In Russland nimmt die Verbreitung onkologischer Erkrankungen schnell zu. Und diese Zunahme kann sich in den nächsten Jahren noch mehr beschleunigen. Die Erhöhung der Anzahl von Krebskranken erklärt man im russischen Gesundheitsministerium mit der generellen Alterung der Bevölkerung. Die alljährlichen Haushaltsausgaben für die Diagnostik und Behandlung von Krebs machen über 390 Milliarden Rubel aus (und dies ohne die Ausgaben der Bürger Russlands aus der eigenen Tasche, um unter anderem schneller ärztliche Hilfe zu erhalten oder Medikamente zu erwerben – Anmerkung der Redaktion). Im vergangenen Jahr wurde bei 720.000 Bürgern Russlands erstmals Krebs diagnostiziert. Und dies im um das 1,5fache mehr als vor 20 Jahren. Die Erkrankungsrate in Bezug auf Krebs könne sich weltweit verdoppeln, warnt man in der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Die Zunahme der Krebserkrankungen ist ein genereller weltweiter Trend. Ärzte erklären die globale Zunahme der Anzahl bösartiger Neubildungen mit der Alterung der Bevölkerung, der Fettsucht, aber auch mit der Luftverschmutzung. Bis zum Jahr 2050 könne sich die Zahl der neuen Krebsfälle verdoppeln, prognostizieren Spezialisten der WHO. Als ein Hauptproblem bei der Krebsbekämpfung halten Experten die krassen Unterschiede zwischen den armen und reichen Ländern auf dem Gebiet der Diagnostik und bei der nachfolgenden Behandlung. In den reichen Ländern stellt man mehr Neubildungen fest, doch heilt man da auch weitaus mehr Patienten als in den armen Ländern.
Irgendeine onkologische Erkrankung entwickelt sich bei jedem fünften Menschen der Erde. Heute stirbt weltweit jeder zehnte Mann an Krebs und eine von jeweils zwölf Frauen. Doch diese Werte nehmen praktisch in allen Ländern schnell zu.
So erhielten in Russland laut Angaben des staatlichen Statistikamtes Rosstat im vergangenen Jahr fast 720.000 Menschen die Diagnose einer erstmals festgestellten bösartigen Neubildung. Und dies war um das 1,5fache mehr als im Jahr 2005. Gesundheitsminister Michail Muraschko erklärte, dass in den nächsten 20 bis 30 Jahren der Verbreitungsgrad von Krebserkrankungen in unserem Land noch einmal um das 1,5fache zunehmen könne.
Das Hauptproblem bei der Diagnostik und Behandlung von Krebs ist der unzureichende Finanzierungsgrad in den armen Ländern oder den Ländern, wo die einheimischen Behörden versuchen, die Finanzierung des nationalen Gesundheitswesens einzuschränken. Laut WHO-Angaben würden nur in 39 Prozent der Länder der Welt die Basisleistungen für eine Behandlung und Diagnostik durch die Systeme einer allgemeinen Krankenpflichtversicherung gedeckt werden und zum Paket der medizinischen Grundleistungen für alle Bürger gehören. Nur in 28 Prozent der Länder umfasse das Paket der medizinischen Basisleistungen die Gewährung palliativer Hilfe, darunter auch die Behandlung des Schmerzsyndroms.
Die Kosten für eine Behandlung und Prophylaxe onkologischer Erkrankungen in der Russischen Föderation seien im Vergleich zu den westlichen Ländern um einiges geringer, erklärt die Leitung unseres Gesundheitsministeriums. „Der Unterschied bei den Kosten für die Diagnostik und Behandlung onkologischer Erkrankungen kann das 5fache und mehr bei einem hochtechnologischen Niveau, das in Vielem nicht mit den Möglichkeiten auch vieler europäischer Länder vergleichbar ist, erreichen“, erklärte Michail Muraschko gegenüber ausländischen Diplomaten. Er fügte hinzu, dass die chirurgische Hilfe bei der Behandlung von Brust- und Lungenkrebs sowie Krebs der Organe der Bauchhöhle in Russland um das 5- bis 7fache billiger als in Deutschland und um das 2- bis 3fache billiger als in Südkorea sei.
Laut Angaben des russischen Gesundheitsministeriums nehme die Feststellung von Krebs in Frühstadien in Russland zu. Die 5-Jahre-Überlebensrate von Patienten mit einer Krebserkrankung habe in Russland um fast zehn Prozent zugenommen, teilte Muraschko mit. Die Finanzierung der Behandlung onkologischer Erkrankungen ist im vergangenen Jahr bis auf 390 Milliarden Rubel angestiegen, was fast um 15 Prozent mehr als in den vorherigen Jahren war.
Für einen Vergleich: Der wirtschaftliche Schaden aufgrund der Verbreitung von Lungenkrebs kann in der Russischen Föderation bis zum Jahr 2030 zwei Billionen Rubel übersteigen. Solche Daten nannten Experten der in Moskau ansässigen Wirtschaftshochschule (HSE), die sich mit solchen Berechnungen mit Unterstützung des Pharma-Konzerns Roche befasst hatten. Laut Aussagen der Wissenschaftler aus der HSE bestehe in Russland ein „kritischer Bedarf an einer Revision der staatlichen Strategie zur Bekämpfung dieser Erkrankung“. Die Ausgaben für eine onkologische Hilfe dürften nicht mehr als ein „Posten von Ausgaben“ angesehen werden. Und man müsse zum Modell eines langfristigen Investierens in die Bewahrung des Menschen-Kapitals des Landes übergehen.
Nach Aussagen von Minister Muraschko sei eine Erhöhung der Zugänglichkeit unterschiedlicher Behandlungsarten, darunter einer modernen medikamentösen Anti-Tumor-Therapie sehr wichtig, zur gleichen Zeit aber eine hinsichtlich der Ressourcen aufwendige Richtung.
Die am meisten verbreitete onkologische Erkrankung in der Welt bleibt der Lungenkrebs, auf den 12,4 Prozent der Gesamtzahl neuer Krebsfälle entfallen (2,5 Millionen).
An zweiter Stelle rangiert Brustkrebs bei Frauen (2,3 Millionen Fälle, 11,6 Prozent), nach dem Kolorektalkrebs (Darmkrebs) mit 1,9 Millionen Fällen (9,6 Prozent), Prostata-Krebs (1,5 Millionen Fälle, 7,3 Prozent) und Magenkrebs (970.000 Fälle, 4,9 Prozent) folgen.
Fast vier von jeweils zehn Krebsfällen in der Welt sind mit verhinderbaren Krebsfaktoren verbunden, vor allem mit Infektionen, ausgelöst durch das humane Papillomavirus, Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Viren und das Bakterium Helicobacter pylori, wird in einem WHO-Report berichtet. Zu den verhinderbaren Risikofaktoren rechnen die Experten den Tabak- und Alkoholgenuss, aber auch einen hohen Body-Mass-Index und einen Mangel an physischen Aktivitäten.
Den großen Unterschied bei der Feststellung von Krebs und der Überlebensrate der Patienten verbinden die WHO-Experten direkt mit dem Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index – HDI). Diesen Wert berechnet die UNO, wobei sie u. a. die Lebensniveaus, das Bildungsniveau, die Lebenserwartung bei der Geburt und das Pro-Kopf-Einkommen in den verschiedenen Ländern ins Kalkül ziehen. Russland befindet sich auf dem 50. Platz im Rating von 159 Ländern entsprechend dem Index der menschlichen Entwicklung. In Abhängigkeit vom HDI-Wert werden die Länder üblicherweise entsprechend dem Entwicklungsniveau klassifiziert – ein sehr hohes (42 Länder), ein hohes (43 Länder), ein mittleres (42 Länder) und ein geringes (42 Länder) Niveau. Russland gelangte in verschiedenen Jahren in die Gruppe der Länder mit einem hohen Entwicklungsstand oder gar mit einem sehr hohen.
In der WHO spricht man „von einer kolossalen Ungleichheit“ der Bevölkerung der verschiedenen Länder hinsichtlich der Möglichkeiten für eine Behandlung und Diagnostik von Krebs. So wird in den Ländern mit einem sehr hohen HDI-Wert Brustkrebs im Verlauf des Lebens bei einer von zwölf Frauen diagnostiziert. Und an dem stirbt nur eine von 71 Frauen. In den Ländern mit einem geringen HDI-Wert wird dagegen Brustkrebs im Verlauf des Lebens bei einer von 27 Frauen diagnostiziert. Und an ihm stirbt eine von 48 Frauen.
Mit einer Krebsdiagnose – bei sich oder einem nahen Verwandten — werden die meisten Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt des Lebens konfrontiert. Neben den medizinischen Konsequenzen bleibt Krebs aus finanzieller und sozialer Sicht eines der schwersten Ereignisse für Menschen, die in Familien leben. Laut Angaben einer Befragung von Krebs-Patienten und deren Verwandten würden sich zumindest für 45 Prozent der Befragten finanzielle Schwierigkeiten ergeben, teilt die WHO mit. Mehr als die Hälfte der Onkologie-Patienten und deren Verwandten berichten über Probleme mit der psychischen Gesundheit. Fast alle Menschen, die Krebskranke pflegen, verspüren eine außerordentliche Belastung, unter anderem aufgrund der Notwendigkeit, unbezahlte Arbeiten vor dem Hintergrund einer Verringerung der Kontakte durchzuführen.