In Russland nimmt rasant die Anzahl der Single-Haushalte zu. Dies hängt einerseits mit der Zunahme des Anteils der Bürger zusammen, die niemals heirateten. Andererseits mit der Zunahme der Anzahl der verwitweten Bürger Russlands. Solche Schlussfolgerungen haben Soziologen aus dem Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften gezogen. Dabei zeichnet die alleinstehenden Bürger Russlands im Alter von bis zu 55 Jahren ein hohes Lebensniveau aufgrund des Nichtbestehens von Unterhaltsverpflichtungen. Nach 55 Jahre ändere sich aber die Situation grundlegend: Die betagten Bürger hängen wesentlich von den finanziellen Unterstützungen seitens der erwachsenen Kinder ab.
Die Verringerung der Anzahl der Verheirateten im arbeitsfähigen Alter führt zu einer Abnahme der Geburtenrate und in der Perspektive zu einer Erhöhung des Koeffizienten der demografischen Belastung für die Betagten, aber auch zu einer Zunahme der sozialen Pflichten des Staates hinsichtlich der Gewährung sozialer Unterstützung und Leistungen für alleinstehend lebende Bürger.
Die Wissenschaftler analysierten die Zahlen der Gesamtrussischen Bevölkerungszählungen der letzten fast zwanzig Jahre und konstatierten eine Zunahme des Anteils der alleinstehenden Bürger Russlands. So nimmt laut ihren Schlussfolgerungen der Anteil der nie verheiratet gewesenen Bürger im Alter von mehr als 40 Jahren zu, besonders unter Männern. Beispielsweise hatte es im Jahr 2002 auf 1000 Menschen nur 61 Bürger Russlands im Alter von 40 bis 44 Jahren gegeben, die nie verheiratet gewesen waren. Bis zum Jahr 2020 erhöhte sich deren Anzahl bereits bis auf 92 Menschen. Unter den Männern waren im Jahr 2002 70 Personen auf 1000 Menschen nie verheiratet gewesen. Bis zum Jahr 2020 erhöhte sich deren Anzahl bis auf 104.
Im heutigen Russland erhöhte sich auch der Anteil der Verwitweten im Alter von über 70 Jahren. Besonders spürbar ist die Zunahme der Verwitweten unter den Frauen Russlands auszumachen. So waren von 1000 Frauen im Alter von über 70 Jahren 658 Witwen gewesen. Im Jahr 2020 waren 427 Bürgerinnen Russlands im Alter von 70 bis 74 Jahren Witwen und über 620 im Alter von mehr als 75 Jahren.
Insgesamt aber übersteigt in Russland mit heutigem Stand der Anteil der Single-Haushalte ein Drittel aller Haushalte, unterstreichen die Autorinnen der Untersuchung Oksana Kutschmajewa, Jekaterina Wassiljewa und Jekaterina Knjaskowa. Im Übrigen, früher hatte man den Anteil der Single-Haushalte mit etwa 40 Prozent oder 27,6 Millionen beziffert. Wobei in den letzten zehn Jahren der Anteil solcher Haushalte um das 2,4fache zugenommen hatte. Und die maximale Anzahl der Alleinstehenden entfällt auf die Bürger im arbeitsfähigen Alter.
Eine Hauptbesonderheit ist, dass Single-Haushalte unter Männern vor allem Menschen im Alter von bis zu 45 Jahren führen, unterstreichen die Soziologinnen. Unter den Frauen gilt dies für Witwen im Alter von mehr als 60 Jahren. So hat sich bei der Analyse der Altersstruktur der Single-Haushalte herausgestellt, dass sich unter den Männern über 72 Prozent im arbeitsfähigen Alter befinden, während dagegen unter den Frauen 53 Prozent Menschen über dem arbeitsfähigen Alter ausmachen.
„Unter Männern machen die Hauptkategorie (der Single-Haushalte — „NG“) Personen aus, die nie verheiratet gewesen waren, 46,2 Prozent, was das verbreitete Modell des Lebensstils von Junggesellen belegt. Einen signifikanten Anteil machen gleichfalls geschiedene Männer aus, 29,6 Prozent“, wird im Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften mitgeteilt.
Die Bürgerinnen Russland haben auch eine andere Besonderheit: Jede fünfte Frau, die alleinstehend lebt, war nie verheiratet gewesen.
Die Soziologinnen lenkten die Aufmerksamkeit auch auf die Höhe der Einkommen der Single-Haushalte. So übersteigt das Durchschnittseinkommen eines Haushalts von alleinstehenden Männern 62.000 Rubel im Monat (umgerechnet etwa 664 Euro). Dies ist wesentlich mehr als bei den Frauen, die alleinstehend leben (48.700 Rubel – umgerechnet etwa 521 Euro).
Im Durchschnitt übersteigt das mittlere Pro-Kopf-Einkommen der Haushalte, die aus einer Person bestehen, 40.200 Rubel. Im Zuge der Vergrößerung der Familie verringert es sich. In Haushalten aus, zwei, drei, vier, fünf und mehr Personen verringert sich dementsprechend dieser Wert und erreicht 17.600 Rubel pro Person in den mit Blick auf die Angehörigen größten Haushalten.
Unter den Single-Haushalten ist der Anteil jener ein hoher, die separat wohnen. Über 70 Prozent der alleinstehenden Menschen leben in separaten Wohnungen. Dazu ein Vergleich: Nur zwei Drittel der Familien, die aus zwei, drei Personen bestehen, leben in einer separaten Wohnung. Unter aus vier und mehr Personen bestehenden Familien fällt dieser Wert bis auf 55 Prozent ab. „Solch eine Situation ergibt sich dadurch, dass weniger alleinstehende Menschen in individuellen Häusern (24,6 Prozent) im Vergleich zu den Haushalten, die aus mehreren, besonders aus vier und mehr Personen bestehen (41,5 Prozent), leben“, erläutern die Soziologinnen.
Im Durchschnitt beträgt die Wohnraumfläche einer alleinstehenden Person in Russland 50,42 Quadratmeter. Im Ergebnis dessen sind die alleinstehend lebenden Bürger Russlands in größerem Maße mit ihren Wohnbedingungen zufrieden. Lediglich 12,8 Prozent von ihnen verspüren den Bedarf an einer Verbesserung der Wohnbedingungen. Als Vergleich dazu: Unter den Familien aus vier und mehr Personen verspürt jeder dritte Haushalt das Bedürfnis nach einer Vergrößerung der Wohnraumfläche.
Alleinstehende Bürger Russlands haben ebenfalls höhere materielle Ansprüche. Wie die Soziologinnen anmerken, übersteigen ihre Vorstellungen von einem minimalen Monatseinkommen, das der Haushalt braucht, um über die Runden zu kommen (d. h., um alle erforderlichen täglichen Ausgaben zu bestreiten) um ein Viertel ihr durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen. Zum Vergleich: Bei den Angehörigen von Haushalten aus zwei, drei Personen solle solch ein Basisminimum nur um 11,5 Prozent deren Ausgaben übersteigen.
Die Situation ändert sich mit dem Alter. Alleinstehende Bürger Russlands im betagten Alter hängen beispielsweise wesentlich von Geldüberweisungen der Kinder ab. Insgesamt erhalten finanzielle Hilfe von den Kindern 22 Prozent der alleinstehenden Eltern, teilte man im Akademie-Institut für Soziologie mit. „Unter den alleinstehenden Bürgern, die erwachsene Kinder haben, beträgt der Anteil der Personen mit einem Einkommen von über 60.000 Rubel 22,4 Prozent, während dieser Wert unter den kinderlosen Bürgern 16,6 Prozent ausmacht. Gleichzeitig damit ist in der Gruppe der Kinderlosen die Konzentration von Einkommen im geringsten Bereich (bis zu 14.000 Rubel) größer: 5,8 Prozent gegenüber drei Prozent in der Gruppe der Personen, die Kinder haben“, folgt aus der Untersuchung.
Das heißt: Wenn im Alter von bis zu 55 Jahren die Zunahme der Unterhaltspflichten zu einer Verringerung der materiellen Lage, so führt bereits ab 55 Jahre das Vorhandensein von Kindern bei alleinstehenden Bürgern Russlands zu einer Zunahme der Einkommen.
Somit, resümieren die Wissenschaftlerinnen, führt die Veränderung der Bevölkerungsstruktur der russischen Haushalte zu einer Zunahme des Koeffizienten der demografischen Belastung für die Betagten, aber auch zu einer voraussagbaren Zunahme der sozialen Pflichten des Staates hinsichtlich der Gewährung einer sozialen Unterstützung und von Leistungen für alleinstehend lebende Bürger.
Die Expertinnen heben mehrere Ursachen für die Zunahme der Alleinstehenden in Russland hervor. „Die erste ist eine demografische. Die Kluft hinsichtlich der Lebensdauer von Männern und Frauen konvertiert sich in Witwentum. Laut der Bevölkerungszählung des Jahres 2020 waren unter 1000 Frauen im Alter von 75 Jahren und mehr 627 Witwen, unter Männern der gleichen Altersgruppe waren es 291 Witwer je 1000“, teilte Wadim Kowrigin, Dozent an der Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität, mit. Eine andere Ursache ist das auf die lange Bank geschobene Heiraten, wobei sich letztlich ergibt, dass keinerlei Ehe geschlossen wird.
Nach Meinung des Experten werde das auf die lange Bank geschobene Heiraten zu einer immer mehr verbreiteten Erscheinung unter der Gesamtheit der Ursachen. Dies seien sowohl das Lebensniveau als auch der Unwille, familiäre Pflichten zu übernehmen, sowie die „Illusion von einer möglichen Auswahl“ in Dating-Apps, wodurch die Paare immer häufiger auseinanderfallen, noch bevor sie es bis zur Heirat geschafft haben. „Unter den alleinstehenden Männer waren 46,4 Prozent überhaupt nie verheiratet gewesen. Dies ist bereits kein Vertagen, sondern ein sich herausgebildetes Modell für die Lebensweise“, unterstreicht er.
Und unter Berücksichtigung dessen, dass das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in einem Haushalt aus einer Person höher ist und der Großteil der alleinstehenden Bürger Russlands in separaten Wohnungen gegenüber den 55,2 Prozent unter den Familien mit vier und mehr Personen lebt, ergibt sich vorerst, dass ein Allein-leben bedeutet, „geräumiger und reicher zu leben“. Folglich wird es für die Appelle in Bezug auf die sogenannten Familienwerte schwierig werden, diese Arithmetik zu überwinden.
Die Zunahme des Anteils der „Singles“ in unserem Land sei die Folge objektiver Prozesse. Und diese Tendenz sei in der ganzen Welt nicht erst seit einem Jahrzehnt zu beobachten, sagte Igor Golubtschenko, Dozent an der Präsidentenakademie. „Es erweitern sich die Möglichkeiten für ein eigenständiges Leben außerhalb einer Familie. Es nimmt der materielle Wohlstand zu, es entwickeln sich die Kommunikationsmittel (mobile Telefonverbindungen, das Internet), aber auch das Transportwesen – sowohl das öffentliche Verkehrswesen als auch die persönlichen Transportmöglichkeiten. Die Gesellschaft stellt dem alleinstehenden Menschen immer mehr Möglichkeiten für ein komfortables Lebens zur Verfügung“, urteilt er.
„Man kann eine universelle Gesetzmäßigkeit hervorheben: Dort, wo die Einkommen wachsen, das Umfeld urbanisiert wird und sich neue Kommunikationsformen verbreiten, nimmt der Anteil derjenigen zu, die alleinstehend leben. Heute schieben viele Menschen bewusst eine Eheschließung und das Kinderkriegen auf die lange Bank, wobei sie sich auf die Karriere, eine Ausbildung und das Wachstum der Persönlichkeit fokussieren“, sagte der Direktor für Analytik der Ingo-Bank Wassilij Kutyn.