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Kasachstan beeilt sich nicht, Russland mit Benzin unter die Arme zu greifen


Nach Russland sind die Länder Zentralasiens mit einem Mangel an Kraftstoffen und einem Ansteigen der Preise für sie konfrontiert worden. Die russischen Probleme verändern bereits nicht nur den Binnenmarkt der Russischen Föderation, sondern auch das Verhalten der Nachbarn. An der kasachischen Grenze hat man angefangen, von einem „Kraftstoff-Tourismus“ zu sprechen. Astana ist bereit, mit Moskau den Export von Kraftstoffen zu erörtern, wenn eine entsprechende schriftliche Bitte eingehe.

Kasachstans Energieminister Jerlan Akkenshenow kommentierte am Rande der gemeinsamen Tagung der Parlamentskammern am 29. Juni die Situation um mögliche Lieferungen von Schmier- und Kraftstoffen nach Russland. Nach seinen Worten sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine offizielle Anfrage der russischen Seite hinsichtlich eines Exports von Kraftstoffen eingegangen. „Offizielle Anfragen seitens der Russischen Föderation hat es bei uns nicht gegeben. Wir werden dies aber prüfen“, antwortete der Minister lakonisch auf die Frage von Journalisten, ob Astana bereit sei, den russischen Markt mit Benzin im Falle des Entstehens solch einer Notwendigkeit zu unterstützen.

Derweil unterscheidet sich die Situation im offiziellen Bereich mit den Angaben internationaler Businessmedien. So meldete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf ihre Quellen, dass Russland bereits mit Kasachstan Verhandlungen über einen Import von rund 50.000 Tonnen Benzin der Marke AI-92 führe. Im Energieministerium der Russischen Föderation hat man diese Informationen bisher nicht kommentiert. (Überdies erklärte Kremlsprecher Dmitrij Peskow am Dienstag, dass Russland Kontakte mit anderen Ländern hinsichtlich eines möglichen Imports von Erdölprodukte unterhalte. „Aus verständlichen Gründen werden wir nicht darüber sprechen“, erklärte er und fügte jedoch hinzu: „Wenn Vereinbarungen zu akzeptablen Preisen erreicht werden, so wird dies erfolgen.“ — Anmerkung der Redaktion)

Der Bedarf an zusätzlichen Mengen wird durch die Konjunktur in Russland diktiert. Die Spannungen im Kraftstoff-Sektor haben bereits sich in angrenzenden Branchen auszuwirken begonnen. Unter anderem informieren russische Frachtgutspeditionen die Kunden über eine notgedrungene Anhebung der Tarife ab 1. Juli um mindestens zehn Prozent. Als Hauptursache nennt man den drastischen Preissprung für Dieselkraftstoff. Hinsichtlich einer Reihe von Routen ist sein Preis von 70 bis 72 auf 77 bis 90 Rubel je Liter angestiegen.

Vor diesem Hintergrund sieht Kasachstan in dieser Geschichte gleichzeitig wie ein absichernder Markt und eine Risikozone aus. Das Land hat drei große Erdölverarbeitungsbetriebe, eigene Vorräte an Kraft- und Schmierstoffen. Und laut Erklärungen der Offiziellen gebe es keinen Mangel an Kraft- und Schmierstoffen auf dem Binnenmarkt.

Aber gerade dies macht Kasachstan zu einer attraktiven Quelle von Kraftstoffen für die Nachbarn. Der Unterschied der Preise schafft aber auch Stimuli für eine halblegale Ausfuhr. Astana hat bereits das Verbot für eine Ausfuhr von Benzin, Diesel und einzelner Erdölprodukte per Tanklaster, darunter nach Ländern der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), bis November verlängert.

Dennoch sucht ein Teil der Transportunternehmen nach alternativen Routen via Kasachstan, wo es laut Schätzungen von Akteuren des Marktes genug Kraftstoffe gebe und die Preise geringer als die russischen seien. Der Auto-Experte Adyl Beisenbajew betont, dass Einwohner von Grenzregionen der Russischen Föderation immer häufiger zu kasachischen Tankstellen kommen würden. Zuvor hatte die kasachische Agentur für Finanzmonitoring über die Untersuchung eines Schemas berichtet, dem entsprechend nach Kirgisien über 190.000 Tonnen Benzin der Marke AI-92 illegal ausgeführt wurden. Der Schaden wurde mit mehr als 37 Milliarden Tenge (umgerechnet etwa 67,8 Millionen Euro) beziffert.

Die kasachischen Offiziellen versuchen zu verhindern, dass sich die russische Krise in eine innerkasachische verwandelt. Premierminister Olshas Bektenow erteilte den Auftrag, die Kontrolle an den Grenzen zu verstärken und regelmäßig die Bilanzen für die Produktion, Reserven und den Verbrauch von Erdölprodukten zu verfolgen. Die stellvertretende Handelsministerin Shanel Kuschukowa erklärte, dass eine Priorität der Schutz des Binnenmarktes bleibe. Und für eine Diversifizierung würden Lieferungen aus dritten Ländern, vor allem aus China, geprüft werden.

Wenn die Störungen in der Russischen Föderation anhalten, kann die Anzahl der russischen Kraftfahrer an kasachischen Tankstellen spürbar zunehmen. Für Kasachstan bedeutet dies eine zusätzliche Belastung für die grenznahen Tankstellen, besonders in den Regionen, wo auch so regelmäßig Fragen hinsichtlich der Kraftstoffversorgung aufkommen. Dabei kann ein möglicher offizieller Export nach Russland noch eine Frage aufwerfen, die nach Sanktionen.

Dass Kasachstan automatisch unter die Sanktionen des Westens aufgrund eines Verkaufs eigenen Benzins an die Russische Föderation gerät, wird nicht der Fall sein. Es ergibt sich jedoch, wenn die Lieferungen über mit Sanktionen belegte Banken, durch mit Sanktionen belegte Unternehmen oder Schiffe abgewickelt werden, wenn die Zahlungen Personen aus den Sanktionslisten tangieren, wenn die Kraftstoffe oder die Logistik zum Teil eines Schemas für ein Umgehen der westlichen Einschränkungen werden oder die entsprechenden Deals durch westliche Versicherer, Finanziers oder Trader in der verbotenen Kontur begleitet werden. Daher ist dies für Astana nicht so sehr ein juristisches Verbot für den Export als vielmehr eine Zone eines erhöhten Compliance (Regeltreue) und politischen Risikos: Formal kann man eigenes Benzin verkaufen. Aber jegliches großes Schema verlangt eine transparente Herkunft der Kraftstoffe, saubere Vertragspartner und klare Zahlungen.

Im benachbarten Kirgisien haben sich an einer Reihe von Tankstellungen Störungen mit Benzin der Marke AI-95 und AI-98 (die eine hohe Oktanzahl aufweisen) ergeben. Der Vorsitzende der Vereinigung der Öl-Trader Kanat Eschatow getsand ein: „Es gibt Störungen mit AI-95 und AI-98. Die Betreiber arbeiten an einer Stabilisierung der Situation“. Dabei gebe es nach seinen Worten Benzin der Marke AI-92 und Diesel vorerst in einem ausreichenden Umfang.

Für Bischkek ist dies keine lokale Unannehmlichkeit, sondern eine Erinnerung an die systembedingte Abhängigkeit. Über 90 Prozent des Benzins erhält Kirgisien aus Russland. Laut einer Schätzung von Tradern habe allein im Zeitraum Januar-Mai dieses Jahres die Russische Föderation über 251.000 Tonnen Benzin, 235.100 Tonnen Dieselkraftstoff und 48.150 Tonnen Kerosin für Flugzeuge in die Republik geliefert. Die eigene Herstellung ist eine bescheidene. In den ausgewiesenen fünf Monaten sind laut Angaben des Nationalen Statistik-Komitees im Land 129.200 Tonnen Benzin, 118.200 Tonnen Diesel und 65.3000 Tonnen Schweröl hergestellt worden.

Die kirgisischen Offiziellen versuchen, den Schlag mit administrativen Maßnahmen zu dämpfen. Das Kartellamt der Republik hat zeitweilig, bis zum 30. September maximale Einzelhandelspreise für Kraft- und Schmierstoffe festgelegt. In Abhängigkeit von der Region schwankt die Obergrenze für AI-92 von 79,80 Som je Liter im Verwaltungsgebiet Talas bis 84,40 Som im Verwaltungskreis Leilek (Verwaltungsgebiet Batken). Dort wurde auch der maximale Preis für AI-95 mit 89,90 Som und für Diesel mit 97,30 Som festgelegt (1 Euro sind etwa 99,70 Som – Anmerkung der Redaktion). Für Importeure und Verkäufer sind Subventionen eingeführt worden: Der Staat kompensiert einen Teil des Unterschieds zwischen den Einkaufs- und fixierten Einzelhandelspreisen, aber nicht mehr als 20 Prozent.

Der 1. Vizepremier Kirgisiens Danijar Amangeldijew getand ein, dass es schwer sei, das Ansteigen der Preise unter den gegenwärtigen Bedingungen zu stoppen. „Es besteht die Möglichkeit, die Preise nicht drastisch anzuheben, sondern sie schrittweise zu erhöhen – um einen Som alle zwei Wochen“, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur „Kabar“ den stellvertretenden Kabinettschef. Aber für die Kraftfahrer ist auch solch ein Szenario schmerzhaft. Einheimische Taxifahrer beklagen, dass die Verteuerung der Kraftstoffe den Verdienst „auffresse“. Eine Fahrt, die früher 1200 Som kostete, koste jetzt rund 1700 Som. Und die Ausgaben würden mitunter bereits durch den Erlös nicht gedeckt werden.

In Tadschikistan ist die Situation noch anfälliger. Laut Angaben des Kartellamts kamen im vergangenen Jahr 84 Prozent der importierten Erdölprodukte aus Russland. Die Zunahme der Preise spüren bereits die Transportunternehmen, da der Diesel von 9,6 Somoni bis 13,5 Somoni je Liter (10,5 Somoni entsprechen etwa einem Euro – Anmerkung der Redaktion) teurer geworden ist. „Dies ist bereits spürbar, denn unsere Einnahmen gehen zurück“, sagen Kraftfahrer. Eine zusätzliche Belastung verursacht auch die ökologische Gebühr von 30 Euro pro Tonnen eingeführten Benzins und Diesels.

Usbekistan hängt weniger von einem Kanal ab, doch es ist auch nicht vor Ungemach sicher. Das Land entwickelt die Verarbeitung, bleibt jedoch ein großer Importeur von Kraftstoffen und Energieressourcen. Der usbekische Wirtschaftsexperte Otabek Bakirow bringt die Zunahme des Drucks auf den Markt mit einer Abhängigkeit von den russischen Lieferungen in einen direkten Zusammenhang. Nach seinen Worten müsse Taschkent kurzfristig nach „alternativen und stabilen Quellen für Lieferungen von Benzin und anderen Arten von Kraftstoffen“ über die Nachbarländer suchen und von Diskussionen zu praktischen Lösungen übergehen.

Experten in Kirgisien sagen ungefähr das gleichen, Nach Meinung des Wirtschaftsexperten Asat Nurbekow müsse sich die Regierung auf ein Risiko einlassen und „sich nicht nur auf ein Land orientieren“. Sie müsse sich mit Kasachstan, Aserbaidschan und dem Iran einigen. „Da Erdöl eine Börsen- und eine politisch sensible Ware bleibt, wird folglich auch sein Preis gemäß den geopolitischen Risiken zunehmen“, sagte Nurbekow in einem Gespräch mit der „NG“.

Ein kategorischere Wertung gab in einheimischen Medien der Wirtschaftsexperte Marat Musuralijew ab. Die kasachischen Raffinerien, erinnert er, seien komplett ausgelastet und würden in der Saison der Spitzennachfrage Instandsetzungsarbeiten beginnen. Unter anderem habe der Erdölverarbeitungsbetrieb von Atyrau die Arbeit für Instandsetzungsarbeiten seit dem 26. Juni und bis einschließlich 20. Juli unterbrochen, was unweigerlich die Reserven an Produkten verringere. Usbekistan sei schon längst zu einem Netto-Importeur nicht nur von Schmier- und Kraftstoffen, sondern auch von Erdgas geworden. Tadschikistan sei noch abhängiger von Importen. „In der Region hat nur Turkmenistan ein Profizit an allen Arten von Energieträgern. Bisher ist es aber Kirgisistan gelungen, von dort nur Elektroenergie zu importieren“, resümiert der Experte.

Gerade daher ist die gegenwärtige Krise nicht durch die leeren Zapfsäulen an allen Tankstellen auf einmal, sondern durch die akkumulierte Wirkung gefährlich. Es verteuert sich das Benzin, folglich werden die Transporte teurer, danach die Lebensmittel, die Dienstleistungen und die Importwaren. Für die Länder, in denen ein erheblicher Teil des Verbraucherkorbs an die Logistik gekoppelt ist, wird die Kraftstoff-Inflation zu einer sozialen. Die Vorräte reichen in Kirgisien laut offiziellen Angaben für etwa anderthalb Monate. Was weiter wird, wagen nicht einmal die Trader vorauszusagen. „Sogar für eine Woche ist es unmöglich, eine Prognose zu stellen“, gesteht Kanat Eschatow ein.