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In Armenien hat sich doch noch ein Richter für den Katholikos gefunden


In Armenien begann am 7. August ein Prozess gegen das Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche (AAK), Garegin II., und sechs Bischöfen, die zum Obersten geistlichen Rat gehören. Ihnen droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren gemäß dem Paragrafen über die Nichterfüllung eines Gerichtsbeschlusses oder die Behinderung dessen Realisierung, was unter Ausnutzung von Dienstvollmachten oder des von ihnen ausgeübten Einflusses vorgenommen wurde. Armenische Geistliche in der ganzen Welt haben sich gegen das offizielle Jerewan aufgestellt, wobei sie es des Versuchs bezichtigen, eine der Stützen der Nation zu zerstören.

Es sei daran erinnert, dass Anfang Januar Bischof Arman Sarojan die Idee von Premier Nikol Paschinjan unterstützt hatte, Garegin II. als Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche abzusetzen, Entsprechend den Regeln innerhalb der Kirche gibt es keine solche Prozedur. Daher hatten Sarojan und einige andere rebellierende Geistliche vorgeschlagen, die Organisation zu reformieren. Als Antwort entließ Garegin II. Sarojan. Der hatte überdies erklärt, dass der Katholikos kein wahrer sei und er sich der Anordnung nicht unterordnen werde.

Die erste. Letztlich vom Regierungschef initiierte Gerichtsverhandlung am 7. August war eine geschlossene und dauerte ganze 20 Minuten, da der Richter Akob Manukjan sich für befangen erklärte.

„Manukjan war früher Anwalt, und die Lizenz hatte ich ihm überreicht. Doch nach meiner persönlichen Auffassung war dies nicht der Grund, um sich für befangen zu erklären. Der Richter war der Meinung gewesen, dass dies Zweifel auslösen kann“, erläuterte der Anwalt der Vertreter der AAK Ara Zograbjan.

Zum neuen Richter in dem Strafprozess wurde der 31jährige Sersh Ruschanjan. Er ist dadurch bekannt, dass er die Rechtsschutzorgane veranlasste, ein Verfahren entsprechend dem Paragrafen über Rowdytum gegen Anhänger von Premierminister Nikol Paschinjan einzuleiten, die an den Mauern von Etschmiadsin (der Sitz des Oberhauptes der AAK – Anmerkung der Redaktion) Ende des vergangenen Jahres protestiert hatten. Ruschanjan wurde in Jerewan geboren und erhielt eine Hochschulausbildung in der Französischen Universität Armeniens, in der Lyon III, auch Jean-Moulin-Universität sowie in der Sorbonne und in der University of Cambridge. Von 2020 bis einschließlich 2022 arbeitete er als Assistent und Berater im Justizministerium. Und im Jahr 2023 wurde er Richter der ersten Instanz – zuerst im Verwaltungsgebiet Tawusch und danach in dem von Armawir.

Wie das armenische Nachrichtenportal Pastinfo betont, gehöre Ruschanjan nicht zu den Richtern, die als unbedingt loyale gegenüber Paschinjan gelten. Laut Angaben dieses digitalen Mediums sei die Wahl nur deshalb auf ihn gefallen, da sich die andere Diener Justitias im Urlaub befinden würden.

Wie dem nun auch immer sein mag, das Patriarchat von Konstantinopel bekundete der AAK Besorgnis aufgrund der Situation um Garegin II. und seinem Team. Dort ist man der Auffassung, dass die Anschuldigungen und die weltliche gerichtliche Untersuchung in Bezug auf den Katholikos und der Bischöfe zutiefst die Ehre und Würde der Kirche kränken würden. Die Armenische Apostolische Kirche spiele weiter eine Schlüsselrolle im geistlichen, nationalen und Gemeindeleben der Armenier der Diaspora, wird in einer Erklärung des Patriarchats unterstrichen.

Folglich schadet jeglicher Schritt, der auf eine Schwächung der Autorität von Etschmiadsin ausgerichtet ist oder dessen Integrität antastet, den seit Jahrhunderten bestehenden Verbindungen zwischen der Kirche und ihrer Gemeinde“, unterstrich man in Konstantinopel.

Mit einem ähnlichen Appell ist das Patriarchat der AAK von Jerusalem aufgetreten. Dort ist man der Annahme, dass eine Einmischung staatlicher Behörden in die inneren kanonischen und administrativen Angelegenheiten der Kirche dem Prinzip ihrer Autonomie widerspreche und einen gefährlichen Präzedenzfall in den Beziehungen zwischen den Geistlichen und dem Staat schaffe.

Wir rufen die Staatsbeamten auf, wie wir dies mehrfach getan haben, eine achtende Haltung gegenüber unserer Kirche und der Person seiner Heiligkeit an den Tag zu leben und diese Fragen im Rahmen eines gegenseitigen Einvernehmens und der Anstandsregeln zu behandeln, wobei die Gesetze des Staates aber auch auch die innere Ordnung und Regeln der Kirche respektiert werden“, erklärte Katholikos Aram I., das Oberhaupt des Katholikats des Großen Hauses von Kilikien (der Armenischen Apostolischen Kirche mit Sitz in Antelias, Libanon).

Das Oberhaupt der Armenischen Diözese Rumäniens Tatew Akopjan verknüpfte ganz und gar das Verfahren gegen Garegin II. mit dem Fall der selbst ausgerufenen Republik Bergkarabach (Arzach).

Leider lenken nach dem tragischen Untergang von Arzach die Herrschenden die Aufmerksamkeit der armenischen Öffentlichkeit von den realen nationalen Problemen ab, anstatt die eigenen Fehler anzuerkennen und eine nationale Einheit auszuprägen, und zielen es dagegen auf eine Institution ab, die im Verlauf von Jahrhunderten die letzte und sicherste Zufluchtsstätte für die Armenier gewesen war“, sagte er.

Außerdem sind für eine Unterstützung von Garegin II. die Östliche Diözese der AAK in den USA, Geistliche aus Syrien, Deutschland und dem Irak aufgetreten. Sie alle bewerteten den Prozess gegen den Katholikos als eine Einmischung des Staates in die Angelegenheiten der Kirche.

Das Oberhaupt der AAK an sich ist voller Entschlossenheit, bis zum Ende zu kämpfen. Er rief gleichfalls die Einwohner Armeniens auf, der Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Intoleranz, die nach seiner Meinung in der Republik herrschen würden, ein Ende zu bereiten, aber auch eine Verbreitung von Äußerungen zu verhindern, die Hass schüren.

Wie der politische Analytiker Tigran Kotscharjan gegenüber der „NG“ erklärte, sei der Prozess gegen den Katholikos eine Fortsetzung des Kampfes von Paschinjan zur Erlangung einer Kontrolle über die AAK. „Gegenwärtig ist es die Hauptaufgabe der Herrschenden, einen Richter zu finden, der seinen Namen durch ein Urteil gegen den geistlichen Führer aller Armenier beschmutzt. Strategisch wird dies aber kaum etwas ändern. Selbst wenn Garegin II. und die sechs Bischöfe für zwei Jahre ins Gefängnis kommen und man Etschmiadsin mit Stacheldraht umgeben wird, wird sich die AAK nicht dem Premierminister unterordnen. Garegin II. war und wird der Katholikos bleiben“, unterstrich Kotscharjan.

P. S.

Wann das Verfahren gegen das Oberhaupt der Armenischen Kirche und die weiteren sechs Bischöfe fortgesetzt wird, ist bisher unbekannt. Die aktuelle Situation beeinträchtige aber „die normale Tätigkeit unserer Kirche“, betonte Serovpe Isachanjan, der Bischof der deutschen Diözese der AAK, in einer gemeinsamen Erklärung mit zwei weiteren Bischöfen seiner Kirche aus Syrien und dem Irak. Darin beklagten sie „die Spannungen und das gegenseitige Misstrauen“ zwischen Staat und Kirche in Armenien. „Wir sind überzeugt, dass derartige komplexe und sensible Fragen nicht durch rechtlichen Druck, strafrechtliche Verfolgung, scharfe Konfrontation oder Einmischung in das innere Leben der Kirche zu einer gerechten und dauerhaften Lösung geführt werden können“, so die drei Bischöfe. „Vielmehr besteht die Gefahr, dass solche Entwicklungen gesellschaftliche Spannungen weiter verschärfen, bestehende Spaltungen vertiefen und das Vertrauen in die demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen des Landes beeinträchtigen“.

Die Armenische Apostolische Kirche hat in dem Land traditionell viel Einfluss. 90 Prozent der Bevölkerung Armeniens bekannten sich 2022 in der letzten Volkszählung zu ihr. Garegin II. selbst, der am 21. August 75 Jahre alt wird, ist seit 1999 Oberhaupt der Kirche und studierte Theologie in Armenien, Wien, Bonn (Mitte der 1970er) und Russland.