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Russlands Offizielle kontrollieren nicht vollkommen das Engagement von Freiwilligen für die militärische Sonderoperation


Die russische Offiziellen bemühen sich, die gesellschaftlichen Initiativen zur Unterstützung der Kämpfer der militärischen Sonderoperation des Landes in der Ukraine zu kontrollieren, zu lenken und zu organisieren. Die von den Staatsbeamten genannten Summen der gesellschaftlichen Hilfe für die Teilnehmer der militärischen Sonderoperation nähern sich bereits der Marke von 100 Milliarden Rubel. Russische Soziologen weisen aber auch ein von den Staatsbeamten autonomes „freiwilliges Engagement an der Front“ aus, das sich in einer technischen und materiellen Versorgung der Kämpfer widerspiegelt – angefangen bei Transport- und Fernmeldemittel bis hin zu Verpflegung, Ausrüstungen und Bekleidung sowie medizinischen Materialien. Das von den Forschern ermittelte „freiwillige Engagement an der Front“ ist kein Ergebnis einer staatlichen Lenkung, sondern ein Ausdruck von Individualität und Autonomie. Erhebliche Mengen von Hilfsgütern seitens eigenständiger Freiwilliger gelangen in der Regel nicht die regionalen und föderalen Berichte über die Umfänge der finanziellen und materiellen Unterstützung für die Teilnehmer der militärischen Sonderoperation (die bereits das fünfte Jahr andauert – Anmerkung der Redaktion).

Bürger Russlands hätten für die Ziele der militärischen Sonderoperation dutzende Milliarden Rubel an die Gesamtrussische Volksfront (die von Wladimir Putin initiiert wurde – Anmerkung der Redaktion) übergeben, teilte Mitte Juli der Präsident der Russischen Föderation mit. „Sie haben um sich über zwanzig Millionen Menschen – Bürger der Russischen Föderation – vereint. Und die Bürger haben, Ihnen vertrauend, für die Ziele der militärischen Sonderoperation fast 70 Milliarden Rubel freiwillig übergaben“, sagte das Staatsoberhaupt. Berichte regionaler Beamter über die von ihnen organisierte freiwillige Hilfe für die Kämpfer in der Zone der Sonderoperation tauchen beinahe täglich in den Medien auf (genauso wie auch Informationen über eine Nötigung zu Spenden – Anmerkung der Redaktion).

So hätten Freiwillige des Verwaltungsgebietes Tula auf Initiative der Volksfront rund 70 Transportmittel, Stromgeneratoren, taktische Sani-Taschen, Schutzmäntel gegen Drohnen und Tarnnetze vorbereitet, teilte Gouverneur Dmitrij Miljajew mit. Er dankte den Einwohnern, gesellschaftlichen Organisationen und Unternehmen für die Hilfe und erklärte, dass das „Verwaltungsgebiet Tula eine große Familie von Freiwilligen ist“.

Der Gouverneur des Verwaltungsgebietes Pensa Oleg Melnitschenko trifft sich mit Teilnehmern von Freiwilligen-Bewegungen der Region und dank ihnen für die Hilfe für die Teilnehmer der militärischen Sonderoperation, Nach seinen Worten würden die Einwohner des Gebietes Pensa der Front Unterstützung leisten. Freiwilligen-Vereinigungen würden in allen Städten und Kreiszentren der Region wirken, wobei sie Menschen verschiedenen Alters, unterschiedlicher Berufe und Nationalitäten vereinen würden. Eine analoge Organisation gesellschaftlicher Unterstützung für die Frontkämpfer funktioniert in allen russischen Regionen.

Aber außer den vom Staat kontrollierten Mechanismen für ein freiwilliges Engagement existieren in unserem Land auch autonome Initiativ-Gruppen zwecks Hilfe für die Kämpfer der militärischen Sonderoperation. Die Teilnehmer dieser Gruppen erlangen einen zivilen Subjektcharakter und spüren ihre historische Bedeutsamkeit. „Freiwillige Arbeit erscheint nicht als Reaktion auf eine Krise, sondern als ein aktives Konstruieren einer Autonomie eines Akteurs in einer „programmierbaren Gesellschaft“, in der die militärische Sonderoperation den „unnötigen Menschen“ zum Status eines historischen Subjekts zurückbringt, der imstande ist, den Sinn des Lebens durch die Praxis von Solidarität, von Risiken und gegenseitige Unterstützung zu bestimmen“ konstatiert pathetisch Maria Podlesnaja aus dem Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften in ihrer Studie.

Soziologische Untersuchungen bestätigen die Zunahme freiwilligen Engagements im Verlauf der militärischen Sonderoperation. Laut Angaben des staatlichen Allrussischen Meinungsforschungszentrums VTsIOM habe der Anteil der Freiwilligen von 27 Prozent (im Jahr 2023) bis auf 36 Prozent (im Jahr 2025) zugenommen – mit einem Akzentuieren der Hilfe für Teilnehmer der militärischen Sonderoperation. Laut Angaben des Zentrums für Studien der Zivilgesellschaft und des nichtkommerziellen Sektors an der in Moskau ansässigen Wirtschaftshochschule hätten im Jahr 2024 17 Prozent der Befragten Hilfe für Militärs der militärischen Sonderoperation geleistet, im Jahr 2023 18 Prozent und im Jahr 2022 neun Prozent. Untersuchungen des Akademieinstituts für Soziologie in den Jahren 2022-2024 demonstrieren eine altruistische und soziale Motivation der Freiwilligen in den außerordentlichen Situationen aus.

Im Unterschied zu einem episodischen freiwilligen Engagement in Friedenszeiten bedeutet das heutige freiwillige Engagement im frontnahen Raum in der Russischen Föderation ein Eintauchen der Bürger in Umstände eines großen Risikos und das Erlangen eines Subjektcharakters durch persönliche Erfahrungen.

Russische Soziologen schlagen vor, für eine Untersuchung des freiwilligen Engagements im Land die Ergebnisse französischer Soziologen zu nutzen, die Probleme des Übergangs zu einer postindustriellen Gesellschaft und die Wellen gesellschaftlicher Proteste der 1960er und 1970er Jahre untersuchten. Zu dieser Zeit hatten in den westlichen Gesellschaft neue Bedürfnisse an Kraft gewonnen, die über den Rahmen einer einfachen Umverteilung der materiellen Güter oder typischer wirtschaftlicher Interessen hinausgegangen waren. Damals waren im Westen Fragen nach der Identität, der Rechte, der Teilnahme und des Sinns des Lebens zu prinzipiell wichtigen geworden. Die Vorstellungen der französischen Soziologie von einem Aktivismus des Subjekts gegen die unpersönliche Herrschaft, der Marktwirtschaft und der Bürokratie würden helfen, den heutigen Initiativ-Aktivismus der russischen Freiwilligen unter den Bedingungen der militärischen Sonderoperation zu beschreiben, meinen unsere Soziologen.

Entgegen den Erwartungen der institutionalisierten Soziologie, in der freiwilliges Engagement vorrangig als ein Instrument der Staatspolitik ausgelegt wird, erlaube die aktivistische Herangehensweise der französischen Soziologen, im freiwilligen Engagement Erscheinungen eines Subjektcharakters auszumachen, der in der Lage ist, mit den offiziellen Solidaritätsnarrativen zu konkurrieren, sagt Maria Podlesnaja.

Die Soziologin sieht eine große Ähnlichkeit der westlichen öffentlichen Proteste der 1960er und 1970er mit den heutigen Prozessen in der russischen Gesellschaft, in denen als ein Katalysator für das Aufdecken latenter, unterschwellig existierender Bedürfnisse (darunter auch in den Eliten) die militärische Sonderoperation Russlands gegen die Ukraine aufgetreten ist. Die auf der Welle der militärischen Sonderoperation entstandenen Freiwilligen-Initiativen sind nicht nur zu einem Instrument für Hilfe oder zu einer Ressource der staatlichen Politik, sondern auch zu einer modernen Form zur Verteidigung und Artikulation des Subjektcharakters unter den Bedingungen einer programmierten gesellschaftlichen Rolle für die Bevölkerungsmehrheit geworden.

Bei der Beantwortung der Fragen „Wer sind wir?“, „Gegen was oder für was kämpfen wir?“ appellieren die Freiwilligen ständig an ein Suche und an eine Verteidigung des eigenen Subjektcharakters, wobei die Identität durch die Praxis von Solidarität und ziviler Verantwortung konstruiert wird.

Viele russische Freiwillige würden nicht so sehr gegen den äußeren Feind als vielmehr gegen innere Opponenten kämpfen – gegen jene russischen Bürger, die die militärische Sonderoperation nicht unterstützen, die oppositionelle Ansichten zum Ausdruck bringen oder das Geschehen ignorieren, konstatierten Soziologen. An der Oberfläche mag dies als eine Involviertheit in den staatlichen patriotischen Diskurs erscheinen (die an der Front handelnden Freiwilligen unterstützen ihn tatsächlich). Jedoch belegt eine lange Beobachtung anderes: Die Gruppe „wir“ oder „die unsrigen“ distanziert sich von jenen, die Programm, ausgelaugte Ideologeme vermitteln. Der heutige Staat Russische Föderation werde von vielen Freiwilligen als ein nicht vollkommen „eigener“ aufgefasst, wenn er nicht die wahren Bedürfnisse und Erwartungen der Front widerspiegelt, gestehen die Soziologen ein.

Ein Distanzieren von den staatlichen Instituten trat beispielsweise in einem Verzicht eines Kurators einer kleinen örtlichen Freiwilligen-Gruppe auf die Leitung einer größeren Freiwilligen-Organisation, deren Gründer örtliche Machtorgane waren, auf. Außerdem werden symbolische Auszeichnungen und Würdigungen von Behörden der regionalen/örtlichen Staatsgewalt von vielen Befragten eher als eine Formalität, die durch die Ethik der öffentlichen Kommunikation bedingt wird, denn als eine relevante Anerkennung der Verdienste wahrgenommen“, betont man im Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Die militärische Sonderoperation hat einen Präzedenzfall für eine Rückkehr eines agierenden Subjekts geschaffen, in dem sich der „unnötige Mensch“, der vom System beabsichtigt oder zufällig nicht zur Kenntnis genommen wird, als ein erneut gebrauchter erwiesen.

Wie unsere Untersuchung zeigte, ist ein Freiwilliger unter den Bedingungen der militärischen Sonderoperation nicht nur eine betagte Frau, die vor allem Tarnnetze fertigt, sondern auch junge Menschen im Alter von 25 bis 35 Jahren, die in frontnahe Städte mit humanitärer Hilfe in ihrem Urlaub und an ihren freien Tagen kommen, wobei sie das friedliche Leben, den komfortablen Alltag und die Vergnügungen des städtischen, oft des hauptstädtischen Umfelds zurücklassen“, erklären die Soziologen.

Das freiwillige Engagement an der Front wird zu einem Raum, in dem der „unnötige Mensch“ den Status eines historischen Subjekts erlangt, das imstande ist, den Sinn seines Lebens und der sozialen Beziehungen zu bestimmen. Dabei würden gleichfalls solche Motive wie Altruismus und der Wunsch nach einer Selbstverwirklichung vorkommen. Sie seien aber sekundär hinsichtlich der Suche nach seinem Subjektcharakter, meinen die Forscher.