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Kasachstan hat ein Auge auf die Aquamarine und das Chrom Afghanistans geworfen


Kasachstan erweitert die Wirtschaftszusammenarbeit mit Afghanistan. Der Vizepremier und Minister für die nationale Wirtschaft Serik Shumangarin weilte mit einer humanitären Mission in Kabul und erörterte gleichzeitig mit afghanischen Offiziellen den Zugang des afghanischen Business zu kasachischen Betrieben, der Logistik und zu Handelsketten. Seinerseits soll das kasachische Business einen Zugang zu afghanischen Lagerstätten von Aquamarinen, Zink und Chrom erhalten.

318,8 Tonnen humanitärer Güter hatte man aus Kasachstan nach Kabul gebracht. Im Rahmen der kasachischen Delegation waren auch Ärzte gekommen, die Einheimischen Hilfe leisten sollen. Wirtschaftsminister Serik Shumangarin bezeichnete Afghanistan als einen der vorrangigen und strategisch wichtigen Partner in der Region Süd- und Zentralasiens, wobei er unterstrich, dass „ein stabiles Afghanistan eine Bedingung für Frieden und Stabilität der gesamten Region ist“.

Doch hinter der humanitären Rhetorik steht ein durchaus pragmatisches Denken. Für Kasachstan bleibt Afghanistan ein Absatzmarkt für Getreide, Mehl, Lebensmittel, Erdölprodukte, Düngemittel und Baumaterialien. Für Kabul, das unter einem chronischen Mangel an Lebensmitteln, einer Schwäche der Industriebasis und einer Abhängigkeit von den ausländischen Routen leidet, ist die kasachische Richtung als eine Quelle relativ stabiler Lieferungen wichtig.

Jetzt versuchen die Seiten, über einen gewohnten Handel hinauszukommen: Erörtert werden direkte Kontakte mit Produktionsstätten und Verarbeitungsbetrieben für Rohstoffe sowie mit Einzelhandelsketten.

Einen besonderen Platz hat das Bergbau- und Metallurgie-Thema eingenommen. Das kasachische Business ist an afghanischen Lagerstätten von Aquamarinen, Zinkerz und Chrom interessiert. Kasachstan gehört zu den Ländern, die Kompetenzen hinsichtlich der Verarbeitung technischer Aquamarine besitzen, und stellt daher die Frage nach einer Ausfuhr dieses Minerals aus Afghanistan für eine Verarbeitung in seinen Betrieben.

Zuvor hatten Spezialisten von „Tau-Ken Samruk“ die Provinz Bamian besucht und Proben an der Zink-Lagerstätte Pami-Kakrak genommen: Eine Analyse des Unternehmens „Kazzink“ bestätigte die Möglichkeit einer Verarbeitung dieses Erzes in Kasachstan. Eine Beteiligung der Eurasian Resources Group (ERG) an der Erkundung und Entwicklung von Chrom-Lagerstätten wird geprüft. Die ERG – eine internationale Unternehmensgruppe und weltweit eine der führenden auf dem Gebiet der Förderung und Verarbeitung mineralischer Ressourcen – wurde als ein potenzieller Schlüsselinvestor in Afghanistan bestimmt.

Die Logistik soll zzum zweiten entscheidenden Block werden. Bei einem Treffen mit dem stellvertretenden afghanischen Regierungschef Abdul Ghani Baradar diskutierten die Seiten Transportprojekte und eine Beteiligung Afghanistans an der Infrastruktur Afghanistans. Astana ist an Routen interessiert, die Zentralasien mit den südlichen Märkten verbinden. Dies ist nicht nur eine Möglichkeit für Exporte, sondern auch Teil einer größeren Strategie, um Kasachstan und die Region in ein Bindeglied zwischen dem Norden und dem Süden Eurasiens zu verwandeln.

Diese Strategie ist vor dem Hintergrund der Umgestaltung des gesamten regionalen Handels besonders zu spüren. Afghanistan braucht zuverlässige Lieferanten und Kasachstan neue Nischen für den Export von Agrarerzuegnissen, die Rohstoffverarbeitung und für industrielle Serviceleistungen. Daher sind die Kontakte mit Kabul keine Episode. Sie fügen sich in die generelle Linie Afghanistans für eine Diversifizierung der Märkte und Verringerung der Abhängigkeit von den gewohnten Richtungen ein. Die Frage ist dabei die, wie schnell das wirtschaftliche Interesse Schutzmechanismen erhalten kann.

Gerade hier ergibt sich jedoch die Frage: Wer garantiert die Sicherheit solch einer Zusammenarbeit? Afghanistan bleibt ein Land mit einem hohen Grad an innerer Stabilität. Nach der Rückkehr der Taliban an die Macht im Jahr 2021 hat Kabul die Kontrolle über einen erheblichen Teil des Landesterritoriums wiederhergestellt. Dies bedeutet aber kein Verschwinden der Gefahren. Im Land bestehen weiterhin bewaffnete Gruppierungen inklusive des IS Khorasan (eine in der Russischen Föderation verbotene terroristische Organisation), es agieren lokale Antitaliban-Kräfte. Und die Straßen, Lager, Grenzübergänge und Infrastruktur-Objekte bleiben anfällige.

Formal gewährleistet die derzeitige Regierung in Kabul die Sicherheit auf dem Territorium Afghanistans. Aber für die ausländischen Partner sind nicht nur Vereinbarungen mit Ministerien wichtig. Nicht weniger wesentlich ist die Fähigkeit der Offiziellen, die Routen für die Transporte zu kontrollieren, die Frachtgüter zu sichern, Überfälle zu verhindern und die Realisierung von Verträgen vor Ort zu gewährleisten. In diesem Sinne bleiben die Garantien Kabuls eher politische denn praktische.

Es besteht auch eine humanitär-politische Dimension. Die medizinische Hilfe, die durch Kasachstan gewährt wird, ist in der Realität nicht vollkommen für die afghanischen Frauen und Mädchen zugänglich: Entsprechend den Regeln der Taliban ist ein Arztbesuch ohne die Begleitung eines männlichen Verwandten oft unmöglich. Die Beschränkungen für die Rechte der Frauen, das Nichtbestehen einer inklusiven Regierung und die Kritik seitens der UNO und der EU bleiben Faktoren, die eine vollwerige Normalisierung der Beziehungen mit Kabul behindern. Kasachstan hat nach Ausschluss der Taliban aus der nationalen Liste der verbotenen Organisationen die Arbeitskontakte erleichtert. Dies kommt aber keiner internationalen Anerkennung des Regimes gleich.

Ein zusätzliches Risiko schafft die afghanisch-pakistanische Richtung. In den Jahren 2025/2026 haben sich die Beziehungen Kabuls und Islamabads drastisch verschlechtert. Pakistan wirft den afghanischen Offiziellen vor, dass vom Territorium Afghanistans Kämpfer agieren würden, die mit den pakistanischen Taliban liiert sind. Kabul dementiert dies. Vor dem Hintergrund der gegenseitigen Anschuldigungen kam es zu Auseinandersetzungen, Luftschlägen an der Grenze und zu einer Schließung der Grenzübergänge.

Für den afghanischen Handel ist dies schmerzhaft. Die Routen zu den Häfen von Karatschi und Gwadar waren neben anderen traditionell entscheidende. Wenn die Grenze geschlossen oder zu einer gefährlichen wird, steigen die Kosten, werden Frachtgüter aufgehalten und Verträge nicht eingehalten.

Das Paradoxe besteht darin, dass je instabiler die südlichen und östlichen Routen Afghanistans sind desto größer ist die Bedeutung der nördlichen Route über Zentralasien. Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan werden für Kabul nicht bloß zu einer Alternative, sondern zu einem Teil der Bedürfnisse des Handels. Zusammen damit nimmt aber auch der Preis der Sicherheit zu. Jegliches großes Schema mit Afghanistan muss nunmehr nicht so sehr die Umfänge der Lieferungen, die Tarife und Preise, sondern auch die Versicherung der Frachtgüter, die Überprüfung der Vertragspartner, die politischen Risiken und die Stabilität der Transitkorridore ins Kalkül ziehen.

Für Kasachstan spricht das Nichtbestehen einer gemeinsamen Grenze mit Afghanistan. Zwischen ihnen existiert ein Transitpuffer, was das direkte militärische Risiko für die kasachische Seite verringert. Dies bedeutet aber nicht, dass die Sicherheit des kasachisch-afghanischen Handels nicht nur von Astana und Kabul abhängt. Eine überaus wichtige Rolle spielen die Transitstaaten, die Bahn-Betreiber, die Grenzdienste, der Zoll und die regionalen Absprachen. Kasachstan kann für die Sicherheit auf seinem Territorium die Verantwortung übernehmen, die Unternehmen überprüfen, den Export regulieren und die Logistik entwickeln, ist aber nicht in der Lage, allein die afghanischen Straßen oder die pakistanisch-afghanische Grenze zu kontrollieren.

Daher sieht die gegenwärtige Aktivierung Astanas nicht wie eine politische Annäherung mit den Taliban, sondern wie ein vorsichtiger wirtschaftlicher Pragmatismus aus.