Die Vorbereitung des Moskauer Bittgangs, der am 6. September stattfinden soll, hat man in diesem Jahr beizeiten begonnen. Dieser Tage tauchte eine Internetseite auf, die der Organisation der Prozession gewidmet ist. Dort sind klare Regeln für die Teilnehmer festgehalten worden. Zu spüren ist, dass man in der Russischen orthodoxen Kirche keine Wiederholung einiger Erscheinungen von Gefühlen und gesellschaftlicher Stimmungen will, die einen widersprüchlichen Eindruck von der Veranstaltung des vergangenen Jahres zurückgelassen hatten.
Die Prozession vom 7. September 2025, am Tag des Konzils der Moskauer Heiligen, hatte man in der Russischen orthodoxen Kirche als einen Triumph dargestellt. Patriarch Kirill hatte behauptet, dass an der Prozession 400.000 Gläubige teilgenommen hätten, obgleich man im Innenministerium 10mal weniger Teilnehmer gezählt hatte. Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche hatte erklärt: Weil man aufgrund der reale Zahlen „erschrocken“ gewesen wäre. „Wir haben überzeugend nachgewiesen, dass Moskau wirklich eine christlich-orthodoxe Hauptstadt ist“, hatte feierlich der Patriarch gesagt.
Der Volksenthusiasmus hatte aber auch eine Kehrseite. Die Prozession hatte sich möglicherweise als eine hinsichtlich der Teilnehmerzahl große zum Teil deshalb erwiesen, da an ihr nationalistische Gruppen teilgenommen hatten. In der Kirche hatte man dies begriffen, wobei erklärt wurde, dass für viele das orthodoxe Christentum untrennbar mit der nationalen Identität verbunden sei. Die kleinen Gruppierungen waren mit „imperialen“ schwarz-gelb-weißen Flaggen erschienen. Die Sicherheit der Prozession hatte aber die Stadtverwaltung gewährleistet. Und Polizeibeamte hatten die Symbole des Zarenreichs vor einem Sich-Anschließen an die Prozession abgenommen. Diese Fälle lösten einige Aufregung in der Gesellschaft, ließ Unzufriedene zurück, und es kam ungutes Gerede auf.
In diesem Jahr sind einen Monat vor dem Ereignis klare Anweisungen aufgetaucht, wie die religiösen und patriotischen Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können. „Zugelassen zum Tragen während bei der Prozession werden: kanonische Ikonen, Kirchenfahnen, Banner und Wimpel mit der Darstellung von Heiligen, aber auch mit Namen oder Emblemen kanonischer Strukturen der Russischen orthodoxen Kirche sowie die Staatsflagge Russlands“, heißt es auf der Internetseite der Veranstaltung. Für die Ikonen, Banner und Wimpel sind die erlaubten Abmessungen und Materialien festgehalten worden. Keinerlei Metall!
Im vergangenen Jahr hatte man die Moskauer Prozession und die derartige Veranstaltung im Herbst 2024 in Sankt Petersburg als einen Ersatz für die Russischen Märsche bezeichnet. Eine Analogie drängt sich natürlich auf. Der allererste Russische Marsch hatte am 4. November 2005 stattgefunden. Damals sollte diese Veranstaltung bei den älteren Generationen den bitteren „Nachgeschmack“ nach dem gecancelten Tag der Oktoberrevolution und November-Paraden (am 7. November) verdrängen, da als dessen Ablösung der Tag der Volkseinheit eingeführt worden war (auf der Grundlage eines im Jahr 2004 verabschiedeten föderalen Gesetzes – Anmerkung der Redaktion). Jedoch hatte der erste Marsch solch eine ausgeprägte nationalistische Färbung, die bei weitem nicht die Einheit des polyethnischen Landes zum Ausdruck brachte, dass man sich bemühte, im Weiteren die politische Energie der Massen auf einen konstruktiveren Patriotismus umzuswitchen. Letztlich stellte man die Märsche einfach ein, zumal die COVID-Pandemie begonnen hatte und mit ihr verbundene Einschränkungen wirksam wurden.
Jetzt aber ist die Empfindung aufgekommen, dass die ungezügelten Emotionen ein Schlupfloch in den Initiativen der Russischen orthodoxen Kirche gefunden haben. Ja, nationalistisch eingestellte junge Menschen zogen mit Kirchenfahnen durch Moskau und Petersburg, und nicht mit einem heidnischen Wolfsrachen auf dem Kopf (solch einen Fall hatte es beim Russischen Marsch gegeben). Aber selbst die kirchliche nationalistische Energie macht offensichtlich der Administration Sorgen. Daher säubert man die Prozession von einer politisierten Grassroots-Initiative. Nicht zufällig hat man per Gesetz religiöse Umzüge von politischen Manifestationen getrennt. Und wir werden nicht vergessen, dass weiter COVID-Einschränkungen gelten (in Moskau, wobei diese selektiv angewandt werden, zum Beispiel nicht bei großen Konzerten im Luschniki-Stadion mit zehntausenden Besuchern, aber bei Protestaktionen der Opposition mit nur wenigen Teilnehmern – Anmerkung der Redaktion). Von daher die Ordnungsmäßigkeit der Veranstaltung.
Auf den im September anstehenden großen Bittgang bereitet sich die Moskauer Patriarchie mit einer Vorfreude auf einen Erfolg vor. Laut bisherigen Berechnungen soll er auch in diesem Jahr mit seiner Dimension die Bedeutsamkeit der Kirche in der russischen Gesellschaft demonstrieren. Aber dieser Triumph soll der Russischen orthodoxen Kirche gerade als einer religiösen Institution zum Nutzen gereichen. Einer gesellschaftlichen Institution, die klar ihre Funktionen begreift und nicht den Versuch unternimmt, über den Rahmen der umrissenen Grenzen hinauszugehen. Die Kirche darf nicht zeigen, dass sie als ein Punkt für das Formieren irgendwelcher spontaner, schlecht zu steuernder Kräfte dient. Die Prozessionsteilnehmer werden unter Kirchenfahnen festgelegter Form durch die russische Hauptstadt ziehen und sich unter einer Flagge zusammenschließen, unter der russischen Trikolore.