In der international fast nicht anerkannten Republik Südossetien hat eine Kampagne zur Wahl eines neuen Präsidenten begonnen. Die Abstimmung ist für den 18. September anberaumt worden. Der amtierende Präsident Marat Kambolow (ein vom Kreml entsandter russischer Staatsbürger – Anmerkung der Redaktion) hat bereits eine Serie von Begegnungen mit einheimischen religiösen Spitzenvertretern durchgeführt.
Nach Aussagen von Gesprächspartnern der Autorin in Zchinwali seien die Einwohner der Republik insgesamt zufrieden. Bisher heben die Handlungen von Kambolow ihn vor dem Hintergrund der vorangegangenen Oberhäupter der Republik vorteilhaft ab. Und in der äußerst diffizilen Kirchenfrage verhält er sich delikat. Das amtierende Republiksoberhaupt besuchte im Verlauf eines Tages die Zchinwalier Gotteshäuser beider entscheidenden Jurisdiktionen – sowohl der einheimischen Alania-Eparchie alten Stils, die im Jahr 2005 gebildet wurde und zur Kirche der wahren orthodoxen Christen Griechenlands (eine altkalendarische orthodoxe Glaubensgemeinschaft, die sich 1924 abspaltete, als die offizielle Kirche Griechenlands den gregorianischen Kalender einführte – Anmerkung der Redaktion) gehört, als auch die der Russischen orthodoxen Kirche. In der Kathedrale zur Geburt der Gottesmutter traf er sich mit dem Leiter der altkalendarischen Glaubensgemeinschaft, mit Bischof Simon (Gaglojew), in der Dreifaltigkeitskirche – mit dem Vorsteher, dem Kleriker der Eparchie von Wladikawkas und Alania des Moskauer Patriarchats, mit dem Geistlichen Sergij Kokojew.
Eine Begegnung mit dem Vorsteher der Gemeinde des Georgischen Patriarchats, mit Archimandrit Antonij (Tschakwetadse), der im Grenzdorf Leningor seinen Dienst wahrnimmt, stand allerdings nicht auf dem Programm des 61jährigen Kambolow. Wie Einheimische hervorheben, sei solch ein Besuch unmöglich. Die Erinnerungen an den Krieg von 2008 sind noch sehr stark wach. Und dem Rating von Kambolow könnte eine derartige Aktion schaden. Ja, und Antonij selbst hätte solch eine Begegnung in eine unschickliche Lage vor der Kirchenführung versetzt: Der herrschenden Erzbischof der Zchinwali-Eparchie, Metropolit Isaiia (Tschanturia) lebt im Grenzdorf Nikosi auf der georgischen Seite. Er erkennt die südossetischen Offiziellen nicht an und besucht nicht seinen eigentlichen Amtssitz.
Die betont gleiche Haltung des Politikers gegenüber den beiden hauptsächlichen Kirchenstrukturen, die miteinander in einem Konflikt stehen, bewerteten viele als eine Hoffnung machende. Die Ruhe in diesem Bereich endete zusammen mit der Herrschaft von Eduard Kokoity, des zweiten Präsidenten der Republik (2001-2011). Alle nachfolgenden Präsidenten der Republik Südossetien hatten es vorgezogen, nur mit irgendeiner der Gemeinden zusammenzuarbeiten, wobei sie die Interessen der anderen ignorierten. Anatolij Bibilow (2017-2022) setzte auf die Russische orthodoxe Kirche und geriet im Ergebnis dessen in einen Konflikt mit der Alania-Eparchie und deren Gemeindemitgliedern. Alan Gaglojew (2022-2026) hatte dagegen, wenn auch nicht offenkundig, die „Alanen“ begünstigt, womit er eine Kränkung seitens der Heiligen Dreifaltigkeit auslöste. Im Ergebnis dessen wurde der Kirchenkonflikt in der ohnehin gepeinigten kleinen südossetischen Gesellschaft de facto künstlich durch die Herrschenden aufgeheizt. Kambolow hat derweil erklärt, dass er sich nicht nur im Bereich der Religion, sondern auch in den übrigen Lebensbereichen der Republik von dem Prinzip „wir haben keine unnötigen Menschen“ leiten lassen werde.
Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses für den vorliegenden Beitrag ist es der Autorin nicht gelungen, sich mit dem Geistlichen Sergij Kokojew in Verbindung zu setzen, jedoch sei er nach Aussagen von Gemeindemitgliedern mit der Begegnung mit Kambolow zufrieden gewesen. Das Oberhaupt der Alania-Eparchie, der Bischof von Ikorti Simon (Gaglojew) betonte in einem Kommentar für die „NG“, dass das Treffen positiv erlaufen sei. „Dies ist eine Wohltat für unser Volk, dass zu uns ein Mann mit solchen reichen Führungserfahrungen gekommen ist. Wir alle erwarten positive Veränderungen. Ich hoffe, dass sich jetzt die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in der Republik im Rahmen der Gesetze entwickeln werden und dass die Führung eine gleiche Haltung gegenüber allen religiösen Gemeinschaften – sowohl gegenüber unserer Eparchie als auch gegenüber der Russischen orthodoxen Kirche und der georgischen Gemeinde – einnehmen wird“. „Unter der früheren Führung der Republik war das Hauptproblem das Ausbleiben jeglichen Zusammenwirkens zwischen uns und den Behörden gewesen. Unsere legitimen Bitten wurden schlicht und einfach ignoriert“, betonte Bischof Simon. Nach seinen Worten sei die Zugehörigkeit von Kambolow zur moslemischen Religion kein Hindernis für ein konstruktives Zusammenwirken zwischen ihm und dem Klerus: „Marat Arkadjewitsch (Kambolow) ist in der gleichen Kultur wie auch wir erzogen worden“.
Nach Aussagen des Bischofs unterhalte seine Gemeinde keine Beziehungen mit der Gemeinde der Russischen orthodoxen Kirche: „Für uns ist die Haltung der Moskauer Patriarchie inakzeptabel, der entsprechend alle Gotteshäuser in unserer Republik der Georgischen Kirche gehören würden. Unser Volk wird dem nie zustimmen“. Zur gleichen Zeit ist er nicht gegen eine Tätigkeit eines Geistlichen der Russischen orthodoxen Kirche in Zchinwali, gegen eine Gemeinde der Georgischen Kirche in Leningor und gegen ein Nonnenkloster im Verwaltungskreis Leningor. „Wir haben keine Kontakte mit ihnen. Ich denke aber, dass sie sich auch mit einem Predigen des Evangeliums befassen und die Menschen retten“. Der Probst der Kirchen der Alania-Eparchie, der Geistliche Iakow Chetagurow, bestätigte in einem Gespräch mit der Autorin: „Wenn wir hier friedlichen zusammenleben werden, uns nicht streiten werden, nicht gegenseitig mit Schmutz bewerfen, wird dies für die Gläubigen nur gut sein“. „Wer den Gottesdienst in ossetischer Sprache besuchen möchte, kommt zu uns, wer ihn im Kirchenslawisch möchte, der geht in ein Gotteshaus der Russisch-orthodoxen Kirche. Wer auf Georgisch beten möchte, bitte sehr – in Leningor“, unterstrich der Kleriker.
Eine andere Meinung vertritt die Religionswissenschaftlerin Prof. Sonja Chubajewa von der Südossetischen Staatsuniversität, die in der jüngsten Vergangenheit die Religionsbeauftragte beim Präsidenten der Republik Südossetien gewesen war (gegenwärtig ist dieses Amt vakant). Seit Beginn der 1990er besteht sie neben anderen einheimischen christlich-orthodoxen Aktivisten auf die Bildung einer vollwertigen Eparchie der Russischen orthodoxen Kirche in Zchinwali. „Der Besuch Kambolows weckt die Hoffnung auf eine Verbesserung aller Angelegenheiten in der Republik Südossetien. Das Volk ist zufrieden. Es ist die Hoffnung auf eine Beseitigung jener Probleme aufgekommen, die die Entwicklung der Republik bremsten“, gestand sie ein. Zur gleichen Zeit aber dulde die Lösung der südossetischen Kirchenfrage keine halbherzigen Maßnahmen. „Es gibt einen Aspekt, der Spannungen auslöst. Dies ist der Besuch des Bischofs der griechischen Spalterkirche durch Marat Arkadjewitsch. Zur gleichen Zeit besuchte er die Dreifaltigkeitskirche der Russischen orthodoxen Kirche, wo er einen guten Eindruck machte. Aber solch eine Haltung kann man als eine Politik „sowohl Ihnen als auch unseren“ bezeichnen. Doch gerade dies erlaubte nicht, rechtzeitig das Kirchenproblem in Südossetien zu lösen“. Die Existenz eines „alternativen“ orthodoxen Christentums in der Republik, insbesondere der georgischen Kirchenstrukturen sei eine Bedrohung für die nationale Sicherheit, meint sie.
Dabei ist, wie Quellen der Autorin in der Moskauer Patriarchie betonen, eine kanonische Lösung der südossetischen Kirchenfrage vorerst nicht abzusehen. Die Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen der Russischen orthodoxen Kirche bleibt auf festen progeorgischen Positionen und hält sich an den Synoden-Beschluss von 2013, wonach Südossetien wie auch Abchasien zum kanonischen Territorium der Georgischen Kirche gehört, was automatisch eine Erweiterung der Präsenz des Moskauer Patriarchats in diesen Republiken blockiert. Laut Aussagen eines Gesprächspartners der Autorin in Zchinwali habe sich die Russische orthodoxe Kirche durch ihre Unentschlossenheit in den Augen der Osseten kompromittiert. In eine besonders anfälligen Lage befindet sich der Kleriker der Russischen orthodoxen Kirche Sergij Kokojew: „In was für einen Status versieht er seinen Dienst? Wenn mit einer Genehmigung der Georgischen Kirche, so ist aus der Sicht der Kanons und des Vertrags zwischen der Russischen orthodoxen Kirche und Tbilissi alles richtig. Aber da ergibt sich ein anderes Missverständnis. Es stellt sich heraus, dass ein Bürger der Republik Südossetien offiziell die Herrschaft des georgischen Patriarchen über sich anerkennt. Wenn dem nicht so ist, so versieht Vater Sergij illegitim seinen Dienst auf dem Territorium der Georgischen Kirche, wobei er den Vertrag über die Einhaltung der kanonischen Grenzen zwischen ihr und der Russischen orthodoxen Kirche verletzt. Da die Georgische orthodoxe Kirche nicht ein einziges Mal Protest aus Anlass seines Dienens auf ihrem kanonischen Territorium bekundete, versieht er wahrscheinlich seinen Dienst in Zchinwali mit dem Segen des georgischen Patriarchen Schio und des Metropoliten von Zchinwali und Nikosi Isaiia. Beide Varianten sind für ihn Pattsituationen“.
Die Spezifik der Religionssituation in der Republik Südossetien besteht gleichfalls darin, dass sich die Alania-Eparchie, zu der heute die meisten Christen der Republik gehören, an einen konservativeren Gottesdienst denn im Moskauer und im Georgischen Patriarchat hält. Unter anderem halten sie die Position der Russischen orthodoxen Kirche in Fragen des Ökumenismus und der Beziehungen mit dem Vatikan für eine unzulässig liberale. „Die Alania-Eparchie existiert, entwickelt sich und hat die größte Gemeinde. Und unser Volk hält sie für die ihrige“, unterstrich ein Gesprächspartner der Autorin aus den Reihen einstiger Beamter der Republik Südossetien. „In Abhängigkeit davon, wie sich das Schicksal unserer Republik im Weiteren gestalten wird, wird sich auch die konfessionelle Situation entwickeln. Wenn die Republik die Unabhängigkeit bewahrt, wird die Alania-Eparchie gemäß der Verfassung und entsprechend den Bestimmungen des Konkordats hier die staatliche religiöse Hauptinstitution sein. Wenn es um einen Beitritt in den Bestand der Russischen Föderation gehen wird, müssen Moskau und Tbilissi wahrscheinlich die Frage nach einer Erweiterung der Eparchie von Wladikawkas klären und gleichzeitig doch einen Konsens mit der Alania-Eparchie suchen sowie über das Format des weiteren Zusammenlebens aller Jurisdiktionen auf dem Territorium Südossetiens nachdenken“.