Papst Leo XIV. führte Telefonate mit den Präsidenten Russlands und der Ukraine. Die Anrufe des Pontifex wurden zu einer Fortsetzung jener friedensstiftenden Anstrengungen, die der Heilige Stuhl für eine Beilegung des Konflikts in der Ukraine und die Lösung humanitärer Fragen unternimmt.
Das Gespräch des Pontifex mit dem ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij erfolgte am 19. Oktober. Und mit dem russischen Staatsoberhaupt Wladimir Putin sprach Papst Leo am 16. Oktober. In beiden Fällen hat der Pressedienst des Heiligen Stuhls fast gleichartige Pressemitteilungen herausgegeben. In der Moskauer: „Im Verlauf des Gesprächs hat Leo XIV. Tiefe Besorgnis aufgrund der schweren humanitären Situation in der Stadt Aljoschki des Verwaltungsgebietes Cherson bekundet, wobei er um eine Feuerpause zwecks Gewährleistung der Lieferung von Lebensmitteln und medizinischer Hilfe, aber auch für eine freiwillige und sichere Evakuierung der Zivilbevölkerung bat“. In der Kiewer: „Im Verlauf des Gesprächs erinnerte der Heilige Vater an die schwere Situation in der Stadt Aljoschki des Verwaltungsgebietes Cherson, wobei er die bereits dem Präsidenten der Russischen Föderation vorgebrachte Bitte um einen humanitären Waffenstillstand erwähnte. Der Heilige Vater bekundete die Hoffnung, dass die Zusammenarbeit zwischen den Seiten erlauben wird, humanitäre Hilfe zu bringen“. Zum Abschluss beider Texte hieß es: „Der Heilige Vater bestätigte das Festhalten des Heiligen Stuhls an einem Dialog und an Frieden“.
Das Telefongespräch des Papstes mit Selenskij war ein durchaus zu erwartendes. Aber das Gespräch des Pontifex mit Putin war für viele zu einer Überraschung geworden. Die offizielle Internetseite des Präsidenten Russlands stellte den Inhalt des Gesprächs so dar: „Bei dem Meinungsaustausch zur Situation um die Ukraine dankte Wladimir Putin dem Papst für die Bereitschaft, einen Beitrag zur Beilegung des Konflikts zu leisten, und die unternommenen Anstrengungen in der humanitären Richtung. Im Zusammenhang damit, dass der Pontifex Besorgnis über das Schicksal der Zivilisten in der russischen Stadt Aljoschki des Verwaltungsgebietes Cherson bekundete, sind erschöpfende Erklärungen über die Verantwortung des Kiewer Regimes für die dort entstandene schwierige humanitäre Lage gegeben worden. Unterstützt wurde die Absicht des Vatikans, die Schaffung von Bedingungen für eine Gewährleistung der Sicherheit der Bevölkerung der Stadt und die Organisation lebenswichtiger Lieferungen zu unterstützen. Vereinbart wurde diesbezüglich ein Zusammenwirken. Das Gespräch erfolgte in einem konstruktiven und gegenseitig achtenden Geiste“. (Folglich wurde deutlich, dass Moskau auf der Grundlage der russischen Verfassung weiter das Gebiet Cherson für sich vollkommen beansprucht, aber wer letztlich die humanitären Lieferungen nach Aljoschki vornehmen wird, blieb offen. — Anmerkung der Redaktion)
Dies war bereits das zweite Telefongespräch des Präsidenten der Russischen Föderation mit dem neuen Pontifex. Erstmals hatten sie im Juni vergangenen Jahres miteinander telefoniert. Dieses Mal führte Leo XIV. das Gespräch aus dem Gemelli-Krankenhaus der italienischen Hauptstadt, wo er am 13. Oktober zwecks Entfernung eines bösartigen Knotens in der Lunge operiert worden war. Dem Heiligen Stuhl nahestehende Quellen erklärten, dass das Telefonat während der Russland-Besuche des Sekretärs des Vatikans für die Beziehungen mit den Staaten und internationalen Organisationen, Erzbischof Paul Richard Gallagher, und danach von Kardinal Matteo Zuppi, dem Sonderbeauftragten des Papstes für humanitäre Fragen, vereinbart wurde.
Gallagher war vom 25. bis einschließlich 28. August in Moskau und hatte es geschafft, sich mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow, dem Berater des russischen Präsidenten Jurij Uschakow, aber auch mit dem Vorsitzenden der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, mit Metropolit Antonij (Sewrjuk) zu treffen. Kardinal Zuppi besuchte die russische Hauptstadt vom 28. bis einschließlich 30. September und führte Gespräche mit Jurij Uschakow, aber auch mit der Menschenrechtsbeauftragten in der Russischen Föderation, mit Jana Lantratowa, und der Bevollmächtigten beim Präsidenten der Russischen Föderation für Kinderfragen Maria Lwowo-Belowa. Ungeachtet dessen, dass über die Ergebnisse der beiden Besuche recht umfangreich und detailliert sowohl in russischen als auch ausländischen Medien berichtet wurde, waren in diesen Berichten die geplanten Telefonate nicht erwähnt worden.
Dennoch werden sicherlich erstmals in den drei Jahren seit Beginn der Friedensmission des Vatikans diese Anstrengungen von der Öffentlichkeit recht ernsthaft zur Kenntnis genommen. Als der vorangegangene Pontifex, Papst Franziskus, Ende April 2023 über eine „geheime Friedensmission des Heiligen Stuhls“ berichtet hatte, löste dies anfangs sowohl bei der russischen als auch der ukrainischen Seite Skepsis aus. Im Mai des gleichen Jahres hatte Selenskij erklärt: Der Vatikan werde von Kiew nicht als Vermittler in den Gesprächen für eine generelle Beilegung des Konflikts mit Russland gebraucht. In Moskau nahm man aber die Initiative des Vatikans zur Kenntnis und stimmte einem Besuch eines Sondergesandten des Heiligen Stuhls zu. Jedoch hatte man anfangs keine Perspektiven für eine politische Vermittlung des Papstes gesehen.
Die erste Russland-Reise von Zuppi erfolgte im Juni 2023. Bei deren Bilanzierung gestand der Kardinal ein, dass der Heilige Stuhl „weder einen Friedensplan noch eine Vermittlerrolle“ habe. Während seines zweiten Besuchs in der russischen Hauptstadt im Oktober 2024 erfolgte eine Neuformatierung der Rolle des Vatikans: Er begann, seine Handlungen nicht als eine „politische Beilegung des Konflikts“ zu positionieren, sondern als eine „Mission des Mitgefühls und der Hilfe für konkrete Menschen“. Nach dem letzten Moskau-Besuch von Zuppi begann man, bereits von einer „neuen Diplomatie des Vatikans“ zu sprechen.
Katholische Medien heben hervor, dass unter Papst Leo die friedensstiftende Mission des Heiligen Stuhls qualitative Veränderungen erfahren habe. Sie habe sich in eine hochaktive Diplomatie transformiert. Im Unterschied zu Franziskus habe Leo eine traditionellere, eine institutionelle Vorgehensweise ausgewählt, wobei große Aufmerksamkeit Details gewidmet werde.
Papst Leo XIV. Erweiterte die Aufgabe von Zuppi, indem er den Akzent auf Menschenrechtsmechanismen verlegte. So war erstmals das Thema eines Austauschs nicht nur von Kriegsgefangenen, sondern auch von Zivilisten angesprochen worden. Aufgetaucht sind auch konkrete Angaben. Maria Lwowa-Belowa berichtete, dass in den letzten vier Jahren „mit unserer Unterstützung 32 Kinder aus 24 Familien mit Nächsten in Russland wiedervereint wurden, weitere 145 Kinder aus 118 Familien in der Ukraine und in Drittländern“. Und Russlands Botschafter beim Heiligen Stuhl, Iwan Soltanowskij, fügte hinzu, dass alle Liste, die durch Kardinal Zuppi geschickt worden waren, sorgfältig geprüft werden. „Zum heutigen Tag wurden rund 310 Fälle bearbeitet“, teilte der Diplomat mit.
Und noch ein interessantes Detail: Im September hatte noch vor der Moskau-Reise von Zuppi der Staatssekretärs des Vatikans Kardinal Pietro Parolin bei der Kommentierung der Ergebnisse der Teilnahme des Heiligen Stuhls am Prozess für eine Beilegung des Konflikts zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine diese als „unerhebliche“ bezeichnet. Aber nach dem Gespräch von Papst Leo mit dem russischen Staatsoberhaupt erklärte der Staatssekretär: „Ich hoffe, dass Präsident Putin zustimmt, das erfüllt, worum ihn der Papst gebeten hat. Allein die Tatsache dessen, dass er den Anruf annahm und sich unterhielt, kann meines Erachtens durchaus eine Erfüllung, eine Realisierung dessen bedeuten, worum der Papst gebeten hatte“.