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Die Türkei versucht, einen neuen Getreide-Deal zu erreichen


Der ukrainische Botschafter in Ankara ist in Außenministerium der Türkei einbestellt worden, meldete am 29. August die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Die Einbestellung hing mit den andauernden Attacken gegen Schiffe im Schwarzen Meer zusammen. Zu Opfern des Beschusses werden immer mehr türkische Seeleute. Laut Angaben türkischer Medien versuchen die Offiziellen des Landes, Russland und die Ukraine zu überreden, den Getreidedeal des Jahres 2022 wiederaufzunehmen. Er ist auch im Interesse der türkischen Wirtschaft und Schifffahrt. Die Perspektiven dafür, dass die Kampfhandlungen im Bereich des Schwarzen Meeres auf eine Pause gestellt werden, sehen jedoch vage aus.

Die Einbestellung des ukrainischen Botschafters Nariman Dsheljalow hing unmittelbar mit erneuten Angriffen gegen türkische Schiffe an der russischen Schwarzmeerküste zusammen. Im Gebiet von Tuapse war die Frachtgutfähre „Lider Bordo Mavi“ am 26. August durch drei Drohnen attackiert worden. Am darauffolgenden Tag, als der Schiffseigner versuchte, das beschädigte Schiff in den türkischen Hafen Samson zu bringen, wurde der Schlepper „Lider Kocatepe“ auch angegriffen. Die Türkei hatte die Ukraine nicht direkt bezichtigt. Auf jeden Fall ist in der Mitteilung des türkischen Außenministerium keine Rede davon. Aber allein die Tatsache der Einbestellung gerade des Botschafters der Ukraine an sich verweist darauf, wen man in Ankara verantwortlich macht.

Die andauernden Attacken auf türkische Schiffe, die Fahrten nach Russland unternehmen (aber auch in die Ukraine – Anmerkung der Redaktion) müssen besonderen Unmut der Offiziellen der Türkei angesichts der August-Ereignisse auslösen. In diesem Monat war bekannt geworden, dass die türkisch-ukrainische militärische Zusammenarbeit spürbar aktiviert werde. Laut einer Mitteilung des US-Außenministeriums beabsichtige die Türkei, eine große Partie von Waffen im Wert von über 250 Millionen Dollar an die Ukraine zu liefern. Zu ihr sollen Militärerzeugnisse amerikanischer Fertigung gehören, unter anderem 70 ballistische M39-Raketen (eine frühere Modifikation der ATACMS-Raketen), aber auch zwölf Startrampen für die Mehrfachraketenwerfer M270 MLRS, die aus der Bewaffnung der türkischen Armee entfernt werden. Da alles in den USA für die Türkei hergestellt wurde, ist eine Übergabe an die Ukraine nur mit Zustimmung der Amerikaner möglich. Das State Department hat sein „Go“ gegeben, an der Reihe ist jetzt der Kongress. Sein Unterhaus, das Repräsentantenhaus, war bis zum 31. August im Urlaub. Das Oberhaus – der Senat – ist bis 14. September im Urlaub. Angaben über eine Änderung der Pläne der Türkei hinsichtlich der Waffenlieferungen an die Ukraine sind nicht aufgetaucht. Anstelle dessen hat man in Ankara vor, ein Moratorium für die Kampfhandlungen im Schwarzen Meer zu erreichen.

Bereits am 8. August hatte der türkische Außenminister Hakan Fidan Russland und der Ukraine vorgeschlagen, einen Mechanismus zu schaffen, der erlauben würde, Attacken gegen zivile Schiffe dritter Länder zu verhindern. Jetzt aber arbeite die türkische Diplomatie in einer neuen Richtung, wie das türkische Blatt „Ekonomim“ berichtete. Sie schicke sich an, eine Wiederaufnahme des Getreide-Deals zu erreichen – einen Korridor für die Lieferung von Getreide und Düngemitteln über das Schwarze Meer. Der Deal, der von der Russischen Föderation, der Ukraine, der Türkei und der UNO vereinbart worden war, hatte die Schaffung eines Seekorridors aus drei ukrainischen Häfen – aus Odessa, Tschernomorsk und Juschnyj – vorgesehen. Der Deal war mehrmals verlängert worden, bis er ab 18. Juli 2023 auf Initiative der russischen Seite gestoppt wurde. In der Russischen Föderation erklärte man, dass der Russland betreffende Teil des Deals nicht realisiert werde. Die Ammoniakpipeline Togliatti-Odessa war nicht wieder in Betrieb genommen worden, die staatliche Rosselchosbank war nicht zum System SWIFT angeschlossen worden, und nicht erlaubten wurde die Einfuhr von Ersatzteilen und Ausrüstungen für die Herstellung von Landwirtschaftstechnik nach Russland und das Anlaufen ausländischer Häfen durch russische Schiffe usw. „Ekonomim“ hat die gegenwärtige Position des türkischen Außenministerium in Bezug auf diese Bedingungen nicht näher erläutert. Ob die Türkei deren Erfüllung erreichen oder noch etwas vorschlagen werden, ist unbekannt.

Ekonomim“ unterstrich, dass der Getreidekorridor nicht nur für die russischen und ukrainischen Getreideerzeuger, sondern auch für das türkische Business von Interesse wäre. Das Blatt führte die Meinung des Präsidenten der Istanbuler Vereinigung der Exporteure von Getreide, Hülsenfrüchten und Ölkulturen sowie Produkten aus ihnen (İHBİR), Kazım Taycı, an. „Die Türkei verfügt über eine ausreichende Getreideproduktion für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Ein reales Risiko ist jedoch mit dem Export von verarbeitetem Getreide verbunden. Wir verarbeiten aus der Ukraine und aus Russland importiertes Getreide in unserem Land und exportieren es auf die Weltmärkte. Im vergangenen Jahr erreichten wir ein Exportvolumen von 13 Milliarden US-Dollar. Und in diesem Jahr streben wir eine analoge Zahl an. Diese Erzeugnisse besitzen einen außerordentlich großen Mehrwert und gewährleisten einen erheblichen Zustrom ausländischer Gelder in die Wirtschaft des Landes. Wenn der Getreidekorridor nicht wieder geöffnet wird, können wir Exportverluste erleiden, die in der langfristigen Perspektive schwer wettgemacht werden“, warnte er. Taycı bezeichnete die Wiederaufnahme des Getreide-Deals als eine Angelegenheit, die „eine kritisch wichtige Bedeutung sowohl für die Türkei als auch für die ganze Welt hat“: Schließlich gewährleisten Russland und die Ukraine etwa 40 Prozent des Weltbedarfs an Getreide ab.

P. S.

Bei den Bischkek-Gesprächen von Kremlchef Wladimir Putin und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die bei Redaktionsschluss des vorliegenden Beitrags noch nicht begonnen hatten, wird es mit Sicherheit nicht nur um den Getreide-Deal gehen. Nach dem Briefing der Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa, das am Dienstag in Wladiwostok stattgefunden hatte, wurde deutlich, dass es sicherlich auch um die türkischen Waffenlieferungen an die Ukraine gehen wird. Auf eine entsprechende Frage, ob man in Moskau schon Erklärungen zu der möglichen Waffenübergabe an Kiew aus Ankara und Washington erhalten habe, antwortete sie: „Bisher nicht. Ich habe keine solchen Informationen“. Erinnert sei, dass am 15. August das russische Außenministerium mitgeteilt hatte, dass man entsprechende Erklärungen in Washington und Ankara angefragt hätte.

Und was den Beschuss von Schiffen im Schwarzen Meer angeht, ist auffällig, dass das russische Verteidigungsministerium keine Angaben zu den angegriffenen Schiffen vor und in ukrainischen Häfen macht, sprich: unter welcher Flagge sie fahren. Dafür vergeht nicht ein Tag, an denen das Ministerium Meldungen über Angriffe auch gegen Hafenanlagen in den ukrainischen Häfen verbreitet. Und die werden bekanntlich auch für den Export ukrainischen Getreides genutzt.