Wladimir Selenskij wird Technologien erhalten, die erlauben sollen, schon in diesem Jahr auf ukrainischem Territorium Flügelraketen des Typs SCALP/Storm Shadow herzustellen, die für ein Treffen gut geschützter Objekte in einer Entfernung von hunderten Kilometern bestimmt sind. Dies ist wohl die markanteste Bilanz des Treffens der „Koalition der Willigen“ in Kiew. Seine Teilnehmer hatten jene Tatsache nicht besonders verheimlicht, obgleich auch nicht unterstrichen, dass der Ort des Treffens mit einem Ziel ausgewählt worden war – um der Ukraine zu erlauben, Feierlichkeiten aus Anlass des Unabhängigkeitstages abzuhalten, ohne russische Bomben und Raketen fürchten zu müssen. Zum hauptsächlichen Newsmaker der Veranstaltung wurden außer der ukrainische Präsident der neue britische Premier Andy Burnham, für den dies der erste Auslandsbesuch gewesen war, und — wie merkwürdig – der nicht nach Kiew gekommene Donald Trump. Der Präsident der USA war einer der wenigen westlichen Staats- und Regierungschefs, die Selenskij nicht persönlich zum Tag der Unabhängigkeit gratulierten.
Seit 2022 hat sich eine gewisse Tradition in den Beziehungen der Ukraine und der Länder des Westens herausgebildet: Jeden 24. August, wenn in Kiew der Tag der Unabhängigkeit gefeiert wird, werden in der ukrainischen Hauptstadt irgendwelche wichtigen internationalen Begegnungen unter Beteiligung von Staatsoberhäuptern durchgeführt. Sie übernehmen die Rolle eines „lebenden Schutzschilds“ vor möglichen russischen Schlägen. In diesem Jahr haben in Kiew ganz zwei solcher Begegnungen stattgefunden. Erstens erfolgte durch ein Summit der „Nordbaltischen 8“ (NB8). Zu diesem Format, das sofort nach dem Zerfall der UdSSR für eine Annäherung der baltischen Länder mit Europa entstanden war, gehören neben Estland, Lettland und Litauen Norwegen, Finnland, Schweden, Dänemark und Island. All diese Staaten (mit Ausnahme Islands, das keine Armee hat) gehören zu den am aktivsten und konsequentesten europäischen Staaten, die der Ukraine helfen. Zweitens war neben den NB8 in Kiew die „Koalition der Willigen“ zusammengekommen.
Sie vereint 34 Länder, die der Ukraine nicht nur helfen, sondern auch bereit sind, entweder ihre Militärkontingente für eine Unterstützung des Friedens nach Beendigung der Kampfhandlungen zu entsenden oder solchen Kontingenten zu helfen.
Bahnbrechende Entscheidungen, die etwas grundlegend im russisch-ukrainischen Konflikt verändern, erwartet natürlich keiner von solchen Veranstaltungen. Sie sind wichtig allein schon durch die Tatsache ihrer Durchführung an sich, durch die begleitenden Ereignisse, aber auch durch die Zusammensetzung der Teilnehmer. Dieses Mal sollte zum bedeutendsten Gast Selenskij Burnham werden. Der frühere Bürgermeister von Groß-Manchester hat im Juli das Amt des Premiers von Großbritannien angetreten. Und dies war seitdem sein erster offizieller Auslandsbesuch. Von Burnham erwartete man in Kiew Versicherungen hinsichtlich dessen, dass der Kurs auf eine Unterstützung für die Ukraine unverändert sei, und irgendein „Geschenk“. Und der britische Premier hat Selenskij nicht enttäuscht.
„Russland darf keinerlei Zweifel an unserer Entschlossenheit haben. Wir werden nicht zurückweichen, solange kein gerechter und stabiler Frieden erreicht wird“, erklärte Burnham in Kiew. Und über das „Geschenk“ des Premiers hatte die britische Regierung dir Öffentlichkeit vorab auf ihrer Internetseite informiert. Raketen des Typs Storm Shadow (der englische Name der gemeinsamen franko-britischen Entwicklung ist in Frankreich als SCALP bekannt) sollen auf ukrainischem Territorium hergestellt werden. Die Regierung von Burnham hat dem Entwicklungsunternehmen erlaubt, der Ukraine geheime Daten zu übergeben, die für das Anschieben einer Fertigung notwendig sind. Das franko-britische Unternehmen MBDA rechnet damit, dass die ersten Raketen, die auf dem Territorium der Ukraine gefertigt werden, bereits bis zum Jahresende in Dienst gestellt werden. All dies gefiel Selenskij so sehr, dass er Burnham eine Auszeichnung mit dem Namen „Dankbarkeit des ukrainischen Volkes“ überreichte. Sie war nicht für den britischen Premier, sondern für das Volk Großbritanniens bestimmt. Seinerseits polemisierte Burnham indirekt mit dem Pressesekretär des russischen Präsidenten Dmitrij Peskow, der das „Geschenk“ des britischen Premiers als ein „Gießen von Öl in das Feuer“ des Konflikts bezeichnet hatte. „Wer hat dieses Feuer entfacht?“, fragte Burnham, wobei sowohl er als auch seine Zuhörer diese Frage für eine rhetorische Halten. Alles in allem war der Protokoll- und rituelle Teil des Besuchs eingehalten worden.
Die „Koalition der Willigen“ hat Selenskij nichts prinzipiell Neues zur wichtigsten der mit den Kampfhandlungen verbundenen Fragen, die ihn gegenwärtig beunruhigen, mitgeteilt und konnte dies auch nicht tun. Der ukrainische Präsident will von den Verbündeten Luftverteidigungsmittel erhalten, vor allem solche, die russische ballistische Raketen abzufangen erlauben. Selenskij hatte mehrfach erklärt, dass dies der schwächste Punkt der Verteidigung der Ukraine sei. Die Schläge ballistischer Raketen erlauben, große Objekte (insbesondere Kraftwerke) lahmzulegen. Als effektives Mittel gegen sie gelten die US-amerikanischen Patriot-Raketen, doch deren Herstellung kommt nicht dem Verbrauch in den Konflikten hinterher, in die die USA involviert sind. Beschlossen wurde, von Plänen, Patriot-Raketen direkt in der Ukraine herzustellen, Abstand zu nehmen. Die verlangt viel Zeit (mehrere Jahre). Doch die Raketen brauchen die Ukrainer schon jetzt, und besonders werden sie im anstehenden Winter gebraucht. Selenskij rechnet nur mit dem europäischen analogen Modell zu den Patriot-Raketen, den franko-italienischen Raketen SAMP/T. Nach seinen Worten werde die Ukraine bereits im Herbst einen solchen Fla-Raketen-Komplex erhalten. Der französische Präsident Emmanuel Macron, der per Video-Konferenzschaltung am Treffen der „Koalition der Willigen“ teilgenommen hatte, bestätigte dies.
Aus Anlass des Unabhängigkeitstages erhielt Selenskij viele Glückwünsche. „Die historischen Schicksale des weißrussischen und des ukrainischen Volkes sind eng miteinander verflochten. Unsere Nationen verbinden Jahrhunderte lange Traditionen, die Erinnerungen an gemeinsame Siege und schwere Prüfungen“, heißt es unter anderem in einer Grußadresse des Präsidenten Weißrusslands, Alexander Lukaschenko. „Ich schätze hoch die Ergebnisse Ihres Arbeitsbesuchs in Aserbaidschan im April dieses Jahres, unsere Begegnung mit Ihnen. Zweifellos sind die regelmäßigen Treffen und Kontakte, die gegenseitige Unterstützung in Fragen der territorialen Integrität und Souveränität unserer Länder die Hauptfaktoren, die die Festigung der zwischenstaatlichen Bande bedingen“, schrieb Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew Selenskij. Ja, aber Trump hat dem ukrainischen Staatschef und dem Volk der Ukraine nicht gratuliert. An seiner Stelle tat dies Außenminister Marco Rubio. In einer kurzen Mitteilung, die im Übrigen nicht an Selenskij, sondern an das Volk der Ukraine gerichtet war, erinnerte er daran, dass die USA „an der Souveränität der Ukraine festhalten und weiter an einer Unterstützung für eine Regelung“ deren Konflikts mit der Russischen Föderation „durch Verhandlungen, die einen festen und langfristigen Frieden herstellen werden, arbeiten“. Es ergab sich da eine Andeutung dahingehend, dass Trump doch beabsichtige, so oder anders seine friedensstiftenden Anstrengungen fortzusetzen.