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Ein Kardinal in der Grauzone


Der Sonderbeauftragte des Papstes für die Beilegung des Ukraine-Konflikts. Kardinal Matteo Zuppi, unternahm einen dreitägigen Russland-Besuch (28.-30. September). Ungeachtet der Wichtigkeit der Reise wurde der Aufenthalt des Prälaten in Moskau bis zu seiner Abreise nicht in den Medien verfolgt. Erst nachdem Zuppi in den Vatikan zurückgekehrt war, begannen von russischen Institutionen karge Details über die Gespräche des Kardinals mit den Beamten an die Öffentlichkeit zu gelangen.

Zum ersten und sicherlich einzigen Medium, das einen Bericht darüber vermittelte, womit sich der Sondergesandte in der russischen Hauptstadt befasst hatte, wurde die italienische gesellschaftspolitische Zeitung mit katholischer Ausrichtung „Avvenire“, die der Italienischen Bischofskonferenz (Conferenza Episcopale Italiana – CEI) nahesteht. (In den russischen Nachrichtenagenturen wurde über die Ergebnisse des Besuchs auf der Grundlage einer Mitteilung des Außenministeriums der Russischen Föderation vom 30. September informiert. — Anmerkung der Redaktion) Das dreitägige Programm von Zuppi in Moskau umfasste Treffen mit hochrangigen russischen Beamten, unter anderem mit dem Berater des Präsidenten der Russischen Föderation Jurij Uschakow, der Menschenrechtsbeauftragten Jana Lantratowa und der Beauftragten für Kinderrechte Maria Lwowa-Belowa“, schrieb die Zeitung.

In dem entsprechenden Beitrag hieß es, dass Zuppi am 29. September „ein Objekt besuchte, in dem ukrainische Kriegsgefangene festgehalten werden“. Wie der Kardinal selbst dem Blatt erläuterte, wollte er „Papst Leo XIV. den nahebringen, die auf dem Gefechtsfeld gefangengenommen worden waren, und ihnen die Hoffnung geben, dass alle nach Hause zurückkehren werden. „Ich konnte persönlich mit einigen von ihnen sprechen, um ihren Zustand und die Haftbedingungen zu begreifen. Ich hoffe, dass dieser Besuch einen Gefangenenaustausch stimulieren und eine weitere Entwicklung erfahren wird“, sagte der Prälat in einem Interview für die Zeitung.

In den Abendstunden des 30. September erschien der kurze Bericht des Außenministeriums der Russischen Föderation. In dem Dokument heißt es unter anderem, dass zu einem der relevanten Themen des Besuchs „die humanitäre Krise in der Stadt Aljoschki des Verwaltungsgebietes Cherson geworden war“. „Zuppi wurde ausführlich über die verbrecherischen Handlungen des Kiewer Regimes informiert, das faktisch die Zivilbevölkerung der Stadt als Geisel genommen hat und jegliche Versuche blockiert, Lebensmittel und Medikamente zu liefern und eine Evakuierung der in der Stadt verbliebenen Zivilisten vorzunehmen“, heißt es in der Mitteilung des Außenministeriums. Obgleich in der Veröffentlichung nicht erwähnt wird, im Gespräch mit wem und wann dieses Thema angesprochen wurde, wird die Auffassung vertreten, dass es bei einer Begegnung Zuppis mit dem Berater des Präsidenten, Jurij Uschakow, angesprochen wurde.

„Avvenire“ führte detailliertere Einzelheiten dieser Gespräche an. „Zwei Stunden Diskussion zu fünf Dossiers. Vor allem ein Kriegsgefangenenaustausch – eine Frage, die für die Spitzenvertreter beider Staaten eine wichtige ist. Danach erfolgte die Erörterung eines Austauschs von Zivilisten, was die Aufmerksamkeit Moskaus für die Nichtkombattanten bestätigt, die durch Kiewer Militärs während der Besetzung eines Teils des Verwaltungsgebietes Kursk verbracht worden waren. Danach ging man auf Themen der Suche nach Vermissten, der Wiedervereinigung von Familien und Angelegenheiten von Kindern, die auf das Territorium des anderen Landes geraten waren, ein. Schließlich die humanitäre Krise, die sich in der Stadt Aljoschki am Dnepr abspielt. Zuppi erhielt die Bitte für einen humanitären Korridor für ein Herauskommen der Menschen“, schrieb das Blatt.

Nach Aussagen des Botschafters der Russischen Föderation beim Heiligen Stuhl, Iwan Soltanowskij, sei der Austausch von gefangenen Zivilisten ein neues und kompliziertes Thema. „Erforderlich ist eine sorgfältige Arbeit, um genau zu bestimmen, wer zu dieser Kategorie gehört. Ausgehend von den erhaltenen Listen, ist es immer noch schwer zu beurteilen, inwieweit solche Austausche möglich sind“, unterstrich Soltanowskij im Interview für „Avvenire“, das am 27. September veröffentlicht wurde.

Der Botschafter hatte hinzugefügt, dass „Kardinal Zuppi einen wichtigen Kanal für einen Austausch von Informationen humanitärer Art, darunter über Kriegsgefangene darstellt“. „Dies hilft, die Frage von einer Politisierung zu säubern und erleichtert folglich den Prozess. Während seines letzten Ukraine-Besuchs hatte der Kardinal auch russische Kriegsgefangene besucht. Dies war eine Geste eines großen menschlichen Wertes. Der Austausch von Kriegsgefangenen ist ein sehr schwieriger Prozess, das Ergebnis komplizierter Abkommen. Wenn man Abkommen erzielen kann, ist dies ein sehr wichtiges Ergebnis, das wir natürlich begrüßen“, resümierte der Diplomat.

Die Kontakte von Zuppi mit der Menschenrechtsbeauftragten der Russischen Föderation, mit Jana Lantratowa, waren nicht angekündigt worden. Das Amt hatte Lantratowa am 14. Mai dieses Jahres angetreten, und für sie war dies das erste Treffen mit dem Sondergesandten des Papstes. Über die Ergebnisse der Gespräche mit dem Vatikan-Vertreter schrieb die Staatsbeamtin in einem der sozialen Netzwerke: „Kardinal Matteo Zuppi bekundete die Bereitschaft, das Zusammenwirken zu humanitären Themen fortzusetzen. Hinter jeder solchen Frage stehen lebendige Menschen, die unsere Hilfe benötigen. Ich danke dem Vertreter des Heiligen Stuhls für die konstruktive Vorgehensweise“.

Konkrete Zahlen tauchten nur im Bericht der Bevollmächtigten beim Präsidenten der Russischen Föderation für Kinderfragen, Maria Lwowa-Belowa, auf. „Zu einem der Schlüsselthemen der Begegnung wurde die Wiedervereinigung von Familien… Im Verlauf von vier Jahren wurden mit unserer Unterstützung 32 Kinder aus 24 Familien mit Nächsten in Russland wiedervereint, weitere 145 Kinder aus 118 Familien in der Ukraine und in dritten Ländern. Wir arbeiten hinsichtlich aller uns erreichenden Daten“, unterstrich Lwowa-Belowa.

Die Zeitung „Avvenire“ fügte unter Berufung auf Soltanowskij hinzu: „In Moskau werden alle Listen, die durch Kardinal Zuppi gesandt worden waren, sorgfältig geprüft. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind rund 310 Fälle geprüft worden“.

Im Außenministerium Russlands ist man sich sicher: „Der Besuch von Kardinal Zuppi bestätigte den konstruktiven und regelmäßigen Charakter des Dialogs von Russland und dem Vatikan, die Absicht beider Seiten für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit auf dem humanitären Track“.

Interessant ist, dass am Tag des Eintreffens von Zuppi in Moskau auf den Accounts der Botschaft der Ukraine beim Heiligen Stuhl in den sozialen Netzwerken eine Mitteilung auftauchte, aus der sich ergibt, dass sich der ukrainische Botschafter im Vatikan, Andrej Jurasch, am Vorabend des Besuchs des Sondergesandten in der russischen Hauptstadt mit ihm getroffen hatte, „um die Prioritäten der neuen Etappe der Sondermission des Vatikans zu erörtern“. „Für die Ukraine ist es wichtig, dass die Anstrengungen des Heiligen Stuhls das Erreichen praktischer Ergebnisse fördern, die Freilassung widerrechtlich festgenommener Personen, die Wiedervereinigung von Familien und den Erhalt von Informationen über jene, deren Aufenthaltsort nach wie vor unbekannt ist“, heißt es in der Mitteilung über diese Kontakte.

Noch vor dem Besuch der russischen Hauptstadt hatte Kardinal Matteo Zuppi unterstrichen: Jeden Schritt von ihm in Moskau werde Papst Leo XIV. kontrollieren. Und obgleich der Pontifex selbst in dieser Zeit zu einem apostolischen Besuch in Frankreich weilte, hatte ihn das Thema des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland nicht losgelassen. Am 28. September hatte er bei seinem Auftritt vor europäischen Staats- und Regierungschefs in der französischen Stadt Metz die Teilnehmer der Gespräche aufgerufen, „sich auf Zugeständnisse für das Erreichen von Frieden einzulassen“.

Allerdings vermag man nicht einmal in der Ukraine, einen Kompromiss zu finden und „Sich auf Zugeständnisse einzulassen“. Anfang Oktober hatte beispielsweise der Volksabgeordnete von der Partei „Europäische Solidarität“ Alexej Gontscharenko (in der Russischen Föderation auf die offizielle Liste von Terroristen und Extremisten gesetzt) erklärt, dass heute mindestens drei Themen existieren würden, zu denen nach seiner Meinung Vereinbarungen möglich seien – die Sprache, die Kirche und die historischen Erinnerungen. „Die Kirche ist ein Verneigen vor Gott, dies ist der Glaube und die Liebe zum Nächsten. Wir haben die Orthodoxe Kirche der Ukraine, wir haben die Katholiken des byzantinischen Ritus. Wir haben viele Protestanten. Und wenn es ein Dutzend Menschen gibt, die in eine russische orthodoxe Kirche gehen wollen, mögen sie gehen“, hhate der Volksabgeordnete geschrieben. Jedoch antworteten die Parteigenossen fast sofort, dass Fragen des Glaubens und der Kirchenpolitik kein Gegenstand von Kompromissen oder gegenständlichen Vereinbarungen bei internationalen Verhandlungen sein könnten.