderer Ursachen erfolge. Vor zwei Jahren, als die Stiftung genau solch eine Befragung durchführte, war das Verhältnis 53 Prozent zu 37 Prozent.

65 Prozent der Befragten, d. h. die Mehrheit, sind der Annahme, dass es eine persönliche Angelegenheit eines jeden sei, ein Patriot zu sein oder nicht. In dieser Hinsicht hat sich innerhalb von zwei Jahren in den Zahlen fast nichts verändert. 38 Prozent (im Jahr 2024 – 35 Prozent) räumen ein, dass ein Patriot ein Mensch sein könne, der ins Ausland zum Leben und Arbeiten gegangen ist. Nach Meinung von 50 Prozent der Befragten dürfe man jenen, die nicht zu den Wahlen gehen, nicht das Recht verwehren, sich so zu bezeichnen (wahrscheinlich hatten mehrere Befragte sich selbst im Blick). 48 Prozent halten das Nichtbeherrschen der Worte der Hymne des eigenen Landes nicht als unpatriotisch. 51 Prozent sehen nichts Skandalöses darin, dass ein Mensch gleichzeitig sein Land liebt und ausländische Literatur oder Kunst bevorzugt. 46 Prozent „erlauben“ einem Patrioten, Halloween und den Valentinstag zu begehen.

Und was sicherlich besonders bezeichnend ist: Nach Meinung von 48 Prozent der Befragten der Stiftung „Öffentliche Meinung“ passe Patriotismus durchaus mit Kritik an den Herrschenden zusammen. 45 Prozent sind nicht dieser Auffassung. In diesem Punkt ist es innerhalb von zwei Jahren zu einem Bruch gekommen. Im Jahr 2024 meinten 50 Prozent, dass ein Patriot die Herrschenden nicht kritisieren dürfe. 43 Prozent hatten aber die Auffassung vertreten, dass er dies tun könne. Etwa genau solch ein Verhältnis (51 Prozent gegenüber 44 Prozent) hatte es auch im Jahr 2023 gegeben. Wichtig ist hervorzuheben, dass bis zum Frühjahr des Jahres 2022 die Umfragen der Stiftung „Öffentliche Meinung“ zu diesem Thema völlig andere Zahlen fixiert hatten: 57 Prozent bis 64 Prozent der Befragten hatten eine Kritik an den Herrschenden als dem patriotischen Gefühl nicht widersprechend angesehen. Die Periode des „Unkritischseins“ deckte sich mit dem Zeitraum der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine. Und dies ist kaum ein Zufall. Dieses Zusammentreffen veranlasst, die Frage zu stellen: Ist ein „unkritischer Patriotismus“ zu einer neuen Norm geworden oder geht es doch ausschließlich um eine Wirkung der schweren Zeit, in der die Daumenschrauben fast bis zum Gehtnichtmehr angezogen worden sind? Eine Antwort auf dieses Frage kann es jetzt nicht geben. Es hatte eine andere Norm gegeben. Und dies belegen recht augenfällig alte soziologische Erhebungen.

Zu jeglicher Zeit und in jeglichem Land bezeichnen sich im Gespräch mit Mitarbeitern von Meinungsforschungsorganisationen die meisten Befragten als Patrioten. Das ist keinerlei Ereignis. Dabei wird ein Mensch kein größerer oder geringerer Patriot in Abhängigkeit davon, ob er sein Gefühl genau beschreiben, eine Definition geben und die gedanklichen Grenzen umreißen kann. Dieser Umstand macht unter normalen Bedingungen derartige Umfragen zu sinnlosen. Eine andere Sache ist, wenn man das scheinbar einem Menschen natürlich eigene Gefühl von oben her zu programmieren versucht. Wenn erklärt wird, dass man zu einem Patrioten werden kann, aber unter einer notwendigen Kontrolle, dass man (augenscheinlich) aufhören kann, ihn zu sein, wenn man den Herrschenden nicht zustimmt oder ins Ausland geht. Der Inhalt des Gefühls wird die ganze Zeit präzisiert, detailliert. Die Erwähnung von ausländischer Literatur oder Halloween in der Umfrage kann als eine absurde erscheinen, doch derart ist die Wahrheit des alltäglichen Lebens.

Die Menschen, die diese Koppelung – patriotisches Gefühl plus eine Kontrolle des Staates – akzeptieren, sind nach wie vor sehr viele. Und die Umfrage der Stiftung „Öffentliche Meinung“ bestätigt dies nur. Es geht um wirksame Narrative. In einer turbulenten Zeit können sie bedingt einen Sieg bei jeglichen Wahlen bescheren, besonders unter Bedingungen eines totalen Dominierens des Staates in allen Bereichen und des Nichtvorhandenseins realer politischer Alternativen. Diese Effektivität ist aber eher für einen kurzen Zyklus. Die Umfrage veranlasst zu dem Zweifel daran, dass diese Narrative durch die Gesellschaft für eine lange Zeit akzeptiert werden, sie (die Gesellschaft) transformieren, keinen Widerstand auslösen und von allen organisch und natürlich angenommen werden. Und die Stärke des Narrativs „Ausnahmen“ („wer anders denkt, ist kein Patriot“) ist auch begrenzt.