Seit dem 19. und bis einschließlich 30. Oktober findet in Jerewan die 17. Tagung der UN-Konferenz für biologische Vielfalt (COP17) statt. Für die Offiziellen Armeniens ist dies eine gute Möglichkeit, auf ihre Republik in der ganzen Welt aufmerksam zu machen. Und für die einheimischen Ökologen – eine Chance, darüber zu berichten, wie das Big Business mit Unterstützung des Staates die Natur des Südkaukasus im Interesse unglaublicher Gewinne opfert.
Am COP17-Forum werden rund 15.000 Menschen teilnehmen. Dabei hatte Jerewan bereits am Vorabend begonnen, internationale Spitzenvertreter zu empfangen. Unter anderem besuchte am 15. Oktober UN-Generalsekretär António Guterres die armenische Hauptstadt.
„Ich möchte Armenien dazu beglückwünschen, dass diese Konferenz auf einem außerordentlich hohen Niveau organisiert worden ist. Meine Kollegen sagen, dass es stets schwierig sei, die Annahme einer gemeinsamen Erklärung oder das Erzielen eines Abkommens im Verlauf von Gesprächen zu erreichen. Armenien hat eine außerordentliche diplomatische Meisterschaft demonstriert, indem es sozusagen ein Wunder vollbrachte, da es unterschiedliche Meinungen und Auffassungen vereinte. In allen Richtung der Arbeit von COP17 – auf dem Gebiet der biologischen Vielfalt und des Klimas – offenbart sich ein wahrhaft hohes Niveau der armenischen Führung und Diplomatie“, sagte der UN-Generalsekretär.
Seinerseits berichtete Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan, dass das Thema der Bewahrung der biologischen Vielfalt für die Armenier extrem wichtig sei.
„An für Armenien schweren Tagen hat unsere Natur uns gerettet. In den 1990er Jahren hatte sich das Land unter Bedingungen einer Blockade befunden, es mangelte an Strom, Gas und Kohle. Und die Menschen hatten ihre Wohnungen vor allem mit Holz geheizt. Unter diesen Bedingungen hatte ein massenhafter Holzeinschlag in den Wäldern Armeniens begonnen. Unter den Bedingungen eines fast vollkommenen Ausbleibens einer normalen Wirtschaftstätigkeit wurde er zu einer der profitabelsten Arten von Geschäftstätigkeiten. In Armenien wurden tausende Hektar Waldflächen und grüner Zonen abgeholzt, weite Verbreitung fand Wilderei, was unserer Natur und biologischen Vielfalt einen ernsten Schaden zufügte. Eine derartige Situation hat sich auch am Sewan-See ergeben. Anfang der 1990er Jahre, als die Import- und Produktionsketten gestört waren und Armenien einen täglichen Mangel an Lebensmitteln verspürte, halfen uns die Fischreserven des Sewans“, sagte der Premierminister.
Zur gleichen Zeit unterstrich Paschinjan, dass seine Regierung viel für eine Wiederherstellung der Naturressourcen unternehme. „Beendet wurde der illegale Holzeinschlag. In den letzten zehn Jahren hat sich der Bestand an Renken (Maränen) im Sewan um mehr als das 10fache erhöht. Das kaukasische Leopard galt als eine aussterbende Art in Armenien. Heute gibt es in Armenien rund sechs bis sieben Tiere. Und im Jahr 2024 wurden sogar zwei Jungtiere registriert“, zählte der Regierungschef auf.
Derweil traten rund 70 Nichtregierungsorganisationen und Bürger Armeniens mit einer gemeinsamen Aufklärung auf, die den Beginn der Ausbeutung der Golderz-Lagerstätte „Amulsar“ verurteilt. Sie fordern, unverzüglich die Arbeit der Erzgrube, für die am 10. Oktober der Startschuss gefallen war (siehe https://ngdeutschland.de/armenien-bereitet-sich-auf-ein-goldenes-wirtschaftswunder-vor/), einzustellen, und werfen der Regierung von Nikol Paschinjan Verantwortungslosigkeit vor.
Die Autoren der Erklärung betonen, dass der Betrieb der Erzgrube gegen internationale Verpflichtungen im Rahmen der Berner Konvention (Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume vom 19. September 1979) verstoße sowie die ökologischen, Wasser- und seismischen Risiken, die in einem Expertenbericht der Organisationen ELARD und TRC für das Jahr 2019 fixiert worden waren, ignoriere. Nach Aussagen der Vertreter der Nichtregierungsorganisationen würden die Goldförderung unter Verwendung von Cyanid und das Säure-Auslagen der Erzschichten eine Gefahr für die Flüsse Arpa und Worotan, den Sewan-See, des Mineralwassers von Dschermuk und dessen Kurortzone darstellen.
„Für mich ist es sehr bedauerlich, dass der berühmte Schacht zu arbeiten begonnen hat… Als „Mein Schritt“ (der Vorgänger der heute in Armenien regierenden Partei „Zivilvertrag“) existierte, gab es zu dieser Frage viele Streits. Im Endergebnis konnten sich der ökologische Flügel von „Mein Schritt“ und die Ökologen nicht einigen. Und wir haben das, was wir haben. Dabei haben die Argumente zugunsten des Schachts, die damals teilweise als logische erschienen, heute ihren Sinn verloren. Heute, da wir in Frieden leben und den Bau von Straßen und neue Investitionen erwarten, wirkt das Argument, „wir brauchen Schächte, um Waffen zu kaufen“, nicht mehr. Wir sagen nicht, dass man alle existierenden Schächte und Gruben mit einem Schlage stilllegen muss. Doch es sollten zumindest keine neuen eingerichtet werden“, erklärte der Politologe Mikael Soljan.
Nach seinen Worten sende die Einweihung der Grube der Welt das Signal, dass Armenien ein armes und instabiles Land bleibe, das sich nicht entwickele, sondern überlebe, denn mit Bergbau würden sich üblicherweise Länder der Dritten Welt befassen. Gleichfalls verglich er die Förderung von Bodenschätzen mit einem „Verkauf von Nieren“.
Mehr noch, wenige Tage vor dem offiziellen COP17-Start veranstaltete Premierminister Nikol Paschinjan am 17. Oktober das „Armenische Bergbau-Forum 2026“. Bei seinem Auftritt sagte er dort, dass es neben den großen Möglichkeiten in diesem Sektor auch Probleme gebe, darunter ökologische. Jedoch würde nach seinen Beobachtungen die Haltung zu den Schächten positiver werden, je mehr Menschen ihre Beteiligung spüren und einen gesellschaftlichen Nutzen sehen würden.
Zur gleichen Zeit sind entsprechend den Ergebnissen zwischen Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan und Kirgisiens Staatsoberhaupt Sadyr Dschaparow Jerewan und Bischkek zu Partnerstädten geworden. Außerdem vereinbarten die Offiziellen beider Länder eine Zusammenarbeit im Interesse eines Schutzes der Seen Sewan und Issyk-Kul.
P. S.
Weniger als die Hälfte der Staaten in der Welt liegen bei den eigenen Zielen zur Biodiversität auf einem guten Kurs, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres Ende vergangener Woche in der armenischen Hauptstadt vor der Eröffnung der COP17-Konferenz. „Diese schlechten Nachrichten bedeuten, dass der Krieg gegen die Natur noch nicht beendet ist“, erklärte Guterres. Dies demonstrierte auch ein Beitrag im ARD-Euromagazin am 18. Oktober, der im Grunde genommen den Aussagen von Nikol Paschinjan ein Gegenbeispiel lieferte. In der Sendung ging es darum, dass in Armenien nach wie vor illegale Holzfäller ihr Unwesen treiben. Doch dank deutscher und überhaupt EU-Unterstützung agieren Umweltschützer in dieser Kaukasus-Republik, deren Arbeit schrittweise kleine Erfolge bringt.